LETZTES JAHR IN MARIENBAD (1961)

Nur für Cineasten geeignet

LETZTES JAHR IN MARIENBAD ist nach HIROSHIMA, MON AMOUR (1959) der zweite große Spielfilm von Alain Resnais (NACHT UND NEBEL). Er gilt bis heute als Klassiker des anspruchsvollen, poetischen Films und als Meilenstein der Nouvelle Vague. Er ist mehr Experimentalfilm als Drama, verweigert sich jeglichen konventionellen Erzähl- und Darstellungsmustern und orientiert sich in keiner Weise am traditionellen Erzählkino. Dessen sollte man sich bewusst sein, bevor man sich diesem Film nähert.

LETZTES JAHR IN MARIENBAD ist ein Film für den Intellekt, nicht für das Gefühl. Er ist ein Film über Erinnerung, Wirklichkeit, Traum und Verführung oder wie Resnais selbst sagte: über die „Komplexität des Denkens und seiner Mechanismen“. Er ist anstrengend und verwirrend – ein unlösbares Rätsel.

 

INHALT:

In einem labyrinthischen Schloss versucht ein Mann (Giorgio Albertazzi) eine Frau (Delphine Seyrig) davon zu überzeugen, dass sie sich vor einem Jahr bereits getroffen und eine Affäre gehabt haben. Sie wird allerdings von einem anderen Mann (Sacha Pitoëff) begleitet und behauptet, sich nicht daran erinnern zu können. Sie versucht, den Versuchen der Verführung zu widerstehen, doch der vermeintliche frühere Liebhaber lässt nicht locker.

Ist dieser Mann ein Betrüger? Spricht er die Wahrheit? Irrt er sich? Kann die Frau sich doch erinnern? Oder träumt sie gar alles nur? Und wer ist ihr Begleiter? Ihr Mann? Und was hat es mit dem Spiel auf sich, in dem er jeden zu besiegen scheint? Nichts ist gewiss, nichts wird beantwortet.

FAZIT:

Der gewöhnliche Kinogänger, der allein an schlichter Unterhaltung interessiert ist, wird mit LETZTES JAHR IN MARIENBAD nicht glücklich werden, er wird vielmehr verzweifeln und schon nach wenigen Minuten den Fernseher ausmachen, wenn zu unmelodischer Orgelmusik die barocke Architektur eines Hotelschlosses beobachtet wird, während im Voice Over immer wieder derselbe Text vorgetragen wird. Man könnte es diesem Zuschauer gar nicht verdenken. Resnais ist nie leichte Filmunterhaltung. LETZTES JAHR IN MARIENBAD ist ein cineastisch und philosophisch anspruchsvolles Werk und möchte es auch sein. Es will eben kein gewöhnliches Erzählkino liefern.

Das Experimentaldrama ist daher nur für solche geeignet, die Filmkunst und -poesie suchen. Auch dann muss man es zwar nicht mögen, doch wer sich ernsthaft für Film und Kino interessiert, kommt an LETZTES JAHR IN MARIENBAD nicht vorbei. Der Film ist verwirrend, nichts ist eindeutig – sowohl inhaltlich als auch formal. Mehrmaliges Sehen ist empfehlenswert und auch notwendig zur Analyse dieses komplexen Werks, doch auch dann ist die Interpretation aufgrund der durchgehenden Uneindeutigkeit schwierig – oder eben einfach. Denn alles ist möglich, und doch nichts.

STUDIOCANAL bringt diesen Klassiker nun noch einmal heraus – erstmals digital restauriert, daher mit hervorragendem Bild. Am 20. September 2018 erscheint LETZTES JAHR IN MARIENBAD auf DVD und Blu-ray, erfreulicherweise mit umfangreichen Extras: unter anderem mit einer interessanten Einführung in den Film von Ginette Vincendeau, die die Bedeutung des Films noch einmal herausstellt; weiterhin mit den zwei Kurzfilmen „Das Lied vom Styrol“ (1958) und „Alles Gedächtnis der Welt“ (1956) von Resnais sowie einem Porträt über den Drehbuchautor Alain Robbe-Grillet. Das kann man mal eine gelungene Ausstattung nennen!

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial StudioCanal

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Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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