INGRID GOES WEST (2017)

Stalker-Freundin auf Selbstfindungstrip

INGRID GOES WEST klingt auf dem ersten Blick nach einer Feel-Good-Komödie. In Wahrheit ist der Film von Matt Spicer mehr ein Drama um eine tragische junge Frau, die eigentlich nur Anschluss sucht. Es ist eine bittere Geschichte verpackt in schöne Bilder eines locker-leichten Lebens. Herausgekommen ist ein Blick hinter die Hochglanzfassade der Sternchen sozialer Netzwerke und damit auch eine deutliche Kritik an der Oberflächlichkeit moderner Kommunikationsmedien.

 

INHALT:

Ingrid (Aubrey Plaza) dreht durch: Die Einzelgängerin hat es im Leben nicht leicht. Sie sucht seit der Schulzeit krampfhaft nach Zuwendung, nach Freundschaft. In den sozialen Netzwerken findet Ingrid einen Anker. Hier kann sie schnell mit Menschen Kontakt knüpfen, die ihr eigentlich fremd sind. Durch kurze, leere Kommentare und ein paar Likes wird sie in ihrem Glauben bestätigt. Doch Freundschaft ist das nicht. Das erkennt Ingrid spätestens in dem Moment, als eine Instagram-Freundin von ihrer eine große Hochzeit feiert und das Ereignis mit ihren Freunden im Netz teilt. Ingrid ist nicht mit dabei. Enttäuscht und wütend stürmt sie die Hochzeit und attackiert die Braut.

Daraufhin landet Ingrid im Krankenhaus, wird psychologisch betreut. Eine lange Genesung später gilt sie als rehabilitiert. Doch Freunde hat sie immer noch keine. Die Einsamkeit packt sie wieder. Dann entdeckt sie Taylor (Elizabeth Olsen), eine Influencerin. In ihr findet sie ein neues Vorbild. Nein, sie wird rückfällig und von ihrer neuen „Freundin“ besessen. Eine Erbschaft nach dem Tod ihrer Mutter kommt hier gerade recht, denn nun stehen Ingrid auch die nötigen Mittel zur Verfügung, um an den Ort zu reisen, an dem Taylor lebt.

Ingrid lauert ihr auf, macht ihr alles nach, wird quasi zu ihrem Zwilling. Doch sie will mehr: Nach einer fingierten Entführung des Hundes, wird Ingrid zur Retterin des Vierbeiners – und kurz danach auch zu Taylors bester Freundin. Das Glück scheint perfekt, doch die Lügen holen Ingrid ein. Fällt ihr Leben wieder wie ein Kartenhaus zusammen? Kann sie wirklich jemals glücklich werden?

FAZIT:

INGRID GOES WEST ist mit Sicherheit eine Sache nicht: Eine reine Komödie. Dafür ist das Thema des Film zu ernst, die Hauptfigur in ihrer Besessenheit zu tragisch. Die erste viertel Stunde wird eingängig deutlich: Ingrid ist ernsthaft krank. Ihr fehlt der Zwischenmenschliche Umgang. Jeder noch so kleine Reaktion des Gegenübers führt zu starken emotionalen, inneren Kämpfen bei Ingrid. Kurzum, sie hat sich nicht im Griff. Nur eine ehrliche Freundschaft würde ihr helfen. Doch die findet sie nicht – ja, sie sucht sie nicht mal. Sie lebt weiter ein einsames, oberflächliches Leben in den sozialen Netzwerken.

Hippe Getränke, kluge Bücher, imposante Orte, versteckte Cafés und die ewige Jagd nach dem neusten Trend – so ein Leben im Social Life strengt an. Für Ingrid ist dies jedoch die einzige Form, Freunde zu suchen. Das ist sehr einseitig und bitter. Doch sie ist auch in der Position, in der selbst die eigenen Kontakte das nicht mehr sonderlich beeindruckt. Denn nach der Attacke bei der Hochzeit ist sie gebrandmarkt. Sie muss irgendwo neustarten. Mit neuer Identität und neuem Profil. Als „Ingid Goes West“ meldet sie sich bei Instagram neu an und erschafft ein Trugbild von der Frau, die sie nacheifert. Daraus entwickelt sich mehr. Sie kommt ihr näher – zu nah. Für Ingrid ist diese Freundschaft, die aus einer Lüge geboren wurde, alles.

