Independent Days Filmfest 2017 in Karlsruhe

Ein Kurzfilmmarathon für Cineasten

In diesem Jahr fanden vom 05. bis zum 09. Mai 2017 zum 17. Mal die Independent Days in der Schauburg in Karlsruhe statt. Mit dem Schwerpunkt auf Kurzfilme freier und angehender Filmemacher wurde ein strammes, aber ansprechendes und vor allem vielseitiges Festivalprogramm vom Karlsruher Filmboard e.V. und Veranstalter Dr. Oliver Langewitz geschnürt. Hier war wahrlich für jeden Filmfan etwas dabei. Filmaffe Jörg war zwei Tage vor Ort und berichtet euch von seinen Eindrücken.

 

Das Programm

Gezeigt wurden 163 Filme aus 45 Ländern an fünf Tagen und in 18. Kategorien. Dabei waren auch sechs Langspielfilme. Obendrein gingen einige Filme auch in den Wettbewerb um insgesamt 10 Auszeichnung, die an der großen Abschlussgala am Sonntagabend verliehen wurden.

Jeder Filmblock stand unter einem Oberthema. In der Regel wurden sieben Filme pro Block, im Animationsfilm-Block „Die wunderbare Welt des Trickfilms“ waren es gar 20 Kurzfilme, gezeigt. Langweilig wurde es dabei nie, denn jeder Film hatte seine eigenen Stil, seine eigene Perspektive und Herangehensweise. So folgte auf ein schweres Drama, eine seichte Komödie und wechselte dann erneut die Grundstimmung beim dritten Film. Stets wurden die Filme in der Originalsprache und häufig mit englischem Untertitel gezeigt.

 

Willkommen auf den Independent Days

Irgendwo zwischen „Entwurzelte Heimaten“, „Heimat-Blues“, „In the Warfield“ und „Fremde Welten & ferne Galaxien“ fand ich meinem Platz im Kino. Es waren die Festivaltage zwei und drei, genauer gesagt, der Donnerstag und Freitag der Independent Days. Mehr war zeitlich nicht drin und doch wollte ich alles rausholen, was geht. Tatsächlich bewies ich Sitzfleisch ohne es zu merken. Denn die Zeit verging wie im Fluge. Kein Wunder, denn die Filme waren abwechslungsreich, unterhaltsamen und selten wirklich schwach. Obendrein blieb bei so einem durchgetakteten Programm oft kaum Zeit zum durchatmen.

Eindrücke wechselten sich ab, Emotionen kochten hoch und wurden wieder besänftigt. Es wurde eine Achterbahnfahrt durch die internationale Filmlandschaft. Ein Culture Clash und ein Blick über den Tellerrand, der wenig nahm, aber dafür eine Menge gab. Ich drang ein in die Geschichten und wurde für kurze Stunden Teil einer Filmszene, die sich ambitioniert, motiviert, idealistisch, aber auch kritisch und selbstreflektiert auf das Medium „Film“ zeigte.

Man merkte, hier wurden Filme von Menschen gezeigt, die etwas erzählen wollen, die sich noch ausprobieren, die aufmerksam machen möchten. Der gesellschaftskritische Verweis war und ist ein Leitthema der meisten Kurzfilme. Es ging um anders sein, um Ausgrenzung, Eingrenzung, Vertreibung, den Wandel von und die Krisen in Regionen sowie die Verarbeitung von Trauma, Liebe und gesellschaftliche Tabus.

 

Die Location & Atmosphäre

Trotz der Tragweite mancher Themen, waren die Independent Days geradezu familär und bodenständig. Und doch lag ein Hauch von Glamour in der Luft. Die Schauburg, ein Karlsruher Programmkino der alten Schule, war als Location ideal. Abgetrennt in oberen Kinosaal waren die Festivalbesucher auf ihrer Etage für sich und doch nie abgekoppelt vom eigentlich Kinobetrieb: Der große Kronleuchter, den man beim Treppenaufgang umrundet, war Lichtquelle und Leitsignal zugleich. Lautes Lachen und konzentrierte Gespräche waren zu hören. Vereinzelt standen Personen herum, tranken einen Kaffee, verschnauften kurz und holten sich neue Energie für die nächste Filmrunde. Eine rote Wand war aufgebaut. Auf ihr prangte das Logo des Festivals – mehrfach. Hier trafen sich die Promis, die irgenwie noch keine sind und doch ihren verdienten Ruhm abholten, sich ablichten ließen. In einer anderen Ecke standen Liegestühle und Hocker. Eine Chill Out Lounge, die kaum genutzt wurde. Warum auch? Saß man doch im Kino schon genug. Die Stehtische am Kinosaaleingang wurden hingegen zum Treffpunkt und Wartebereich.

