CLIMAX (2018)

Gaspar Noé kommt zum (Höhe)Punkt

Wer IRREVERSIBEL (2002) gesehen hat, vergisst den Namen Gaspar Noé nicht. So ein radikales, kompromisslos pessimistisches Werk kann nur von einem wahren Enfant Terrible kommen. Und diesen Ruf ergatterte sich Noé auch prompt. Mit ENTER THE VOID (2009) und LOVE (2015) versuchte er diesen Ruf zu stärken, vor allem mit letzterem misslang ihm dies: Es braucht heute mehr als provokante, pornographische Sexszenen, um radikal zu sein. Trotzdem ist sein Stil weiterhin radikal zu nennen. Mit CLIMAX versucht er jetzt, diesen Stil zum Höhepunkt zu bringen.

INHALT:

21 Tänzer proben in einer Turnhalle ein letztes Mal ihre komplizierte Choreographie, bevor sie am nächsten Tag in den USA auf Tournee gehen wollen. Im Anschluss an die erfolgreiche Generalprobe wollen sie ordentlich feiern. Mit Sangria und lauter Musik machen sie Party. Doch die Stimmung wird langsam immer aggressiver, die Tänzer fühlen sich zunehmend unwohl. Plötzlich kommt das Gerücht auf, dass jemand etwas in die Sangria gemischt hat. Es bricht Panik aus und die Lage eskaliert…

FAZIT:

CLIMAX ist kein Erzählkino mehr. Ihm geht es nicht darum, eine Geschichte zu erzählen, womöglich einen klassischen Whodunit, in dem man auf der Suche nach der Person ist, die die Drogen in die Sangria gemischt hat. CLIMAX ist ein Trip, ein Rausch, der an einem vorbeizieht. In vielen langen Kamerafahrten gleiten wir durch die Menge und durch das Gebäude. Die Kamera spielt hier ebenso verrückt wie in IRREVERSIBEL, dreht sich hin und her, stellt sich auch gerne mal schräg oder steht ganz auf dem Kopf. Dadurch ist man immer mittendrin im Geschehen und nicht nur reiner Beobachter. Außerdem hat man das Gefühl, ebenso die Kontrolle zu verlieren wie die mit Drogen vollgepumpten Tänzer.

Der Film beginnt dabei noch ganz seicht. In Interviewausschnitten von einem Casting werden in einem Fernsehbild die Protagonisten vorgestellt. Dabei werden die später aufkommenden Themen wie Drogen, Sex und das Tanzen schon angesprochen und eingeführt. Ironischerweise wird auch vom Paradies gesprochen, doch im Film findet man nur dessen Gegenteil: Er entwickelt sich ohne Pause zu einer Hölle. Nach dem Einstieg folgt eine lange, unglaublich toll choreographierte Tanzszene in einer Plansequenz, für die allein es sich schon lohnt, den Film anzusehen.

Als die Tänzer anschließend beginnen, zu feiern und Sangria zu trinken, wird mit einer simplen und gleichzeitig genialen Sequenz die kippende Stimmung fühlbar gemacht: Man bekommt ungeordnet immer wieder Ausschnitte aus Gesprächen von je zwei der vielen Protagonisten gezeigt. Ihre Gespräche werden dabei immer abgedrehter und aggressiver. Am Anfang sprechen die Männer etwa noch von der sexuellen Anziehung der Kolleginnen, später dann sprechen sie über anale Vergewaltigung. Dass sie dabei wie giggelnde Teenager über ihre Worte lachen, zeigt ihren beginnenden Rausch. Sie sind nicht mehr normal. Sie alle verändern sich.

Es folgen wieder Tanzszenen, der Rausch geht auch für den Zuschauer weiter. Doch anstatt ihn fortzuführen, nimmt Gaspar Noé plötzlich die Luft raus und drosselt das Tempo. Das führt dazu, dass der albtraumhafte Trip an Fahrt verliert, gleichzeitig steigert es aber die Spannung, denn man spürt: Gleich passiert hier etwas. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Und der Sturm kommt. Explizite Gewaltszenen zeigt Noé zwar kaum, aber wenn sie kommen, ist es keine comichafte, goutierbare Gewalt, sondern schwer zu ertragende Szenen. Doch die meiste Gewalt findet nicht auf der visuellen Ebene statt: Die innere Gewalt des Films ist es mehr als die äußere, die dem Zuschauer zu schaffen macht.

Der Trip steigert sich immer weiter und wird auch formal immer abgedrehter. So bewegt sich beispielsweise in einer Szene die Kamera zu rotflackerndem Licht und lauter Musik fast 10 Minuten lang auf dem Kopf mit wilden Bewegungen durch die am Boden agierende Menge. Manch einem mag dabei schwindlig werden, klare Bilder erkennt man kaum. Nicht jeder Zuschauer wird da mitmachen und den Stil akzeptieren, aber wer es tut, bekommt den Rausch audiovisuell nahegebracht.

Wie immer bei Noé ist auch CLIMAX ein eigenwilliges Werk, das nicht bei jedem Begeisterungsstürme auslösen wird. Ab dem 12. April 2019 ist es als DVD und Blu-ray im Handel erhältlich.

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Alamode Filmverleih

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Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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