Affentheater

Im Rampenlicht #5: Stanley Kubrick

Seine Filme sind visionär, er war Perfektionist und galt als Meister seines Fachs. Dieses mal im Rampenlicht: der New Yorker Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Stanley Kubrick. Kunst und Realismus sind bei seinen Werken stets zwei Seiten der selben Medaille. Er schuf gesellschaftskritische Filme über den Verfall von Gesellschaft und Kulturen und dystopische Zukunftsszenarien.

Er wurde am 26. Juli 1928 geboren und verstarb viel zu früh am 7. März 1999. Als Kind jüdischer Einwanderer mit österreich-ungarischen Wurzeln ist sein Leben ein Musterbeispiel für den American Way of Life. Schon in jungen Jahren entwickelte er eine Leidenschaft für das Kino und begann als Fotograf bei der Schülerzeitung. Mit 18 Jahren erhielt der Amateurfotograf eine Festanstellung beim Magazin „Look“. Aus seiner Leidenschaft wurde Berufung.

Seine Dokumentarkurzfilme:

Kubrick baute seine Fähigkeiten als Fotograf weiter aus und griff bald zur Filmkamera. Er brachte sich Regie, Schnitt und Kamera selbst bei. Zunächst widmete sich Kubrick dokumentarischen Produktionen. Sein erster 16-minütiger Kurzfilm DAY OF THE FIGHT (1951) war eine Studie über Boxer im Ring. Kurz darauf folgte FLYING PADRE (1951) über einen Pfarrer in New Mexiko, der einige Gemeindemitglieder stets per Flugzeug besucht. Kubricks längster Dokumentarkurzfilm ist THE SEAFARERS (1953). Der Werbefilm sollte Seeleute dazu bewegen, in die New Yorker Seefahrergewerkschaft einzutreten.

Seine Frühwerke:

Mit FEAR AND DESIRE (1953) entstand Stanley Kubricks erster Spielfilm. Der Film kostete gerade einmal 30.000 Dollar und lief nur in Filmkunstkinos. Der poetisch angehauchte Antikriegsfilm über einen fiktiven Krieg, in dem vier Piloten hinter den feindlichen Linien notlanden müssen, ging am Publikum vorbei. FEAR AND DESIRE war ein kommerzieller Misserfolg.

Sein nächster Film DER TIGER VON NEW YORK (1955), im Original KILLER’S KISS, brachte ihm mehr Anerkennung. Der Kriminal- und Liebesfilm über einen erfolglosen Boxer, der am Bahnhof in einem Selbstgespräch versinkt und über die tragischen Ereignisse der letzten Tage nachdenkt, spielt in einem zwielichtigen Gangster-Milieu. Ohne groß spoilern zu wollen, aber DER TIGER VON NEW YORK ist Kubricks letzter Film mit einem Happy End.

Auch DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (1956) ist ein Kriminalfilm. Dieser basiert auf dem Roman „Der Millionencoup“ von Lionel White und ist als Heist Movie angelegt. Kubrick nutzt für die Umsetzung die klassischen Elemente des Film Noirs. Die Geschichte über fünf Personen, die während eines Rennens die Veranstalter der Show ausrauben wollen, folgt einem nicht-linearen Handlungsablauf und wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Quentin Tarantino sagte mal, dass er von diesem Film stark beeinflusst wurde. Wer JACKY BROWN oder PULP FICTION kennt, wird den Einfluss sofort erkennen können.

Sein Durchbruch:

Die vorhergegangenen drei Produktionen verhalfen Stanley Kubrick zu weiteren Chancen in Hollywood. WEGE ZUM RUHM (1957) war seine erste große Produktion. Erneut erzählt Kubrick ein Kriegsdrama. Dieses spielt in der Wüste Afrikas während des ersten Weltkriegs. In der Hauptrolle mimt Kirk Douglas Colonal Dax. Der Befehlshaber des 701. Regiments der französischen Truppen soll mit seinen Soldaten einen Hügel einnehmen. Ein Himmelfahrtskommando. WEGE ZUM RUHM beruht auf historischen Tatsachen. Kubrick verleiht dem Kriegsfilm durch harte Schnitte, Gegenlichtkontraste und einer Kameraeinstellung nah am Darsteller eine authentisch-bedrückende Atmosphäre.

