MOONLIGHT (2017)

Die Überraschung des Jahres

„An einem bestimmten Punkt musst du für dich entscheiden, wer du sein willst. Die Entscheidung kann dir keiner abnehmen.“

In MOONLIGHT begleiten wir einen jungen Afroamerikaner namens Chiron in drei entscheidenden Kapiteln seines Lebens auf der Suche nach sich selbst in einer Welt voller Erwartungshaltungen, Rollenbildern und Gewalt.

Der Regisseur Barry Jenkins liefert uns mit dem Coming of Age-Drama alles andere als einen typischen Hollywood-Film. Ohne Spannungsbögen, einem erlösenden Happy-End oder viel Action und mit einem Budget von nur 5 Mio. Dollar (zum Vergleich: Budget LA LA LAND 30 Mio. Dollar) gelingt dem bis vor kurzem noch unbekannten Regisseur u.a. mit einem herausragenden Ensemble, ein Film, der unter die Haut geht.

Im Herbst 2016 feierte MOONLIGHT in Telluride Weltpremiere und im Jahr darauf wurde er bei den Oscars zum besten Film des Jahres gekürt. Das kam überraschend, war jedoch keinesfalls unverdient. Am 09.03.2017 kam der Film in die deutschen Kinos.

INHALT:

Der Film ist in drei Kapitel unterteilt: Little, Chiron und Black. Die Titel sind die Namen, die der Protagonist Chiron in der jeweiligen Phase seines Lebens trägt und in jedem Kapitel wird Chiron von einem anderen Schauspieler verkörpert.

Der schüchterne Chiron (Alex R. Hibbert), als Kind von allen Little genannt, wächst in einem Ghetto in Miami bei seiner cracksüchtigen Mutter (Naomie Harris) inmitten von Gewalt und Drogenkonsum auf. In der Schule kann er sich gegen seine Klassenkameraden nicht durchsetzen und wird gemobbt, weil er anders ist als die anderen Jungen. Schüchterner, kleiner und wehrloser. Ausgerechnet in dem Drogendealer Juan (Mahershala Ali), der seine Mutter mit Crack versorgt, findet er einen Vaterersatz und Mentor fürs Leben.

Immer wieder bekommt Chiron zu spüren, dass er anders ist. Auch als Jugendlicher (hier gespielt von Ashton Sanders) wird er von seinen Mitschülern gedemütigt und zu Machtkämpfen herausgefordert. Nur Kevin scheint ihn zu respektieren und wird ein entscheidender Faktor in seiner Identitätsfindung. Denn im Jugendalter macht Chiron seine ersten sexuellen Erfahrungen mit Kevin und hört nach einem Kampf in der Schule, der eine Jugendhaftstrafe zur Folge hat, lange nichts mehr von ihm.

In Kapitel drei ist Chiron alias Black (Trevante Rhodes) nicht mehr wiederzuerkennen. Er lebt nun in Atlanta und hat sich im Drogengeschäft einen Namen gemacht. Mit seinen Muskeln, Goldketten- und Grills und seinem teuren Auto wirkt er unnahbar. Doch mit einem unerwarteten Anruf von Kevin (André Holland), beginnt die Fassade des coolen Gangsters zu bröckeln…

FAZIT:

Wer Action und Spannung braucht, ist hier falsch. MOONLIGHT zeigt den Alltag eines heranwachsenden afroamerikanischen Jungen, der mit alltäglichen Problemen zu kämpfen hat und der Erwartungshaltung der Gesellschaft nicht gerecht werden kann. Gezeigt wird das Leben in Miami jenseits von Glamour. Es treffen viele Themen aufeinander, mit denen sich die breite Masse nicht identifizieren kann, weshalb der Film nicht für jeden geeignet ist.

Mit persönlich gefällt, dass wir den Protagonisten Chiron als Zuschauer scheinbar besser kennenlernen, als jeder andere in dem Film. Wir sind dabei, wenn er alleine ist. Wir kriegen mit, wie er in der Nähe von Kevin weiche Knie kriegt. Wir sehen, wie ihn die traumatisierenden Erinnerungen an seine cracksüchtige Mutter, die ihm nie die Liebe gegeben hat, die ein Kind braucht, auch noch als Erwachsener aus dem Schlaf reißen.

Mit eindrucksvollen Bildern, außergewöhnlichen Filmtechniken, ungewöhnlich stillen Szenen und nachdenklich stimmenden Unterhaltungen (die zum Glück die Grenze zum Kitsch nicht überschreiten) werden dem Zuschauer Emotionen vermittelt. Emotionen, die gerade in Chirons Umfeld nicht gerne gesehen sind, da sie Schwäche bedeuten. Die Fragilität des Charakters zeigt sich in seiner Körperhaltung und Schweigsamkeit. Oftmals bedarf es keine Worte, um seine Emotionen rüber zu bringen. Und wenn es doch Konversationen gibt, sind sie tiefgründig, herzergreifend, belehrend oder rhetorisch herausragend.

Die Fassaden, die jede Rolle zu ihrem Schutz besitzt oder später aufbaut, werden im Laufe des Filmes durchbrochen.

Chiron gibt mit dem Aufbau des Gangster-Images den Erwartungshaltungen der Gesellschaft nach. Die Isolation, Einsamkeit und Frage nach der Identität bleibt jedoch nach wie vor. Das Gefühl von Verlorenheit in einer Welt voller Anforderungen und Rollenbildern wird von allen drei Schauspielern, die Chiron verkörpern, sehr gut umgesetzt und immer wieder aufgenommen.

Die hervorragende Kameraführung tut ihr übriges. Die Szene, in der Juan dem kleinen Chiron das Schwimmen beibringt, wirkt dank den außergewöhnlichen Bildern, Effekten und harmonierenden Farben in Kombination mit Juans metaphorischen Ratschlägen zum Überleben wie Poesie.

Als Zuschauer bekommt man das Gefühl, mitten drin zu sein. Die Aufnahmen aus Winkeln, die uns nur einen kleinen Teil des Hauptgeschehens zeigen und die vielen Nahaufnahmen, die zwischendurch auch mal unscharf sind, lassen alles so realistisch wirken, dass sich bei mir als Zuschauer ganz schnell eine Vertrautheit aufgebaut hat.

Mir viel der Film zunächst aufgrund des interessanten Covers auf. Das Porträt Chirons, das eine Zusammensetzung seines Gesichts aus allen drei Kapiteln ist, im blauen Mondlicht (Der Titel stammt übrigens vom selbsterklärenden Titel des Drehbuchs „In Moonlight Black Boys Look Blue“), gibt einen Vorgeschmack auf die vorhandenen künstlerischen Elemente im Film. Mit ausgezeichneten Schauspielern, wie Mahershala Ali (HIDDEN FIGURES/ LUKE CAGE) und Naomie Harris (JAMES BOND 007: SPECTRE), sowie der Tatsache, dass der Film ein völlig verschwiegenes Thema anspricht, hebt MOONLIGHT sich von anderen Coming of Age-Filmen ab und füllt eine Nische, die nicht jeden anspricht.

von Begüm Kargöz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial DCM 2017

 

 

Begüm Karagöz

Begüm Karagöz

Seit ich Teil des Filmaffen-Teams bin kann ich meine exzessiven Film- und Serienmarathons endlich mit dem Vorwand sie anschließend rezensieren zu müssen als eine meiner größten Leidenschaften anerkennen lassen und habe auch schon gleich ein besseres Gefühl dabei stundenlang vor'm Bildschirm zu hängen.
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