A QUIET PLACE (2017)

In der Ruhe liegt die Angst

Im Horrorgenre etwas Innovatives, Radikales und Neues auszuprobieren erfordert Kreativität und Mut. Beides beweist A QUIET PLACE. Horror, Schrecken und Spannung braucht kein knalliges, schreiendes, hektisches Jump-Scare-Feuerwerk. Durch Reduktion, Minimalismus und eine unheimliche Atmosphäre lässt sich das alles viel intensiver gestalten – das zeigt A QUIET PLACE eindringlich. Mit einem Minimalismus, der sich aus der Story heraus begründet, lehrt er den Zuschauer mit einfachsten Mitteln das Fürchten. Er entwickelt eine Intensität, wie man sie in den letzten Jahren in diesem Genre selten erlebt hat. Die Ausgangsidee ist dabei so einfach wie genial.

 

INHALT:

Nur wenige Einstellungen braucht es, um klar zu machen, dass man sich in A QUIET PLACE in einer postapokalyptischen Welt befindet: Die Welt ist wie ausgestorben – eine Familie befindet sich auf einer heruntergekommenen Straße, wie man sie aus THE WALKING DEAD gewohnt ist. Die beiden Eltern (Regisseur John Krasinski und Emily Blunt) gehen mit ihren drei Kindern in einen verlassenen Supermarkt auf der Suche nach Lebensmitteln und brauchbaren Gegenständen.

Doch etwas ist besonders an diesem dystopischen, scheinbar bekanntem Szenario: Es ist still, kaum ein Laut zu hören. Die Familie bewegt sich auf Zehenspitzen. Sie unterhalten sich in Gebärdensprache. Die Mutter nimmt vorsichtig Tablettendosen aus einem Schrank, stark darauf bedacht, nichts umzuwerfen und kein Geräusch zu machen. Dann schleichen sie zurück nach draußen. Der jüngste Sohn hat heimlich ein Spielzeug mitgenommen und legt die Batterien ein. Ein Ton hallt durch die Luft. Vater und Mutter blicken in panischem Schrecken zu ihrem Kind. Kurz darauf kommt ein rasantes Monster und tötet das Kind in Sekundenschnelle, kaum zu sehen.

Das ist die Welt von A QUIET PLACE. Texttafeln zum Verständnis sind nicht nötig. Die einleitenden Minuten machen aufs Deutlichste klar, worum es hier geht: Die Welt ist von mörderischen Außerirdischen bevölkert, die sich nur anhand von Geräuschen orientieren können. Überleben tut nur der, der sich ruhig verhalten kann.

FAZIT:

Als wäre die Ausgangssituation dieses Horrorszenarios nicht schon schlimm genug für die Protagonisten, fügen die Drehbuchautoren noch mehr Schwierigkeiten hinzu: Die Tochter ist taub. Dementsprechend kann sie nur schwer beurteilen, wie laut ihre Bewegungen sind. Und die Mutter ist schwanger und steht kurz vor der Geburt – eine Situation, in der es gewöhnlich nicht allzu leise zu sich geht. Diese zusätzlichen Aspekte fügen der sowieso schon enorm spannenden Story weitere Dramatik hinzu.

Und die Spannung kommt in A QUIET PLACE wirklich nicht zu kurz. Den Schrecken bezieht der Film nicht aus den toll animierten Monstern, deren Hauptorgan ein großes Ohr ist, vor dem scharfe Messerarme rotieren. Spannung entsteht durch einfache filmische Mittel, die leise Tonspur und das Wissen, wie schwer es ist, keine Geräusche zu machen. Das Thema des Films, dass Geräusche Gefahr bringen, ist gleichzeitig der Stil des Films. Der Ton steht im Mittelpunkt – besonders wenn er nicht da ist. Jede Ungenauigkeit der Protagonisten kann ein Geräusch verursachen, das tödliche Folgen haben wird. Und darin liegt die Spannung: in der Stille, in der vorsichtigen Langsamkeit.

Man könnte glauben, die Form hier nähere sich wieder der des Stummfilms an, da über weite Strecken kaum Ton vorhanden ist (bei allen Einstellungen aus Sicht der tauben Tochter fehlt jeglicher Ton), doch das anzunehmen wäre ein Irrtum. Gerade durch den minimalistischen Einsatz des Tons gewinnt er besonders an Bedeutung. Er tritt in den Vordergrund – mit jedem sonst so gewöhnlichem und unwichtigem Geräusch. Die Aufmerksamkeit wird voll auf den Ton gerichtet. Dafür spricht auch, dass der Film nicht etwa auf einen Score verzichtet. Die punktiert eingesetzte Filmmusik soll den Schrecken in lauteren Szenen gezielt verstärken.

Dass das Konzept von A QUIET PLACE wunderbar funktioniert, ist neben der tollen Bildführung auch den allesamt fantastischen Schauspielern zu verdanken: Emily Blunt vorne an, aber auch besonders Noah Jupe als ängstlicher Sohn und Millicent Simmonds als taube Tochter beeindrucken durch ihr intensives Spiel. In ihren Augen spiegeln sich die Angst und der Horror auf ungeahnt authentische Weise. Man braucht keine unheimlichen Monster zu sehen, damit einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft – alles was es braucht, ist der Gesichtsausdruck voller Terror dieser grandiosen Kinderschauspieler.

Man fragt sich bei der Ausweglosigkeit der Charaktere während des ganzen Films, wie er nur enden kann. Was kann ein befriedigender Schluss sein? Und so viel sei verraten: Er mündet in einem Ende, das eine Fortsetzung verlangt – die, wie man hört, erfreulicherweise auch schon in Arbeit ist. Und führt man das Ende von A QUIET PLACE konsequent fort, dürfte der Folgefilm um einiges knalliger und weniger leise werden.

A QUIET PLACE erschien am 23. August 2018 auf DVD und Blu-ray. Als Extra gibt es ein informatives Making Of.

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Paramount Pictures/ Universal Pictures

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Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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