Im Rampenlicht #2: Quentin Tarantino

Kaum ein anderer Regisseur polarisiert die Massen so sehr wie Quentin Tarantino. Oft als wahnsinniges Genie betitelt, gehört der aus Knoxville, Tennessee stammende Schulabbrecher und Legastheniker zu den großen Autorenfilmern Hollywoods. Denn er hat in jeder seiner Produktionen die Zügel fest in der Hand: Ob es das Drehbuch selbst, die Filmmusik oder die Wahl seiner Darsteller ist – Tarantinos Werke sind unverkennbar und tragen einen ganz eigenen Stempel.

Konventionelle Regeln gibt es für ihn nicht. Er pfeift auf den Mainstream und dirigiert den Markt nach Belieben. Deswegen wird Tarantino oft als „Enfant terrible“ (frz.: schreckliches Kind) bezeichnet – und schafft es trotzdem mit fast jeder seiner Produktionen in die engere Auswahl der größten Preisverleihungen. Zwei Oscars konnte er als bester Drehbuchautor abstauben, und die Gründe dafür liegen auf der Hand: Es sind die genial geschriebenen Dialoge, die sich zunächst scheinbar mit banalen Dingen auseinandersetzen, aber trotzdem auf ihre ganz eigene Art und Weise mit dem Geschehen auf der Leinwand zusammenhängen. Diese Leinwand und seine große Liebe zum Kino haben Tarantinos Werk stark beeinflusst und einen besonderen Stil erschaffen, den wir hier behandeln werden.

Quentin Jeromes Tarantinos Weg ins Kino hört sich so bodenständig wie verrückt an: Die High School vorzeitig abgebrochen, saugte er sich unzählige Filme in kleineren Kinos ein und bekam daraufhin einen Job in einer Videothek, in der er sein eigenes Wissen noch einmal ausweiten konnte. Selbst die kleinsten B- Movies fanden den Weg in sein Kopfkino, und darauf basierend, begann er, seine eigenen Drehbücher zu schreiben. Unterstützung erhielt er dabei von seinem Freund Roger Avary, mit dem er noch einige Erfolge feiern sollte.

Damit seine Scripts überhaupt von einem Studio gelesen werden, behauptete Tarantino, selbst in einer Verfilmung von „King Lear“ des französischen Regisseurs Jean-Luc Godard mitgespielt zu haben. Zitat: „Den schaut sich sowieso niemand an“.

Sein Erstlingswerk war „My Best Friend’s Birthday“ (1985-1987). Da dieser Film allerdings eher nebenbei produziert wurde und das Ende aufgrund eines Laborbrands verloren gegangen ist, wird eine andere Perle als sein Debüt angesehen: RESERVOIR DOGS.

 

Der Startschuss: RESERVOIR DOGS (1992)

RESERVOIR DOGS kostete seinerzeit nur 1,2 Millionen Dollar, da sich Tarantino entschied, das Geschehen auf einen Handlungsort zu konzentrieren. Nur einige Zeitsprünge spielen außerhalb der Fabrikhalle, in der sich eine Gruppe von Diamantenräubern verschanzt und versucht, einen Verräter zu entlarven. Diese Zeitsprünge sind ein Markenzeichen Tarantinos und sollten sich in vielen seiner nächsten Filme wiederfinden.

In RESERVOIR DOGS wird ein schief geratener Überfall behandelt. Die Männer, die sich nicht untereinander kennen und nur mit Spitznamen anreden (u.a. Mr. White, Mr. Pink oder Mr. Black), sind sich einig, dass sich unter ihnen ein Spitzel befindet, der mit der Polizei zusammenarbeitet. Der Film ist genial gespielt und versammelt einige der coolsten Darsteller auf dem Bildschirm: Unter Anderem geben sich hier Harvey Keitel, Tim Roth oder Steve Buscemi die Ehre. RESERVOIR DOGS begeisterte seinerzeit (und auch heute noch) mit geschliffenen Dialogen, interessanten Twists und einem spannenden Mexican Standoff. Wie Tarantino auf den Titel kam? Ganz einfach: Er empfahl einem Kunden in der Videothek den Film „Au revoir les enfants“, woraufhin dieser „Reservoir Dogs“ verstand.

