Schwarz auf weiß #27: CONTROL (2007)

Biopics sind eine komplizierte Sache. Wenn die Macher den Protagonisten nicht in- und auswendig kennen, wird es schwer, wirklich authentisch zu sein. Dieses Problem hat CONTROL nicht. Der Film über das Leben von Ian Curtis, Frontmann der Band Joy Division basiert auf dem Buch „Touching From a Distance“ von Curtis Witwe Deborah Curtis und Regie führte der Fotograf Anton Corbijn, der Curtis persönlich kannte und die Band fotografiert hatte. Ein gutes Grundrezept, das in der Umsetzung nur noch besser wurde.

 

Nur ein leidender Künstler ist ein guter Künstler

Einer meiner Lieblingsromane „Vincent“ von Joey Goebel handelt von der Annahme, dass nur ein leidender Künstler wirklich großartige Kunst erschaffen kann. Leider erweist sich das immer wieder als wahr. Die düstere Musik von Joy Division wäre anders wohl nie entstanden.

Die Handlung von CONTROL verfolgt chronologisch das kurze Leben von Ian Curtis (Sam Riley). Für ihn ist das Leben in einem grauen Wohnblock in der Nähe von Manchester zu wenig. Aber zunächst fügt er sich seinem Schicksal. Er verliebt sich jung in Debbie (Samantha Morton), heiratet und bekommt ein Kind. Um die Familie zu ernähren, arbeitet er auf dem Arbeitsamt. Aber als er die Gelegenheit bekommt, Sänger einer Band zu werden, ergreift er die Chance sofort und die Band Joy Division entsteht. Ians düstere Stimme macht die Band schnell auch außerhalb ihrer Heimatstadt bekannt und so bekommen sie schnell einen Manager und Auftritte.

Mit dem Erfolg kommt aber auch ein Schicksalsschlag. Ian hat Epilepsie und die Anfälle treten auch auf der Bühne auf. Während die Band immer bekannter wird, lernt Ian die Belgierin Annik (Alexandra Maria Lara) kennen und beginnt eine Affäre mit ihr. Wenig überraschend gefährdet das seine Ehe.

Die Medikamente, seine Eheprobleme und die Epilepsie machen Ian depressiv. Seine Frau will die Scheidung und auch der Druck der anstehenden Tour machen ihm zu schaffen. Nach einem Streit wirft Ian Debbie hinaus. Am nächsten Tag erhängt er sich. Ian Curtis wurde 23 Jahre alt.

 

Vom Foto auf die Leinwand

Wenn ein Fotograf Regie führt, erwartet der Zuschauer eine außergewöhnliche Bildästhetik und Anton Corbijn liefert genau das. CONTROL ist ein Film vollgeladen mit dunklen Emotionen und Musik – in Farbe hätte dies nicht die gleiche Wirkung erzielt. Außerdem ist es nur konsequent für einen Künstler, der vorrangig schwarz-weiß fotografiert hat, dies auch in sein Regiedebüt mitzunehmen. Außerdem hält Corbijn stets einen gewissen Abstand zu Curtis. Er kann und will die Rätselhaftigkeit dieses Talents nicht auflösen und versucht es gar nicht erst. Er hält den Mythos aufrecht, ohne jedoch die Geschehnisse zu beschönigen.

Sam Riley verkörpert Ian Curtis. Riley war zuvor ein recht unerfolgreicher Rockmusiker, der sich mit einfachen Jobs über Wasser hielt, bis er für CONTROL gecastet wurde. Die wenige Erfahrung mit der Schauspielerei merkt man ihm nicht eine Sekunde an. Er verkörpert den komplexen Charakter unfassbar authentisch und zeichnet ein detailliertes Bild über einen Menschen, der in allen Bereichen seines Lebens buchstäblich die Kontrolle verliert. Auch der restliche Cast ist nicht schlecht, aber keiner kommt auch nur in die Nähe von Rileys Leistung.

Für mich ist CONTROL nicht gerade leichte Kost, aber immer wieder sehenswert. Obwohl viel Musik der Band zu hören ist, halte ich es nicht für einen Musikfilm. Es ist ein Film, der versucht einen Mann etwas zu erklären, dessen Einfluss auf die Musikwelt so immens war, obwohl es Joy Division gerade mal drei Jahre lang gab. Nicht nur für Fans der Band ein Muss.

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