ROCCO – DER MANN MIT DEN ZWEI GESICHTERN (1967)

Eher unbekannter Klassiker des Italowesterns

Anfang der 1960er Jahre begann der Aufstieg des Italowesterns mit FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR und hatte bis Ende des Jahrzehnts seine Hochphase. Insbesondere Sergio Leone und Sergio Corbucci prägten diese Phase wie keine anderen, vor allem mit Filmen wie DJANGO (1966), LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG (1968) oder der DOLLAR-Trilogie. 1968 dann kulminierte das Genre im grandiosen Meisterwerk SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD. Ein Jahr vor diesem Höhepunkt erschien ein

Italowestern von Franco Giraldi, der sein Handwerk einst als Regieassistent bei Meister Leone persönlich erlernt hatte: ROCCO – DER MANN MIT DEN ZWEI GESICHTERN.

INHALT:

1866: Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs reisen die Soldaten nach Hause. Ein Scharfschützen-Bataillone erreicht seine Heimat nicht, sondern verschwindet spurlos nahe der Stadt Snake Valley.

Mehrere Monate später: Rocco (Jack Betts), der einst ein strahlender Revolverheld war, verbringt seine Zeit damit, Damen das Schießen beizubringen. Ein alter Bekannter taucht auf und bittet ihn, nach den verschwundenen Soldaten zu suchen. Rocco lehnt erst ab, doch als sein Bekannter erschossen wird, macht er sich doch auf den Weg. Er reist nach Snake Valley und gibt sich dort als Arzt aus. Undercover versucht er, in dem von Verbrechern wimmelnden Nest die verschwundenen Soldaten aufzuspüren.

FAZIT:

Dafür, dass Regisseur Giraldi bei Leone gelernt hat, ist sein Italowestern ROCCO – DER MANN MIT DEN ZWEI GESICHTERN vom Stil her ziemlich amerikanisch geworden. Die typischen Merkmale, die man mit dem Italowestern verbindet – extreme Nahaufnahmen im Wechsel mit Panoramaeinstellungen, langgezogene Duelle – sucht man hier vergebens. Stattdessen orientiert er sich mit seinem schlichten filmischen Stil an den amerikanischen Vorbildern. Auch die hölzernen Dialoge haben mehr vom amerikanischen B-Western. Ein echter Italowestern enthält am besten gar keinen Dialog. Nur die Musik bei ROCCO – die ist Italowestern pur.

Vor allem in der ersten Hälfte ist das Auftreten des Films sehr Italowestern-untypisch. ROCCO enthält viel Humor, oft hart an der Grenze zum Klamauk. Auch ist er zu Beginn viel braver als seine Brüder: nicht so brutal, nicht so dreckig, nicht so düster, wie man es etwa von der DOLLAR-Trilogie gewohnt ist.

Der unwahrscheinliche Plot wirkt meist unausgegoren, die Handlungen der Personen sind zum Teil absurd. So ist beispielsweise die einzige Möglichkeit für Rocco, seine Feinde unauffällig zu belauschen, ein undichtes Rohr, das natürlich – welch Zufall – genau in dem Zimmer von der hübschen Josefina liegt. Sie erwacht und will ihn verpetzen, da küsst er sie heftigst, als die Bösen reinkommen und ihn erwischen – und ihn nicht bestrafen… Warum? Keine Ahnung. Warum Rocco nicht einfach am Treppenabsatz lauscht anstatt so umständlich am Rohr in Josephinas Zimmer? Keine Ahnung.

Doch all sowas stört einen echten Western-Fan natürlich nicht! Denn zu Beginn der zweiten Hälfte von ROCCO geht es dann los. Wenn Rocco seine alberne Maske fallen lässt, wird es spannender, der Klamauk nimmt ab und die Western-Story nimmt ihren Lauf. Der epische Flair, der die großen Italowestern unentwegt durchdringt, kommt dann auch hier immer wieder mal zum Vorschein, etwa in dem Moment, als Rocco seine wahre Identität bekanntgibt oder wenn ein Ermordeter in einem langsamen Trauerzug aus drei Personen zum Friedhof gefahren wird.

Es ist nicht zu leugnen, dass ROCCO viele gute Einfälle hat. Der Spiegelring des Helden, mit dem er sich mehrmals den Rücken freihalten kann. Oder der finale Kampf im Mehl. ROCCO wird Freunden des Westerns bestimmt gefallen. Wer allerdings ein episches Meisterwerk wie von Leone oder Corbucci erwartet, wird enttäuscht.

Extras:
ROCCO – DER MANN MIT DEN ZWEI GESICHTERN ist ab dem 06.04.2017 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich. Das Bild und der Ton der Blu-Ray sind einwandfrei. Als Extras gibt es neben dem Trailer unter anderem Featurettes mit dem Regisseur Franco Giraldi und dem Filmhistoriker Fabio Melelli sowie ein Interview mit dem Darsteller Jack Betts, in denen man allerlei nette Facts über den Film und den Dreh erfährt.

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Koch Media 2016

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Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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