 

Der Durchbruch: PULP FICTION (1994)

PULP FICTION gilt für viele als bester Film der 90er Jahre und sogar als einer der besten Filme aller Zeiten. Und diesen Titel hat er sich auch redlich verdient. Selten konnte ein Werk so sehr durch seine genialen Dialoge brillieren wie PULP FICTION. John Travolta und Samuel L. Jackson spielen die beiden Auftragsmörder Vincent Vega und Jules Winfield, die sich über Hamburger in Holland unterhalten. Bruce Willis ist der Boxer Butch, der nicht mehr boxen will. Und Pumpkin und Honey Bunny wollen ein Diner ausrauben. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. PULP FICTION ist eines der prägendsten Werke der Filmgeschichte und begeistert mit seiner dezenten Brutalität, stellt normale Erzählstrukturen auf den Kopf und entfaltet eine große Wucht in jeder einzelnen Szene, die damals revolutionär war. Anschauen und genießen.

 

Hommage an das Blaxploitation: JACKIE BROWN (1997)

Mit JACKIE BROWN erfüllte sich Tarantino einen persönlichen Wunsch: Er castete Pam Grier als seine Hauptdarstellerin und schrieb ihr eine extrem passende Rolle auf den Leib. JACKIE BROWN orientiert sich stark an den Blaxploitation Filmen aus den 70ern und enthält typische Elemente dieses Genres: Eine toughe, schwarze Hauptdarstellerin, ein funkiger Soundtrack (Bobby Womack – Across 110th Street!!!) und ein Koffer voll Geld. Natürlich treffen auch hier wieder viele bekannte Charakterdarsteller aufeinander (unter anderem Robert de Niro und Robert Forster), die Dialoge sind extrem gut und der Humor unverkennbar. JACKIE BROWN ist einer der ruhigeren Tarantinos, belohnt aber mit einem tollen Charme und einer ordentlichen Prise Soul.

 

Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird: KILL BILL VOL 1 + 2 (2003 + 2004)

Quentin Tarantino ist kein Mann für Fortsetzungen. Seine Filme beinhalten immer eine geschlossene Handlung und werfen nicht mit Cliffhangern um sich. KILL BILL ist eine Ausnahme. Ursprünglich als Einteiler konzipiert, wurde der Film während des Schnitts immer länger, sodass sich der Regisseur dafür entschied, KILL BILL in zwei Teile zu splitten und diese im Abstand von wenigen Monaten ins Kino zu bringen.

KILL BILL ist ein Meisterwerk des neuen Kinos. Die Story ist extrem simpel, jedoch ist der Stil hier entscheidend. Tarantino erschuf eine einfache Rachegeschichte, in der Beatrix Kiddo (Uma Thurman) nach ihrem vermeintlichen Tod als Auftragskillerin eine Strichliste anfertigt und nacheinander alle Mitglieder ihres ehemaligen Tötungskommandos eliminiert. Der Endgegner ist ihr ehemaliger Boss und Liebhaber Bill (David Carradine).

Teil eins ist ein typischer Eastern und orientiert sich stark am asiatischen Kino, während für Teil zwei ganz klassische Western-Elemente gewählt wurden. Der Blutzoll in KILL BILL ist hoch, das Herzstück sind aber seine unglaublich gut komponierten Verbeugungen vor dem klassischen Kino. Tarantino hat eine Ballade an seine Jugendfilme gezaubert, die in den nächsten Jahren schwer getoppt werden kann.

Bezeichnend dafür ist die legendäre Hattori Hanzo-Szene, in der Uma Thurman ihr Samuraischwert von Sonny Chiba zu Gheorge Zamfir’s „The lonely shepherd“ überreicht bekommt.

 

Grindhouse: DEATH PROOF (2007)

DEATH PROOF war Teil des Double-Features GRINDHOUSE, das Tarantino zusammen mit seinem Freund Robert Rodriguez (SIN CITY) erschuf. Das sogenannte Grindhouse Kino ist meistens eine Vorstellung aus zwei bis drei B-Movies, die direkt hintereinander gezeigt werden. Tarantino und Rodriguez verbeugen sich vor dieser Form des Kinos und haben ihren Filmen einen entsprechenden Look verpasst.

