Film,  Kritiken,  On Demand

365 DAYS (2020)

Der Zeitraum, den es braucht, um das Stockholm Syndrom zu entwickeln

Nach TWILIGHT und FIFTY SHADES OF GREY, gibt es nun endlich wieder einen Hoffnungsschimmer am Horizont für die Frauenwelt. Gerade in Zeiten von Corona und einsamen Quarantäne-Herzen, in denen Frau sich mit sich selbst beschäftigen muss, könnte dieses Meisterwerk der Streaming-Industrie vielleicht die Fantasie beflügeln und für Befriedigung auf der einen oder anderen Seite sorgen. Nach Hollywood haben nun die Polen tief im Literaturarchiv gegraben und einen neuen Erotik-Streifen auf den Markt gebracht. Ob es sich hierbei um einen Erotik-Thriller, ein Erotik-Drama oder Erotik-Romance handelt wird sich zeigen. Fairerweise sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es sich bei der polnischen Buchreihe ebenfalls um eine Trilogie handelt. Bedeutet, dass es wohl im nächsten Jahr mit Teil 2 weitergehen wird.

INHALT

Sizilien: Der junge Mafiaboss Massimo Toricelli (Michele Morone) entführt die Polin Laura Biel (Anna-Maria Sieklucka) während ihres Urlaubs auf Sizilien. Nachdem Laura in seinem Anwesen erwacht, macht der sexy-düstere Don Massimo der hübschen Polin ein Angebot, wie es nun mal die Art der Mafiosi in der Filmindustrie zu sein scheint: Er möchte dass Laura 365 Tage mit ihm verbringt, in der Hoffnung, dass sie sich in ihn verliebt und letztendlich bei ihm bleibt. Laura als vergebene Frau ist von dieser Idee zunächst wenig angetan. Erst als Massimo ihr eindeutige Fotos präsentiert, die ihren viel geschätzten polnischen Partner als betrügerischen Fremdgeher entlarven, ist sie aus der Wut heraus geneigt, seinem Angebot zuzustimmen. Ein aufregendes Abenteuer in Sizilien mit vielen Gefahren steht der Protagonistin bevor. Wird sie Italien danach noch als schönes Reiseziel empfinden?

FAZIT

Bei dem Film 356 DAYS handelt es sich um eine Romanverfilmung der polnischen Autorin Blanka Lipinska. Die Geschichte „armes Mädchen verliebt sich in einen reichen Mann“ ist nicht neu, was zunächst einmal nicht Schlechtes heißen muss. Der Film wird damit beworben, dass er deutlich härter sei als FIFTY SHADES OF GREY. Eine clevere Marketing-Strategie, denn damit erreicht Netflix nicht nur die immense Zielgruppe der Trilogie um Ana Steel und Christian Grey, sondern ebenfalls diejenigen, die damals vom Film enttäuscht waren und deren Neugier auf das Sextakel durch die Medien geweckt wird.

Der Film weist doch deutliche Parallelen zu FIFTY SHADES OF GREY (kurz: FSOG) auf. Zunächst einmal, der reiche und dominante Mafiaboss Don Massimo, der, wie er selbst, sagt kein Mann ist, dem man widerspricht und sich in der Regel nimmt, was ihm gefällt. Auch die Kameraführung und die Musik im fast zweistündigen Erotikmovie, erinnern irgendwie an die Hollywood Variante. Doch wer jetzt auf ultra-heiße BDSM Szenen hofft, die es schon im BDSM für Beginner Movie FSOG nicht gab, wird auch dieses Mal enttäuscht sein. Aber keine Sorge: Fans von überlangen Sexszenen kommen hier definitiv auf ihre Kosten und müssen im Freundeskreis nicht mal ehrlich zugeben, dass sie einen Porno gesehen haben. Nicht umsonst wird derzeit viel diskutiert, ob der Sex zwischen Michele Morone und Anna-Maria Sieklucka gespielt oder nicht vielleicht doch echt war. Fangen wir einmal vorne an:

