Schwarz auf weiß #29: THE STRANGER (1946)

Nach CITIZEN KANE, möchte ich heute einen weiteren Film von Orson Welles behandeln, der im Moment sogar auf Netflix zu streamen ist – THE STRANGER.

THE STRANGER aus dem Jahr 1946 ist ein sehr klassischer Vertreter des Film Noir. Der Film Noir hatte seine Glanzzeit zwischen den frühen 1940er und späten 1950er Jahren. Meist handelte es sich hierbei um dunkle Kriminalgeschichten, die eine düstere Stimmung transportierten. Unterstrichen wurde das Ganze von zynischen Protagonisten. Und wie kann es anders bei solch einer Gattung sein – sie hatte ihren Ursprung im deutschen Kino.

Mit THE STRANGER feierte Orson Welles seinen einzigen finanziell erfolgreichen Film in seiner Karriere, doch ausgerechnet diesen mochte er angeblich am wenigsten. Das Studio gab dem Video-Editor die Erlaubnis, selbst Kürzungen vorzunehmen, was Welles natürlich so gar nicht passte. Er nahm den Auftrag zu Beginn nur an, um zu zeigen, dass er einen Film machen kann, der sein Budget nicht überschreitet. Nichtsdestotrotz zählt er zu Steven Schneiders „1001 Movies you must see before you die“.

Nun aber mal zum Film selbst: Mr. Wilson (Edward G Robinson) ist arbeitet für die Vereinten Nationen, um Nazi-Verbrecher aufzuspüren. Ganz oben auf seiner Liste steht Franz Kindler (Orson Welles), der alle Spuren ausgelöscht hat, die zu ihm führen könnten. In der Hoffnung, dass er ihn zu Kindler führt, entlässt Wilson Kindlers früheren Komplizen Konrad Meinike (Konstantin Shayne), der ihn nach Connecticut führt. Dort lebt Kindler unter neuem Namen und arbeitet als Lehrer. Noch dazu hat er eine junge Verlobte (Loretta Young) und möchte bald heiraten. Ein gefährliches Spiel beginnt. Mary Longstreet (Young) muss bald feststellen, dass ihr Ehemann ein Mörder ist und auch ihr Leben steht auf dem Spiel.

Sicherlich hat die Handlung einige Schwächen, gerade der doch sehr flach gehaltene Charakter von Mary Longstreet könnte gut und gerne etwas mehr Ausarbeitung gebrauchen, aber dennoch ist es eine spannende Geschichte. Beeindruckend ist zudem, dass Welles authentische Aufnahmen aus einem Nazi-Konzentrationslager benutzt hat. Der Film wurde 1945 gedreht und war damit der erste Film überhaupt, der dies tat.

Was der Film verdeutlicht, ist, dass Orson Welles selbst ein absolut überzeugender Schauspieler sein konnte. Seine Darstellung von Kindler ist großartig und er hat keine Mühe neben der Film Noir Legende Edward G Robinson zu glänzen. Robinson durfte hier endlich mal den Guten spielen und auch das gelang ihm hervorragend. Aber auch die Nebenrollen sind nicht zu verachten. Loretta Young holte das Beste aus einer sehr flach gehaltenen Rolle raus. Ich hoffe sehr, ein Remake würde aus ihr etwas mehr als ein kleines Frauchen machen, das so gerne Ehefrau sein möchte.

Mir ist schon klar, warum Welles solche Probleme mit diesem Film hatte. Er ist am wenigsten abgedreht und philosophisch, sondern ein solider Thriller. Dennoch trägt der ohne Zweifel seine Handschrift, vor allem die Szenen an der Uhr. Wenn ihr also das nächste Mal durch Netflix streift und Lust auf einen guten Krimi habt, dann solltet ihr THE STRANGER wählen.

Sarah Binder

Sarah Binder

Ich hab was mit Medien studiert und liebe Bananen. Keine Frage also, dass ich für den Filmaffen über die Welt der Filme und Serien berichte.
Sarah Binder

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