In DEATH PROOF gibt es zahlreiche gewollte Flecken, Risse in der Rolle, Bildfehler und Jumpcuts zu sehen, die dem makabren Thriller einen ganz eigenen Charme verleihen. Kurt Russell spielt Stuntman Mike, der es auf eine Gruppe von Mädels abgesehen hat, sich aber ordentlich verschätzt. Auch hier gibt es Tarantino- typisch viele Füße, aber auch ordentlich Blut zu sehen. Der Soundtrack ist wieder einmal hervorragend gewählt – Butterfly’s Lapdance ist jetzt schon die Geschichte eingegangen:

 

Nazis töten: INGLORIOUS BASTERDS (2009)

Tarantinos nächster großer Wurf war gleichzeitig sein erster Film, der einen geschichtlichen Hintergrund hat: Den 2. Weltkrieg. In INGLORIOUS BASTERDS stellt Brad Pitt aka Aldo Raine ein Team zusammen, dass es sich zur Hauptaufgabe gemacht hat, soviele Nazi-Skalps wie möglich einzusammeln und schlussendlich Adolf Hitler zu töten. INGLORIOUS BASTERDS ist allerdings mehr als ein reiner Kriegsfilm: Es ist eine Verbeugung vor dem Film Noir und seinen Regisseuren. In INGLORIOUS BASTERDS wird zitiert, gehuldigt und die Geschichte umgeschrieben. Nicht umsonst gilt dieses Stück Zelluloid als einer der besten Filme seines Jahrzehnts, denn Tarantino gelingt es hier, wirklich jeden seiner Darsteller zur Höchstform auflaufen zu lassen. Selbst Til Schweiger. Hervorzuheben ist hier die Performance von Christoph Waltz als Hans Landa, für die es völlig zurecht einen Oscar gab.

 

Das „D“ ist stumm: DJANGO UNCHAINED (2012)

DJANGO UNCHAINED lässt sich am besten als einen Italo-Western-Blaxploitation-Mix bezeichnen. Nachdem sich Tarantino in seinem vorherigen Film an Nazis ausgelassen hat, sind diesmal Rassisten dran. Der von Jamie Foxx gespielte Django bahnt sich seinen Weg durch die Südstaaten zu Zeiten der Sklaverei und wird dabei großartig von Christoph Waltz unterstützt. Dazu gesellen sich noch Kollegen wie Leonardo diCaprio oder Samuel L. Jackson, die DJANGO UNCHAINED zu einem Western machen, der sich vor Corbucci, Leone, aber auch Shaft verbeugt. So wie verschiedene Genres in DJANGO UNCHAINED gnadenlos gemixt werden, gestaltet sich auch der Soundtrack: Neben Musik von Ennio Morricone gibt es den guten alten Johnny Cash, aber auch Rapper wie Rick Ross oder 2PAC zu hören. Passt auf den ersten Blick nicht zusammen? Bei Tarantino schon.

 

Kammerspiel: THE HATEFUL EIGHT (2015)

Tarantinos neuestes Werk vereint im Grunde zwei seiner Filme in einem: Hier trifft RESERVOIR DOGS auf DJANGO UNCHAINED. Es gibt eine Situation, in der eine Gruppe an einem abgelegenen Ort aufeinandertrifft und den Mörder finden muss. Dazu darf sich ein Afroamerikaner an Südstaatlern rächen. Wer allerdings eine Kopie erwartet, hat sich geschnitten. THE HATEFUL EIGHT ist eines von Tarantinos innovativsten Werken. Gedreht in Ultra Panavision 70, bekommt der Zuschauer ein auf drei Stunden ausgedehntes Theaterstück präsentiert, das von großartigen Geschichten, Intrigen und schwarzen Humor trotzt. Wohlmöglich ist THE HATEFUL EIGHT sein wohl zynischstes Werk. Wirklich jeder Charakter hat eine dunkle oder unsympathische Seite, möge er zunächst noch so freundlich erscheinen. Wer genauer hinschaut, entdeckt vielleicht ein erstes Bild unserer heutigen Gesellschaft.

