Filmaffografie #3: Mein erster Fernseher

Vor einer Zeit, in der jedes Kleinkind mit einem Tablet aufwächst und der Heranwachsende seine TV-Sucht via Smartphone in YouTube stillt, gab es gleich mehrere Generationen von Jugendlichen, die nur mit dem Fernsehprogramm aufwuchsen. Und sie waren stets erleichtert, als der Tag kam, an dem die erste Röhre im Kinderzimmer stand.

Ich verbinde damit eine Prise von Freiheit. Warum das so ist und wie ich zu meinem ersten Fernseher kam, davon möchte ich euch in diesem Auszug aus meiner Filmaffografie erzählen.

An einem Montagmorgen im Frühling bereitete sich mein Vater und ich auf einen Ansturm vor. Wir befinden uns zu einer Zeit, in der ein Fernseher durchaus erschwinglich, aber nicht sonderlich günstig war. Ein Angebot beim örtlichen Discounter wirkte wie der reinste Magnet für Schnäppchenjäger. Knapp 100 DM sollte der Fernseher kosten. Ein unschlagbarer Preis, der zur Folge hatte, dass wir an jenem Morgen schon um kurz vor 7 Uhr vor dem Laden standen. Aber nicht nur wir…es waren etwa 50 Personen vor Ort. Alle vor diesem kleinen Discounter. Und es kam, wie es kommen musste.

Kaum wurden die Türen geöffnet, begann der Run auf die begehrte Glotze. Für den kleinen Zehnjährigen in mir fast lebensgefährlich. Also rannte mein Vater vorneweg durch die Massen durch. Gerade einmal 15 Fernseher waren vor Ort. Und eigentlich hatten wir schon einen in der Hand. Aber wir kennen diese Schnäppchenszene aus Sitcoms: Natürlich war die Hand eines anderen auch am Gerät. Es war eine zierliche Mutter, die inbrünstig kreischte: „DAS IST MEINER!“ Warum sich mit so einer Person prügeln, es war ja nur ein besonders günstiger Fernseher.

Also mit leeren Händen wieder raus aus den Laden und Plan B: Es gibt ja noch einen anderen ALDI (jetzt ist es raus!) in unserem Stadtteil. Der war zwar etwas außerhalb, aber auch in 15 Minuten zu erreichen. Wie Batman und Robin kurz vor dem Einsatz, stiegen wir galant und energisch ins Auto und fuhren los. Dort angekommen, war es schon fast 8 Uhr. Die Hoffnung, einen eigenen Fernseher noch heute in den Händen zu halten, schwand. Dann kamen wir an.

Es war totenstill. Kaum einer vor Ort. Wir ahnten böses. War etwa nichts mehr da? Dann gingen wir rein – gleich zur Aktionsfläche. Und da standen sie: vier Stück waren noch da. Plötzlich hatten wir sogar die Wahl. Mir egal, ich nahm den Obersten. Wir gingen zur Kasse und trotz des recht großen Gewichtes schleppte ich mich mit ihm ab. Ich war so stolz, so berauscht von dem, was bald auch mich warten würde. Wir bezahlten und fuhren nach Hause. Keine Stunde später stand der schwarze Kasten angeschlossen bei mir im Zimmer.

Ja, so kam ich an den ersten Fernseher. Ein Gerät, das zum damaligen Zeitpunkt richtig viel konnte: Es war schwarz, es war ein Farbfernseher, hatte Videotext und (jetzt kommt der Knaller) zwei Scart-Anschlüsse. Hightech pur!

Ich schaltete das gute Stück an. Das Fernsehprogramm stand mir offen und ich hatte die Macht. Dieses Gefühl der Freiheit kennt man heute gar nicht mehr. Doch ich bin noch so aufgewachsen, dass ich zwar fernsehen schauen durfte, aber ich schaute eben das mit, was bei meinen Eltern im Wohnzimmer lief. Selbst mal entscheiden, was man gucken möchte, das war nur zu bestimmten Zeiten mal möglich und ab abends um 19 Uhr völlig unrealistisch. Nun war das alles vergessen. Ich zappte zwischen diesen sechs Programmen (ich hatte in meiner Kindheit zehn Jahre lang kein Kabelfernsehen – andere Geschichte) hin und her. Ich war der König des TVs und die Fernbedienung war mein Zepter. Von jetzt an war dieser Kasten fast immer an, wenn ich zuhause war. Ab hier begann ein neues Zeitalter in meiner Filmaffografie. Was das bedeutet, davon erzähle ich ein anderes Mal.

Aber nun zu euch: Wie seid ihr zu eurem ersten Fernseher gekommen? Oder ab wann und wie konntet ihr zum ersten Mal entscheiden, was ihr sehen wolltet?

Jörg Gottschling

Moin! Ich bin der Filmaffe. Den Blog hab ich mir ausgedacht. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
Jörg Gottschling

2 Gedanken zu „Filmaffografie #3: Mein erster Fernseher

    • Ja, so war das damals. Alles eben nicht selbstverständlich. Und wir geben zu: Dein Artikel war für diesen Beitrag eine kleine Inspirationsquelle. Sprrch: Empfehlung an alle anderen, lest da mal rein! :)

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