Audrey Plaza (JOURNEY OF LOVE/ DIRTY GRANDPA) spielt die Zwiespältige. Auf der einen Seite möchte man Ingrid helfen, in den Arm nehmen und ihr den Kummer nehmen. Doch dann gibt es da noch die Schattenseite, die Ingrid, die alles vereinnahmt, was ihr in die Finger kommt. Sie ist manisch und dickköpfig. Keine angenehme Person, die hinten herum Fotos von einem macht, während man schläft. Dieses Verhalten droht aufzufliegen, denn Taylors Bruder kommt dahinter.

Taylor selbst, gespielt von Elizabeth Olsen, bekommt von all dem nichts mit. Sie ist naiv, liebt das Schöne und lebt ein Luxusleben. Woher ihr Geld genau kommt? Angeblich ist sie Fotografin. Einen Beruf geht sie nur selten nach. Sie ist das Klischee einer Influencerin, der alles zufliegt. Olsen spielt sie als leere Hülle. Man vergisst schnell, dass es sie überhaupt gibt. Ihr Freund Ezra ist da schon interessanter. Wyatt Russel spielt hier einen verkappten Künstler, der von seinem Umfeld für seine Werke gefeiert wird, in Wahrheit aber von der Branche noch nicht mal wahrgenommen wurde. Er ist eine gescheiterte Persönlichkeit und der moralisch gute Part in der Beziehung mit Taylor.

Mal abgesehen von Ingrid, sind es ohnehin die Männer, die mehr Profil zeigen. So gibt es in INGRID GOES WEST noch Dan (O’Shea Jackson). Der ist Ingrids Nachbar und Vermieter. Wenn er nicht gerade zugedröhnt in der Ecke liegt, dann schreibt der Batman-Fan an einem neuen Drehbuch. Ob das fertig wird, spielt eigentlich keine Rolle. Auch er ist einer dieser Menschen in diesem Film, die offensichtlich nicht arbeiten müssen und trotzdem ein schönes Leben leben. Und doch verstrahlt er eine Bodenständigkeit. Er ist wohl der Einzige, dem die Freundschaft mit Ingrid wirklich wichtig ist. Doch ausgerechnet er wird von Ingrid vor dem Kopf gestoßen.

Und hier kommen wir auch schon zur irrealen Scheibenwelt, die der Film aufbaut. Das Indie-Projekt trieft vor Klischees und erklärt sich in seiner Präsentation nur wenig. Das Leben geschieht einfach. Keine Verpflichtungen scheinen Druck auf das süße Leben der Figuren auszuüben. Es ist ein Zerrbild unserer Gesellschaft, dass in dieser Form gar nicht funktionieren kann. Diese inhaltlichen Defizite zerstören die Leichtigkeit, die durch Optik und Musik aufgebaut wird.

Was möchte INGRID GOES WEST sein? So richtig weiß es der Film selbst nicht. Optisch ist er toll gemacht, entwickelt seinen eigenen Stil. Auch die Tragik, die in der Person Ingrid liegt, mit der wir von der ersten Minute an mitleiden, packt. Interessante und skurrile Nebenfiguren erhöhen den Unterhaltungswert und geben der Geschichte Substanz. Doch auf der anderen Seite zeigt sich die Handlung ebenso oberflächlich wie die Welt, die der Film beschreiben möchte. Die Krankheit verliert an ihrer Stärke und, was am schlimmsten ist, steuert INGRID GOES WEST auf ein Ende zu, dessen Statement man nicht gut heißen möchte. Dieses zerstört alles. Bekommt man wirklich nur Bestätigung im Leben, wenn man schlimme Dinge tut? Oder ist das gar die Kritik des Film? Ist die Welt schon so verdorben, dass nur noch das fruchtet? So oder so: Das Gefühl, mit dem wir zurückgelassen werden, tut nicht gut. Und es ist auch nicht zufriedenstellend.

INGRID GOES ES ist ab dem 20.04.2018 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Universum Film

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Jörg Gottschling

Jörg Gottschling

Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
Jörg Gottschling

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