 

Es gibt nur wenige Regisseure, die einem Film einen ganz markanten Stempel aufdrücken können, wie es Tarantino regelmäßig schafft. Seine Markenzeichen sind unverkennbar. Einige kleine, auf den ersten Blick nicht erkennbare Gemeinsamkeiten gibt es dennoch:

1. Big Kahuna Burger

Die fiktive Burgerkette kommt in fast jedem seiner Filme vor. In PULP FICTION genehmigt sich Jules Winfield einen solchen, aber auch DEATH PROOF und RESERVOIR DOGS sorgen für Hunger.

2. Red Apple

Die Protagonisten in Tarantinos Filmen rauchen regelmäßig Red Apple-Zigaretten. In THE HATEFUL EIGHT existiert Red Apple als Drehtabak.

3. Mexican Standoff

Im sogenannten Mexican Standoff stehen sich mindestens drei Gegner gegenüber, die sich gegenseitig mit Waffen bedrohen. Einen echten Sieger kann es eigentlich nicht geben. Der Mexican Standoff ist in RESERVOIR DOGS, PULP FICTION und THE HATEFUL EIGHT zu finden.

4. Vic und Vincent Vega

Eine der Figuren aus RESERVOIR DOGS, Vic Vega (Michael Madsen), ist der Bruder von Vincent Vega (John Travolta) aus PULP FICTION.

5. Füße

Tarantino, der leidenschaftlicher Fußfetischist ist, bringt regelmäßig Nahaufnahmen von Füßen in seinen Filmen ein. In KILL BILL ist es Uma Thurman, in DEATH PROOF Rosario Dawson und Sydney Portier, oder Diane Krüger in INGLORIOUS BASTERDS. In FROM DUSK TILL DAWN beglückt Tarantino als Darsteller Juliette Lewis mit seinem Fetisch.

6. Trunk shot

Eine Kameraeinstellung aus dem Innenleben eines Kofferraums. Zu sehen in JACKIE BROWN, PULP FICTION oder KILL BILL.

7. Earl McGraw

Der von Michael Parks gespielte Sheriff kommt in vielen verschiedenen Filmen vor: GRINDHOUSE, KILL BILL, FROM DUSK TILL DAWN (mitproduziert von Tarantino).

8. Klebeband

Silberfarbenes Klebeband wird fast regelmäßig in Tarantinos Filmen genutzt, um Menschen zu knebeln.

9. Hattori Hanzo

Hattori Hanzo-Samuraischwerter sind in Tarantino-Filmen oft präsent. So klaut sich Bruce Willis eines in PULP FICTION, Uma Thurman lässt sich in KILL BILL eines von Hanzo persönlich schmieden.

10. Familie Donowitz

Der von Eli Roth in INGLORIOUS BASTERDS gespielte „Bärenjude“ Donny Donnowitz ist der Vater von Lee Donowitz (Saul Rubinek) in TRUE ROMANCE, dessen Drehbuch Tarantino geschrieben hat.

11. Cameo-Auftritte

Tarantino tritt in einigen seiner Filme in kleineren Nebenrollen auf. In RESERVOIR DOGS spielt er Mr. Brown, in PULP FICTION Jimmie, in JACKIE BROWN einen Anrufbeantworter, in KILL BILL einen Statist, in DEATH PROOF Warren, in INGLORIOUS BASTERDS als würgende Hand, in DJANGO UNCHAINED als Frankie und schlussendlich als Erzähler in THE HATEFUL EIGHT.

So hoch seine Einspielergebnisse auch sind, so viele Preise, wie er gewonnen hat: Tarantino wird immer Independent sein. Genrekonventionen gibt es für ihn nicht. Er ist ein Fan, der sich selbst Filme zusammenmischt, die sich insgeheim jeder Nerd wünscht. Deshalb, und der schönen Erinnerungen wegen, die ich mir immer wieder anschauen werde, gilt Quentin Tarantino für mich als einer der besten Regisseure der Filmgeschichte.

Bildquelle:  Wiki Common | Siebbi 

Salih Yayar

Salih Yayar

Hey, ich bin Salih, 28 Jahre alt, kinosüchtig und Serienfreund. Große Epen, Sci-Fi und Independent sind mein Ding - also eigentlich alles. Und wenn ich nicht gerade über Multimedia oder Politik diskutiere, versuche ich selber mal etwas auf die Leinwand zu zaubern. Meistens kläglich.
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