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PARASITE (2019)

Abgedrehte Gesellschaftssatire mit Mindfuck-Garantie

PARASITE ist ein Abräumer: der schwarzhumorige Thriller aus Südkorea holte die goldene Palme, jeweils einen César und einen BAFTA Award als bester fremdsprachiger Film und sicherte sich in den Königsdisziplinen „Beste Regie“, „Bestes Originaldrehbuch“ sowie „Bester Film“ einen Oscar. Dass der Film zudem noch als „Bester Fremdsprachiger Film“ mit einem Goldjungen ausgezeichnet wurde, ist nicht nur geschichtsträchtig, sondern ein absolutes Novum. Wenn man sich das Werk ansieht, sind all diese Auszeichnungen keine Überraschung, sondern mehr als verdient.

INHALT

Familie Kim lebt am Existenzminium. Die vier Familienmitglieder nehmen daher jeden Hilfsjob an, den sie bekommen können, schnorren W-Lan bei den Nachbarn und haben wenig Skrupel vor kleinen Alltagsverbrechen. Durch eine glückliche Fügung wendet sich jedoch ihr Blatt. Denn ein Freund von Sohn Ki-woo (Woo-sik Choi) empfiehlt ihn als Englischnachhilfelehrer. Die gutsituierte Familie Park nimmt die Empfehlung an – ohne die Folgen zu erahnen.

Ki-woo versteht sich mit der Tochter, die er in Englisch helfen soll, nicht nur besser als er sollte. Vielmehr nutzt er die Naivität seiner neuen Arbeitgeber aus und zeckt sich bald mit seiner ganzen Familie bei den Parks ein. Nach und nach steht seine Schwester Ki-jung (So-dam Park), sein Vater Ki-teak (Kang-ho Song) und seine Mutter Chung-sook (Hye-jin Jang) im Dienst der Parks. Jetzt könnte ein schönes Leben mit geregeltem Einkommen eigentlich beginnen. Doch eines Abends eskaliert die Situation und das Lügengerüst der Kims wird regelrecht vom Sturm weggespült…

FAZIT

Eine skrupellose Familie, die nichts besitzt außer zwei Kinder mit messerscharfen Verstand und einem eiskalten Talent zum Lügen, zeckt sich in das Leben Unschuldiger: PARASITE von Bong Joon Ho (OKJA; 2017) ist ein verrückter Mindfuck, der an die Nerven der Zuschauer geht und akutes Kopfschütteln verursacht. Zwischen der absurden Komik und dem nervenaufreibenden Kammerspiel spannt sich ein wackelndes Netz aus Betrügereien. Regisseur Bong Joon Ho kreiert ein bitteres Spiegelbild einer ignoranten Gesellschaft, die in ihrer kleinen Blase gefangen scheint. Das wahrhaft Erschreckende an der Geschichte ist ihr authentischer Charakter. Denn obwohl die Handlung überspitzt wurde, erzählt PARASITE etwas, das durchaus genauso so passieren könnte. Unsere egale Welt, zeigte schließlich schon häufig genug, dass versteckte Leben und unterdrückte Menschen real sind.

Die Inszenierung allein ist ein Meisterstück: Jedes Bild, jede Einstellung sitzt. Der Regisseur nutzt die Weite seiner Bilder, um uns als Beobachter das ganze Ausmaß der Geschichte erfassen zu lassen. Nur um uns im nächsten Moment dicht an die Figuren zu ziehen, damit wir den Geschmack der Lügen metaphorisch riechen können. Der Zuschauer wird zum Spielball unzähliger Situationen, in der niemand die Kontrolle besitzt. Unweigerlich leiden wir mit, möchten helfen…oder den Guten oder den Schlechten. Doch wir bleiben Beobachter.    

Ekel, Scham, fiese Alltagssünden und Tabubrücke inszeniert PARASITE nicht selten aus unwürdigen Perspektiven und Blickwinkeln heraus. Die Einstellungen geben dem Erzählten eine relevante Tragweite: Ein betrunkener Mann pinkelt an die Fensterscheibe einer engen Kellerwohnung. Ein Paar befriedigt sich auf der Couch, während unter dem Tisch eine versiffte Verbrecherfamilie versucht, unentdeckt zu bleiben. Es sind solche Szenen, die vielleicht nicht in voller Gänze gezeigt werden, jedoch durch ihre Inszenierung im Kopf bleiben.

Jeder Charakter in PARASITE hat entweder mit Lastern zu kämpfen oder tiefsitzenden Traumas zu überwinden. Das Ensemble spielt mal apathisch, mal lakonisch, mal albern, mal liebevolle, mal aggressiv und mal absolut durchtrieben. In ihrem facettenreichen Spiel präsentieren sie das koreanische Kino, dass in den letzten Jahrzehnten viele zu schätzen gelernt haben, hervorragend.

Biblische Sinnfluten, dämonische Eindringlinge, unerklärlich Leichtgläubigkeiten einer mit sich zufriedenen Familie und ein strenger Geruch als fatales Leitmotiv. Die Symbolik von PARASITE bedarf eines Literaturschlüssels: Den muss sich der Zuschauer erarbeiten. Doch es fällt leicht, denn die tragenden Stilmittel sind tatsächlich nur das, was sie sein müssen – Mittel zum Zweck, um uns vorzubereiten für den nächsten geniale Kniff.  PARASITE verliert in den knapp zwei Stunden nicht an Fahrt. Die Handlung erfindet sich stets neu und weiß durch wahrhafte unvorhersehbare Wendungen zu überraschen und zu überzeugen – in der heutigen Zeit ein sehr seltenes Gut bei Filmen.

PARASITE ist ein Meisterwerk ohne große Gesten, aber mit viel Sinn für das Handwerk. Handlung, Inszenierung und Schauspiel bilden eine chaotisch-erschreckende Symbiose, die einen der stärksten und vielseitigsten Filme der letzten Jahrzehnte hervorgebracht hat.

PARASITE ist ab dem 05.03.2019 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Koch Media

Moin! Ich bin der Filmaffe. Den Blog hab ich mir ausgedacht. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.

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