Wer jedoch wirklich eindringen wollte in dieses Festival, der musste einen anderen Ort aufsuchen: Den Kinosaal. Nicht selten blieben die Besucher zwischen den Blöcken dort sitzen, vertieften ihre Eindrücke des kürzlich Gesehenen mit dem Sitznachbarn, ja diskutierten gar mit dem ganzen Saal. Es glich einem Filmabend unter Freunden, nur das nicht fünf, sondern schon mal 30 Menschen in eine gemeinsame Fachsimpelei abdrifteten. Man schnappte auf, man warf selbst ein und am Ende waren wir uns alle einig. Hier sind wir richtig, hier wollen wir sein.

 

DIE GEWINER der Independent Days 2017

Die insgesamt zehn Preiskategorien, in denen einige Filme nominiert waren, wurden teilweise von regionalen Partner (u.a. die Sparkasse Karlsruhe und die Badischen Neuen Nachrichten) gesponsert und mit Preisgeld dotiert. Neben klassischen Kategorien, wie beste Hauptdarsteller und bester Film, sind bei den Independent Days vor allem zwei Kategorien sehr interessant: Der „Female Award“ stärkt und unterstützt weibliche Regiearbeiten und der „Newbie Award“ prämiert das beste Erstlingswerk angehender Filmemacher.

 

Filmpreis der Kulturstiftung der Sparkasse Karlsruhe:
PITTER PATTER GOES MY HEART – Regie: Christoph Rainer (aus Österreich)

Filmpreis der Stadt Karlsruhe – Die GOLDENE ID 2017:
GAME NIGHT – Regie: Jan van Gorkum (aus Niederlande)

Georg Fricker Filmpreis:
SOULS DEAD – Regie: Victor Krasovskiy (aus Weißrussland)

Roncalli-Forum-Filmpreis:
ON THE PULPIT – Regie: Tomasz Wisniewski (aus Polen)

Indie Award für den besten Langfilm:
ALPTRAUM – Regie: Manuel Lobmaier (aus Schweiz)

Female Award für die beste weibliche Regiearbeit:
IM PERFEKT – Regie: Zsuzsanna Koszti (aus Ungarn)

Newbie Award für das beste Erstlingswerk:
TRUE – Regie: Simon Schneider (aus Deutschland)

Best Short Shortfilm:
METUBE 2 – Regie: Daniel Moshel (aus Österreich)

Best Actress:
Susi Stach – Film: DEADLOCK/STILLSTAND; Regie: Bela Lukac (aus Österreich)

Best Actor:
Lucas Prisor – Film: SAMIRA; Regie: Charlotte A. Rolfes (aus Deutschland)

Meine Highlights

In der einen oder anderen Kategorie hätte ich einen anderen Film bzw. Darsteller erwartet, dennoch sind die Entscheidung für diese Gewinner weitestgehend nachvollziehbar. In den nächsten Tage werde ich noch mal eingehender auf meine persönlichen Filmhighlights des Independent Days Filmfest eingehen. Bis dahin könnt ihr euch hier einen Überblick über alle gezeigten Filme verschaffen.

 

FAZIT:

An den zwei Tagen, an denen ich auf dem Independent Days Filmfest anwesend war, hatte alles für mich eine angenehme, private Atmosphäre. Das lag einerseits an der Location, andererseits auch daran, dass alle anwesenden Filmemacher kontaktfreudig zum Teil der Festivalbesucher wurden. Auch das Team um Festivalleiter Dr. Oliver Langewitz war jederzeit ansprechbar, hilfsbereit und von jedweder Fachsimpelei bis hin zum ausschweifenden Small Talk zu haben.

Trotz dieser Nähe, dieses scheinbaren Mikrokosmos, der bei den Independent Days eröffnet wird, erkennt man die internationale Tragweite des Karlsruher Filmfestes. Filmemacher haben dort nicht nur aus Spaß an der Freude ihrer unabhängig produzierten Filme eingereicht, sondern weil sie wissen, dass dieses Festival wichtig ist. Nicht nur für die Region Baden-Württemberg, sondern auch weltweit. Da wünscht man sich, dass dieser mittlerweile feste Bestandteil im jährlichen Kulturprogramm der Fächerstadt auch in den nächsten Jahren weiter erhalten bleibt, ja sogar noch weiter wächst.

von Jörg Gottschling

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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