In SPARTACUS (1960) geht es erneut um Soldaten, vielmehr Gladiatoren, die sich aus ihrer Not befreien. Basierend auf einer wahren Geschichte bringt Kubrick den Zuschauer in das römische Reich. Der Regisseur übernahm den Film von Anthony Mann, der nach nur wenigen Drehtagen den Regiestuhl aufgrund von Differenzen mit der Produktion räumen musste. Aus der Sicht des Sklaven Spartakus, gespielt von Kirk Douglas, erzählt der Historienfilm von einem Sklavenaufstand, der Rom beinahe in die Knie zwang. Das aufwändig-produzierte, epische Werk ist historisch zwar nicht ganz korrekt, aber ein Klassiker des amerikanischen Sandalenfilms – und auch heute noch sehr unterhaltsames Popkornkino.

Seine Meisterwerke:

Durch SPARTAKUS kannte ihn spätestens jetzt auch das Publikum. Nun stand ihm alles offen. Doch statt in Hollywood zu bleiben, zog er sich nach England zurück. Hier hatte er die Ruhe, um an Filmen und Geschichten zu arbeiten, die ihn zur Legende machen sollten.

Für die Romanverfilmung LOLITA (1962) arbeitete Kubrick eng mit dem Autoren Valdimir Nabokov zusammen. Der Film ist ein Stich in das prüde Herz der Zeit. Es geht um eine verzwickte „Beziehung“ zwischen einem älteren Literaturwissenschaftler, gespielt von James Mason, und der blutjungen 12-Jährigen Lolita (Sue Lyon). Sexuelle Zweideutigkeiten und Parthenophilie sind Grundmotive dieses schwarz-humorigen, anrüchigen, jedoch nicht erotischen Meisterwerks.

DR. SELTSAM, ODER WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN (1964) ist Kubricks einzige reine Komödie. Die Satire über einen bevorstehenden Atomkrieg, die jeden Kopf zum Schütteln und jedes Zwerchfell zum Vibrieren bringt, ist heute ein absoluter Kultfilm. DR. SELTSAM trifft den Zeitgeist, denn die Welt befindet sich mitten im kalten Krieg. Auf komische Weise gelingt es Kubrick den Wahnsinn hinter dem Machtspiel der Staaten zu entlarven. Peter Sellers, der gleich vier Rollen übernahm, hat einen hohen Anteil am Erfolg dieses surrealen, erdrückenden und absolut absurden Szenarios.

Ab jetzt wurden die Abstände zwischen seinen Filmen länger. 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (1968) gilt als Meilenstein des Science-Fiction-Genres: Die künstliche Intelligenz HAL übernimmt die Kontrolle über eine Raumstation und bringt dadurch die Menschen in große Gefahr. Die Evolution kennt keine Grenzen, nur ein Ende für diejenigen, die sich nicht mehr weiterentwickeln. Wir der Computer die Menschheit ersetzen? Genau diese Zukunftsangst steht im Fokus des Films.

Der geniale Bogen zwischen Steinzeit und Zukunft, die visuelle Darstellung einer Raumstation, die atmosphärischen Klänge und nicht zuletzt die fast berauschende, musikalische Untermalung machen 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM so bahnbrechend.

Ein andere Zukunftsszenario baut CLOCKWORK ORANGE (1971) auf. Die Gesellschaft steht vor dem Verfall: Während die Eltern die Bedeutung eines sicheren Lebens proklamieren, langweilt sich die intellektuelle Jugend. In Banden ziehen sie durch die Straßen und terrorisieren die Nachbarschaft: Raub, Vergewaltigung und Misshandlungen stehen an der Tagesordnung. Zu einer Bande gehört auch Alex. Als er von der Polizei verhaftet wird, nimmt der Gewalttäter an einem experimentellen Programm teil, dass seine Aggressionen beseitigen soll. Die Folge des Experimentes ist jedoch keine Heilung. CLOCKWORK ORANGE stand zwischenzeitlich auf dem Index. Die Themen, die der Film aufnimmt, sind nach wir vor hochaktuell. Vielmehr noch ist dieses Zukunftsszenario heute teilweise Realität.