Einführung Don Massimo als heißblütiger Italo Lover auf mindestens zwei Metern, hart wie Stahl und tätowiert wie ein echter Bad-Boy. Nach dem Verlust seines Vaters übernimmt er das Familienimperium, was nicht einfach für den temperamentvollen Sizilianer ist. Gleiten ihm die Dinge aus der Hand, verliert er die Kontrolle und es kommt zu Übersprunghandlungen seinerseits, die teilweise die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten. Zumindest wurden meine bereits innerhalb der ersten 15 Minuten überschritten und ich spreche hier nicht von meiner Fremdschamgrenze, die Latte liegt ziemlich hoch. Ein abhandengekommener Container führt zu starker Erregung seitens des männlichen Protagonisten. Diese Erregung – hier im doppelten Wortsinn, der aufkeimenden Wut über den Verlust des Containers, als auch in männlich sexueller Hinsicht – lässt er dann im Privatjet (über ebensolchen verfügte auch Christian Grey) von der Stewardess abbauen.

Die Szene, in der der Chef Oral-Verkehr von seiner Mitarbeiterin fordert, was wie eine Vergewaltigung anmutet und das in Zeiten von #metoo und #männerwelten. Wird in diesem Film etwa Vergewaltigung verharmlost? Diese Frage lässt mich bereits mit Schaudern auf die verbleibenden Minuten des Films blicken. Doch ist diese Handlung allein noch nicht fragwürdig genug, wird die Szene durch Schnitte auf die Protagonistin Laura immer wieder unterbrochen. Die gerade selbst, höchst lasziv selbst im Bett Hand anlegt. Damit kommen wir auch endlich zu der weiblichen Protagonistin. Laura, ähnelt in ihrem äußeren Erscheinungsbild stark Lena Meyer-Landrut und ist in Polen Hotelmanagerin, die nun ihre Ferien auf Sizilien verbringt und dabei in die Fänge des heißen Rattenfängers gerät. Anders als das zurückhaltende Mäuschen Anastacia, ist Laura nicht auf den Mund gefallen und mindestens ebenso heißblütig und temperamentvoll wie der große Don.

Nachdem Laura das Angebot, 365 Tage mit dem großen Massimo zu verbringen, akzeptiert hat, taucht sie in seine Mafiosi-Welt ein. Wird sie vom Kopf der Familie mit Geschenken und gutem Essen überhäuft, baut 356 DAYS bereits sehr schnell eine körperliche Spannung zwischen dem Sizilianer und der Polin auf. Ob es an den Ohrfeigen, dem Besuch des Wäschegeschäfts oder der vielen nackten Haut liegt, lässt sich nicht so leicht sagen. Doch eben hier beginnt auch die Fremdscham-Latte bei mir Alarm zu schlagen, als ihr der harte Mann beim Abendessen „Kannst du mich lehren, sanft zu sein?“ ins Ohr haucht und sie dann noch beim Schlafen beobachtet – hallo Edward aus TWILIGHT, du merkwürdiger Freak!

In der Duschszene – auch hier noch mal ein kleiner Verweis auf FSOG und die ebenfalls vorhandene Duschszene – wird es dann zunehmend unangenehm, hier werden die Rollen getauscht und Laura mutiert zum Gaffer, während der größer werdende Massimo fragt, ob sie nur zuschauen oder auch anfassen will. Laura provoziert und lässt ihn abblitzen, woraufhin er ihr noch mal eindrucksvoll erklärt, dass er sich in der Regel mit Gewalt nimmt was er möchte. Die Retourkutsche erfolgt postwendend beim Szenenwechsel, von der feuchten Dusche geht es in den Privatjet, in dem Massimo nun die Rolle des Provokateurs einnimmt und Laura mit feuchtem Höschen zurücklässt.

