X-MEN: APOCALYPSE (2016) – Ein Nachtrag

Mutanten-Matsch & Materialermüdung

Zwar hat bereits Tobias in seiner Filmkritik zu X-MEN: APOCALYPSE eine äußerst positive Meinung zu Bryan Singers letzten Film abgegeben. Aber nachdem auch ich den neuen Mutantenhelden-Film anschauen durfte, kam ich nicht darum herum, noch mal schnell meinen Kommentar dazu abzugeben. Und so viel vorab: Herr Singer ist es gelungen, sich auch in seinem Reboot zu verzettelt. Dabei sollte doch eigentlich genau das alles wieder heile machen sollte.

INHALT:

Ein alter, mächtiger Mutant erwacht aus einem sehr langen Schlaf und findet die neue Welt, wie er sie vorfindet, ziemlich doof. Deswegen rekutiert er direkt mal vier neue Apokalyptische Reiter, die ihm bei seiner neuen Weltordnung helfen sollen. Mit dabei Wetterfee Storm und Metallbändiger Magneto.

Der Mutant beginnt gleich mal damit, die Welt auf seine Art zu „säubern“. Natürlich gefällt das den Menschen überhaupt nicht. Aber die wissen eh nicht, wie ihnen geschieht. Die einzigen, die ihm gewachsen scheinen, sind andere Mutanten. So bleiben nur Professor Xavier, Mystique, Biest, Quicksilver und Co, um die Welt vor einer drohenden Zerstörung zu bewahren…

FAZIT:

Soviel schon einmal vorweg: Tobias hat in seiner Filmkritik recht und der Film ist gut. Die Effekte sind großartig. Die Story ist okay und hält sich durchaus an die Vorlage. die Quicksilver-Szene ist wirklich das Highlight des Films. Und auch Wolverines Auftritt ist ein Kracher. Aber leider hat X-MEN: APOCALYPSE ein paar holpernde Probleme und Ungereimheiten, die mal angesprochen werden müssen. [Achtung: Ab hier könnte der ein oder andere angedeutete SPOILER lauern – da kam ich leider nicht drum herum]

Problem 1: Wer ist hier eigentlich der Stärkste?
Direkt am Anfang von X-MEN: APOCALYPSE wird klar gemacht: Dieser eine Mutant ist der Geilste. Und tatsächlich kann er verdammt viel. So verstärkt und absorbiert er die Kräfte anderer Mutanten und löst jedes Material in seine Bestandteile auf, nur um es dann wieder in anderer Form zu verschmelzen. Doch auch Magneto steht dem im nichts nach. Er kontrolliert einfach mal alles Metall der Welt und wird, dass muss man leider so sagen, zum Massenmörder. Und dann ist da noch Jean Grey, dessen Kräfte wohl alle überragt – aber verraten wir hier mal nicht zu viel.

Leider verzettelt sich Singer hier ein wenig. Denn es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen den Mutanten. Das beruht zwar auf die Comicvorlage, äußert sich in X-MEN: APOCALYPSE als etwas sehr Unruhiges und Unausgegorenes.

Problem 2 Der unkommentierte Kollateralschaden
Zerberstende Straßenzeilen, explodierende Häuser, einstürzende Brücken und sich in der Luft herum wirbelnde Trümmer, das mag alles prima aussehen und gehört zu einem Superheldenfilm irgendwie dazu. Aber die Tatsache, dass auch in diesem Film reihenweise Menschen sterben, ja sogar ganze Städte dem Erdboden gleich gemacht werden, bleibt völlig unkommentiert. Auch die Tatsache, dass für diese Materialschlacht eigentlich Magneto verantwortlich ist, soll bald keine Rolle mehr spielen. Da sind tatsächlich andere Superhelden-Reihe schon weiter. So müssen sich in BATMAN V SUPERMAN und auch in THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR (beide erst in den letzten Wochen angelaufen) die Helden für ihre ach so glorreichen Zerstörungsrettungsaktionen verantworten. Und was passiert in X-MEN: APOCALYPSE? Da feiert man sich selbst. Die Welt und ihre Menschen sind egal.

