HALLOWEEN (2018)

Old Man Michael kehrt zurück

Auch wenn bei HALLOWEEN eine Zahl dahinter fehlt und der Anschein entsteht, dass es sich um ein Remake von Bloumhouse handeln könnte, ist dieser Horror-Slasher der alten Schule eine Fortsetzung – vielleicht sogar das krönende Finale. Regisseur David Gordon Green greift das Gefühl des ersten Teils von 1978 auf und kreiert einen erbarmungsloses Film, der mit manchem Augenzwinkern auch für ein Schmunzeln sorgt. Ein ambivalentes Werk, bei dem nicht viel Luft zum Durchatmen bleibt.

INHALT: 

Seit Jahrzehnten ist Michael Myers (Nick Castle) eingesperrt in einer Hochsicherheitsirrenanstalt. Dort sitzt er für ein Verbrechen, dass er mit acht Jahren begonnen und seit dem nie wirklich aufgehört hat: Er bringt Menschen um. Nun soll er verlegt werden. Doch dabei geht etwas schief. Der Transporter kommt von der Straße ab und Michael kann fliehen. Sein Ziel: Seine Schwester Laurie (Jamie Lee Curtis) und ihre Familie.

Die hat sich ihr eigenes Refugium geschaffen, in dem sie sich jahrelang auf die erneute Konfrontation mit Michael vorbereitet hat. Sie gilt als paranoid und irre, doch hinter dem Wahnsinn steckt eine wahre Angst. Diese wird nun bestätigt. Kann Laurie ihre Tochter und ihre Enkelin vor Michael beschützen?

FAZIT:

HALLOWEEN versteht es, den Geist des ersten Teils in die heutige Zeit zu übertragen. Fast ein wenig zu old school wirken die Schockelemente und die Morde wie ein gut-gelagerter (roter) Wein, der für einen gehobenen Anlass hervorgeholt und geöffnet wurde. Alles schmeckt wie damals, als der besondere Jahrgang namens „Slasher“ seine Kinohöhepunkte feierte. Das beginnt damit, dem Schrecken zwar einen Namen, aber kein Gesicht zu geben, setzt sich mit amüsanten Referenzen fort, mündet in fast unspektakuläre, authentische Morde und schließt mit einem scheinbar unsterblichen Killer.

Auch dieser HALLOWEEN beruft sich dabei auf die Konvention des Subgenres: Viele Figuren werden nur eingeführt, um möglichst kreativ ermordet zu werden. Wobei der Kreativität hier nicht sonderlich genüge getan wurde. Denn oft wird nur eingestochen, draufgehauen und erwürgt – zu Michael Myers passt diese Art jedoch hervorragend. Auch die Story ist nicht sonderlich innovativ: Irrer Mörder bricht aus, um seine Familie zu jagen. Die Familie wiederum flüchtet. Irgendwann kommt es doch zur Konfrontation. Und zwischendrin wird gemordet. Bei diesem Genre darf man eben nicht viel Tiefe erwarten.

Die Stärken des Films liegen an anderen Stellen. Seinen Figuren und darin, dass er von seiner Vergangenheit zerrt: dem Kult, der um die Reihe und die Personen entstanden ist. Diese Trumpfkarte spielt der Film voll aus. Viele Referenzen warten darauf, entdeckt zu werden. Ein Fan-Service, der nicht gewollt, sondern sehr gekonnt daherkommt. Denn HALLOWEEN spielt mit den Erwartungen des Publikums, setzt auf bekannte Muster und weiß auch, die eine oder andere Pointe zu setzen – wenngleich auf so manchem Witz der Schrecken folgt. Offensichtlich haben die Filmemacher ihre Hausaufgaben gemacht. Die Vorgänger wurden ausgiebig studiert und bekannte Szenen bewusst für diesen HALLOWEEN adaptiert und neu interpretiert. So wirkt alles sehr vertraut und erscheint doch im neuen Licht. Fein!

Mit dabei eines der ersten Final Girls der Filmgeschichte: Jamie Lee Curtis hat das Schreien nicht verlernt. Doch sie ist taffer geworden – sogar noch taffer als in HALLOWEEN 20TH. Aber sie ist gebrochen. Dem Alkohol zugänglich und eingebunkert in ein Lebensgeflecht aus Angst und Paranoia, verarbeitet sie erfolglos ein tiefsitzendes Trauma, das ihren labilen Charakter geformt hat. Curtis zeichnet ein überzeugendes Bild einer ambivalenten Frau.

Was Laurie an Emotionalität mitbringt, verliert sich in Michaels starrer Regungslosigkeit. Er wird als lebende Legende dargestellt. Eine Art Logan im Slasher-Universum. Reue, ein kleiner Ausbruch menschlichen Verhaltens sucht man bei ihm allerdings vergebens. Auch als alter grauer Mann ist er immer noch der eiskalte Killer, der mit einer erschreckenden Leichtigkeit Menschen ermordet. Genau das sind die erbarmungslosen Momente des Films, in denen das Schlucken schwer fällt. Ja, das hier mag stellenweise ein Film mit Augenzwinkern sein, aber es ist eben in erster Linie ein echter Horrorfilm der alten Schule.

Optisch besonders gelungen, zeigt sich so mancher Mord als One Shot, den wir als stiller Begleiter des Mörders mitverfolgen. Solche Einstellungen sind ein Grund dafür, dass sich der Zuschauer schnell von den Geschehnissen der Nacht einfangen lässt. Der Klang dröhnender Musik ist ein weiter Grund. Der stete musikalische Spannungsaufbau ist ein unheilvolles Omen für die nächste schreckliche Tat. Obligatorisch wird zudem nach jedem Mord das HALLOWEEN-Theme angespielt. Der nahezu bei Nacht (Halloween-Nacht) spielende Horrorfilm baut durch seine Bilder und den Soundtrack eine düstere und spannende Atmosphäre aufzubauen, die durch klassische Jump Scares unterstützt wird.

In all seiner blutig-gewalttätigen, grobschlächtigen und teils auch vorhersehbaren Einfachheit gelingt es HALLOWEEN im vollen Umfang zu unterhalten. Denn trotz den Fesseln des Genres gelingt es, kleine Überraschungsmomente zu schaffen. Der Wert des Films liegt im Detail. Man benötigt stellenweise einen Lektüreschlüssel, um die Details zu dechiffrieren. Das und die recht unmoderne Art seiner Präsentation macht den Film für das jüngere Publikum zu einem ideenlosen Werk. Das ist HALLOWEEN aber keinesfalls – er ist Horror in seiner ursprünglichen Form: authentisch, schaurig und erbarmungslos.

HALLOWEEN startet am 25.10.2018 in den deutschen Kinos.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Universal Pictures

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
Jörg Gottschling

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