Der Moment in dem mir aufgeht, dass dieser Film durchzogen ist von feuchtfröhlichen Motiven. Das Bad im römischen Trevi Brunnen, das dubiose Aufeinanderteffen der Beiden nach der allabendlichen Dusche – übrigens die einzige halbwegs an BDSM erinnernde Szene im ganzen Film (ein Wiedersehen mit dem Teleskoprohr für die Kenner unter euch), feucht fröhliche Spielchen in einem Club und dann der Grande feuchte Höhepunkt des Filmes, den ich an dieser Stelle nicht vorenthalten kann, auf der Yacht. Ja, genau Yacht, die gab es auch schon bei FSOG und darf natürlich auch in diesem erotischen Abenteuer nicht fehlen.

Der Streit nach dem Abend im Club eskaliert zwischen den beiden Heißblütern und die gegenseitigen Provokationen fordern letztendlich ihren Tribut. Sexuelle Energien haben sich angestaut und müssen sich entladen. Wo geht das besser als auf dem freien Meer? Als Folge des Streits stürzt die kleine Polin ins Wasser und wird vom fragwürdigen Helden in spe gerettet. Es kommt zu einem emotionalen Geständnis über Verlust und die Unerträglichkeit eines solchen vom nun sanftmütigen Don. Es fallen Sätze, die mir aus Fremdscham bereits die Röte ins Gesicht treiben, doch es wird noch schlimmer. Es folgen circa acht Minuten schamlose Bumserei auf der Yacht, verschiedene Stellungen und wechselnde Schauplätze auf der Yacht sollen den gefühlt 20 Minuten endloser an einen Soft Porno anmutenden Szenerie wohl die nötige Abwechslung verleihen. Nahaufnahmen der Darsteller zeigen eindrucksvoll die verschiedenen Facetten der Gesichtsausdrücke des Homo Sapiens beim Verkehr. Mein Gesichtsausdruck durchläuft ebenfalls verschiedene Stadien, jedoch ist keiner davon aufkommende Lust.

Der Rest des Films verläuft dann wie ein Schnelldurchlauf der FSOG Trilogie, Maskenball, eifersüchtige Ex und Todesdrohung. Hochzeitsvorbereitungen und Baby runden das Ganze ab. Der Cliffhanger ist natürlich vorprogrammiert.

Mein Resumee zum Film ist schwierig, da er durchaus fesselnd ist. Dies begründet sich aber wohl eher darin, dass der Film Unfallcharakter hat. Etwas passiert, was ganz furchtbar ist und was man mit Sicherheit nicht sehen möchte, aber es fällt schwer wegzuschauen. Die Dialoge sind einfach grauenhaft platt, doch wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, hat der Autor dieses Drehbuchs es tatsächlich geschafft, Dinge in ihrer peinlichsten Reinform in Dialogform zu bringen. Die Chemie zwischen den beiden Darstellern ist gelungen, zwar durchaus auf Fremdscham Niveau, aber das es knistert, das kaufe ich den beiden zu 100 Prozent ab. Liegt aber vielleicht am durchaus maskulinen Christian-Grey-Imitat, der die Rolle des harten Italo Mafiosi mit softer Seite gut zu spielen weiß. Möglicherweise sagen das aber auch nur die Hormone und ich habe neuerdings einen Hang zu tätowierten Bad Boys.

Also solltet ihr Netflix aufgrund von Kurzarbeit oder Home-Office schon gefühlt durch haben, guckt ihn euch an, erwartet aber kein heißes BDSM Abenteuer. Stellt euch auf Soft Porno mit FSOG und TWILIGHT-Elementen ein, die keinerlei intellektuelle Herausforderung mit sich bringen, dafür aber viel Feuchtigkeit und nackte Haut.

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Netflix

Hello, ich bin die Lena und neben meiner Passion dem Lesen steht direkt das Kino. Gerne natürlich auch Buchverfilmungen, wobei ich immer noch auf das cineastische Meisterwerk warte, das die literarische Vorlage übertrifft. Die Wartezeit auf die nächste Buchverfilmung vertreibe ich mir dann mal mit Serien ;-)

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