DAS HOCHZEITSBANKETT (1993)

Humorvoll-zeitloses Queer-Drama von Ang Lee

DAS HOCHZEITSBANKETT war zu Recht der Durchbruch für Regisseur Ang Lee. Denn er konstruiert eine kontroverse Geschichte, in der sich Drama und Komödie einander die Hand geben:

Er liebt ihn und sucht eigentlich keine sie, aber seine traditionsbewussten, konservativen chinesischen Eltern dürfen das nicht wissen. Und so wird kurzerhand doch eine sie herangezogen, um zu heiraten. Eigentlich eine ganz einfach, wie logische Idee. Doch natürlich zeigt sich spätestens in der Umsetzung, dass eine Menge ungeahnt schief laufen kann…

INHALT:
Seit Jahren wohnt und arbeitet der chinesisch-stämmige Wai-Tung (Winston Chao) in New York. Dort, fern seiner konservativen Eltern (Sihung Lung, Ah Lei Gua), kann er den Lebensstil pflegen, den er möchte. Das ist gar nicht so einfach, nicht mal in New York. Denn Wai-Tung ist homosexuell und lebt glücklich mit dem Amerikaner Simon (Mitchell Lichtenstein) zusammen.

Doch Wai-Tungs Eltern werden ungeduldig und wollen ihren Sohn endlich unter die Haube gebracht wissen. Deswegen haben sie ihn bei einer Partnervermittlung angemeldet. Zum Schein macht er mit und gibt unmögliche Wünsche für seine Auserwählte an – und diese werden auch noch erfüllt.

Dann kündigen sich seine Eltern für einen Besuch an und nun muss endlich eine Frau her, damit die Eltern Ruhe geben. So ein Zufall das Mieterin Wei-Wei (May Chin) illegal in den USA lebt und nach einer Möglichkeit sucht, um ein offizielles Bleiberecht zu erwirken. Gemeinsam schmieden die drei einen Plan aus: Wir inszenieren eine Scheinehe. Doch kaum sind Eltern da, entwickelt sich einiges nicht so wie gedacht. Und plötzlich wird aus einer schnellen, unverbindlichen Hochzeit ein großes Hochzeitsbankett. Wird das Lügengebilde einbrechen? Und wer ist hier eigentlich wirklich der Gewinner dieser kleinen Flunkerei?

FAZIT:
DAS HOCHZEITSBANKETT ist eine Culture Clash-Tragikomödie im doppelten Sinne: Ang Lee (LIFE OF PI; 2012), selbst Taiwanese, verortet asiatische Feierlaune in einer amerikanischen Metropole und setzt dem konservativen Wertebild der Familie ein damals noch recht ungewöhnlichen Familienkonstellation eines homosexuellen Paares entgegen. Diese Konstruktion bietet viel Konfliktpotential. Lee scheut sich in DAS HOCHZEITSBANKETT auch nicht, genau dieses Potential voll auszuschöpfen und schuf ein für damalige Verhältnisse interkulturelles Statement für Gleichberechtigung und Auslebung der eigenen Individualität.

Dabei hätte DAS HOCHZEITSBANKETT auch gut ein tragisches Drama, in dem Intoleranz und Ablehnung wie eine schwermütige Last die Geschichte erdrücken, werden können. Und auch diese Konnotation wäre richtig gewesen. Denn Anfang der 90er Jahre war Homosexualität noch lange nicht so anerkannt, wie es heute ist. Vor allem der dunkle Schatten AIDS in Verbindung mit der unzüchtigen Homosexualität lag noch tief in den Köpfe der Menschen. Im selben Jahr befasste sich das Drama PHILADELPHIA mit Tom Hanks und Antonio Banderas genau mit diesem tiefgründigen Thema. Ang Lee gab seinem Film jedoch eine richtige, andere Note: DAS HOCHZEITSBANKETT strahlt vor allem in der ersten Hälfte eine angenehme Leichtigkeit aus.

Punktierter Humor überstrahlte die Schwere. Der Film spielt mit Klischees und ist sich nicht zu schade selbstironisch, kulturelle Anspielungen zu machen. Gegen Mitte kippt dann die Stimmung. DAS HOCHZEITSBANKETT wird zunehmend ernster, ohne jedoch den ironischen Unterton zu verlieren. Diese gelungene Balance zwischen Komödie und Tragödie macht Ang Lees Werk so wertvoll. Denn ihm gelingt es, dem „neuen“ Lebensstil eines Homosexuellen in der modernen Gesellschaft auf eine natürlich Art zu umrahmen, aber auch seine Probleme glaubwürdig und auf ernste Weise offenzulegen.

Dadurch gewann DAS HOCHZEITSBANKETT an Relevanz für die Queer-Bewegung der 90er Jahre. Gleichzeitig, und dass ist eigentlich die Tragik unserer Gesellschaft, hat die Kernaussage des Films bis heute nichts verloren. So ist der Film ein humorvolles, zeitloses Werk, das mit einer angemessen Leichtigkeit doch eine nachdenklich Schwere erzeugt – wenn man so will, ist DAS HOCHZEITSBANKETT damit ein physikalisches Wunder der Filmkunst.

DAS HOCHZEITSBANKETT ist seit dem 26.05.2016 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Koch Media 2016

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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