Problem 3: Die Auschwitz-Szene
Der Oberchecker-Mutant, der im übrigen nie Apocalypse genannt wird, will Magneto auf seine Seite ziehen und reist mit ihm in Konzentrationslager nach Auschwitz. Der findige Fuchs unter euch kennt natürlich die Vergangenheit von Magneto und weiß, dass er dort seine Eltern verloren hat. Die Szene dient dazu, das Magneto seine wahren Kräfte erkennt. Diese stellt er gleich mal unter Beweis und tilgt ein Stück sehr dunkle Geschichte von der Erdfläche. Die Frage ist hier dennoch: Warum? Warum lieber Herr Singer mussten Sie unbedingt diesen Ort in ihre Handlung aufnehmen – und effektreich zerstören? Die Szene wirkt deplatziert und schreit danach, herausgeschnitten werden zu wollen. Sie ist noch nicht mal besonders lang und ist trotzdem over the top – mehr als nur ein bisschen zu viel. Sie ist gar überflüssig. Schließlich hatte Magneto zu diesem Zeitpunkt schon mit allem abgeschlossen und wäre auch ohne sie bereitwillig auf die dunkle Seite der Sith übergelaufen. Bitte einfach das nächste Mal innehalten, noch überdenken und sich dann nicht so pietätlos auf ein Gebiet wagen, für die Rahmenhandlung des Films nicht angemessen ist.

Problem 4: Die Krux mit den Figuren
Natürlich wurde mit X-MEN: ERSTE ENTSCHEIDUNGEN ein Reboot eingeleitet und natürlich dürfen daher einige Konstellationen neu geordnet werden. Aber leider kränkeln die Figuren genau an dieser konstruierten Inkonsequenz und passen plötzlich nicht mehr so richtig ins Gesamtkonzept hinein. Ein mahnendes, wie nicht wegzudenkendes Beispiel ist Wolverine, der im Gegensatz zu seinen Heldenkumpels, deren Geschichte erneut vor X-MEN (2000) angesiedelt ist, optisch immer älter wird. Während sein Love Interest Jean Grey in einem zarten Jugendalter vor sich hin blüht. Auch, wenn wir es alle nicht wahr haben wollen: Die Zeit für einen Wechsel ist leider reif!

Aber bleiben wir doch kurz bei eben bei der Rotharrigen: Jean Grey wurde in X-MEN 3 (2006) verheizt, als diese ihr wahren Fähigkeiten entdeckt. Ihre große Geschichte war damit eigentlich schon erzählt. Aber das ist Singer natürlich egal. Und so dichtet er ihr plötzlich an, dass sie diese Fähigkeiten bereits 25 Jahre vorher gefunden hat und sogar kontrollieren kann – den Quatsch kann man auch nicht durch diese Zeitreisestory in X-MEN: ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT (2014) erklären. Unerklärlich ist auch, dass der Nightcrawler in den 1980er Jahren fast genauso jung sein soll, wie in den 2000ern, als er zum ersten oder vielmehr zum zweiten Mal von den X-Men gefunden wird – Jean Grey geht es im übrigen genauso. Sie hat es irgendwie geschafft, in den 80ern und in den 2000ern 16 Jahre alt zu sein – eine Meisterleistung.

Und dann ist da noch der Spotttölpel: Nach die TRIBUTE VON PANEM kann man Jennifer Lawrence natürlich nicht zu kurz kommen lassen. Und so war sie auch schon im Film davor eine große Heldin. Dass sie eigentlich zu den fiesen Buben gehört, völlig wurscht. Immerhin erhält sie damit eine interessante Figurenentwicklung. Magneto erhält so etwas nicht. Er fährt seit 16 Jahren die selbe Schiene. So auch diesmal: Enttäuscht von den Menschen wendet er sich gegen sie, nur um am Ende doch wieder umzuschwenken und so etwas wie Semi-gut zu werden – was für ein genialer Storytwist!

Versteht mich nicht falsch. Ich meckere hier mal wieder auf hohem Niveau – auch, weil ich die Comic-Reihe persönlich sehr mag. Im Rahmen des Wahnsinns, der Bryan Singer in den letzten 16 Jahren aufgebaut hat, ist X-MEN: APOCALYPSE eine toller Film, den man gerne anschauen darf. Aber leider befinden wir uns seit eben genau dieser Zeit auch in einem Superhelden-Overload. Die Zeiten haben sich geändert, doch das Konzept der X-Men-Reihe bleibt immer das selbe und ist leider nicht mehr ganz zeitgemäß. Dass bedeutet natürlich nicht, dass man ihn nicht sehen soll, aber man muss es eben auch nicht – und das war bei seinem Vorgänger durchaus noch anders.

X-MEN: APOCALYPSE startet am 19.05.2016 in den deutschen Kinos.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial 20th Century Fox 2016

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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