Der romantische Kostümfilm BARRY LYNDON (1975) bricht etwas aus den Meisterwerken von Kubrick heraus. Der Regisseur inszeniert ein Stelldichein in einem Lustschloss. BARRY LYNDON basiert auf dem Roman „Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon“ aus dem Jahre 1844 von William Makepeace Thackeray. Auch dieser Film beeindruckt durch seine Optik und seine Langsamkeit. Die eingebauten Details im Film machen ihn gar zu einem komplexen Zeitporträt. Doch BARRY LYNDON plätschert dahin und hat in seinen fast drei Stunden viele Längen.

Fünf Jahre später folgte SHINING (1980). Äxte, die Türen einbrechen, Zwillinge auf langen Korridoren und große leere Hallen: Der Horrorthriller um einen Autor (Jack Nicholson), der mit seiner Familie über ein Hotel wachen soll, ist ein oft zitiertes Meisterwerk. Um die dichte und dynamische Atmosphäre zu erzeugen, nutzte Kubrick die Steadicam, die heute zum Standard in der Filmproduktion zählt. Auch dieser Film basiert auf einem Roman – genauer einem gleichnamigen Horrorroman von Stephen King. Wer von sich selbst behauptet Horrorfan zu sein, der sollte SHINIG gesehen haben.

Mit FULL METAL JACKET (1987) folgte Ende der 80er Jahre Kubricks letzter Antikriegsfilm. Vor allem die erste Hälfte macht das Werk zum Kultfilm: Eine Gruppe von Rekruten muss hier durch eine harte Soldatenausbildung durch. Gehirnwäsche, Demoralisierung und Abstumpfung sind tragende Motive. Wer am Ende dieser Ausbildung noch dabei ist, wurde zur dumpfen Tötungsmaschine ausgebildet. Eine kranke Geschichte, die den ruhmreichen Kampf für das amerikanische Vaterland durchweg in Frage stellt.

EYES WIDE SHUT (1999) stellt schließlich Stanley Kubrick letzten Film dar. Dieser basiert auf der „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler. Der Film ist voll von wiederkehrenden Motiven und spielt mit der Vermischung von Traum und Wirklichkeit. Tom Cruise und Nicole Kidman, damals noch im wahren Leben ein Ehepaar, spielen auch hier ein Paar. Das entfremdet sich jedoch gerade voneinander. Er sucht nach Ablenkung und gerät in den Kreis einer mysteriösen Sex-Sekte. Es beginnt eine traumatische Nachtreise durch eine urbane Schattengesellschaft. Als krönendes Abschlusswerk zeigt Kubrick hier einmal mehr, warum sein Einfluss auf die Filmindustrie zurecht bis heute anhält.

Unvollendet:

Kurz vor seinem Tod arbeitete Kubrick bereits an seinem nächsten Science-Fiction-Projekt. Das konnte er nur leider niemals umsetzen. Statt dessen übernahm Steven Spielberg die Produktion zu A.I. – KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (2001). Der Film bedient sich dem Pinocchio-Thema: Ein kleiner Roboterjunge entwickelt Gefühle und möchte ein Mensch werden. Allerdings kommt alles etwas anders als gedacht. Spielberg gelang es in diesem Film den Geist und Stil von Kubrick zu übertragen. Leider ist A.I. viel zu verkopft und scheitert an seinem philosophischen Ansatz über die Existenz der Dinge und die Frage, wann etwas ein Mensch sein kann.

Seid ihr auch so große Stanely Kubrick Fans wie wir? Dann erzählt uns doch mal, welcher Film euer Liebster ist.

Hier bloggt die Redaktion.

Ein Kommentar

  • Stepnwolf

    Zu meinen liebsten Kubrick-Werken gehören auf jeden Fall „Dr. Seltsam“ und „Full Metal Jacket“. Mit „2001“ habe ich bis heute so meine Probleme, auch wenn der Film – was das SciFi Genre anbelangt – natürlich wegweisend war und sich auch heute noch visuell nicht vor den aktuellen Werken des Genres verstecken muss.

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