ELECTRIC SLIDE (2014)

Charmanter Gangster im Ästhetikrausch

Gangsterfilme mit einer romantischen Verklärung die zweifelhafte Tätigkeit, andere um ihr Hab und Gut zu erleichtern, sind keine Erfindung des modernen Films. Schon im Wilden Westen wurden die Revolverhelden ihrer Zeit zu Ikonen sterilisiert. Und da scheinbar jeder Film einen Helden braucht, wird aus dem Verbrecher ein freiheitsliebender Lebemann mit guten Benehmen, einer Menge Charme und einem unfassbar großen Topf Glück, der ihm lange Zeit vor den Fängen der Polizei bewahrt – so auch in dem stylischen 80er-Jahre-Happening ELECTRIC SLIDE.

INHALT:

Eddie Dodson (Jim Sturgess) hat es wirklich nicht leicht in seinem Leben. Er führt ein kleines Möbelgeschäft, das mehr schlecht als recht läuft, und muss sich obendrein ständig um die Belange seiner weiblichen Angestellten kümmern. Seine Lage hält ihn jedoch nicht davon ab, teure Anzüge zu tragen und ein durchaus anständiges Leben weit über sein finanzielles Limit zu führen.

Wen wundert es da, dass Eddie Schulden bei der Bank und bei dem skrupellosen wie zwielichtigen Geschäftsmann Roy Fortune (Chriostpher Lambert) hat. Damit droht ihm nicht nur der Zwangsvollzug, sondern auch sein Leben selbst ist in ernster Gefahr, wenn er nicht sehr schnell zu Geld kommt.

In der Not ergreift er die Initiative und lässt in den Bankhäusern seiner Stadt seinen Charme spielen. Mit einer Pistole im Anschlag, einem kessen Spruch auf dem Lippen und eine feinen Auftreten raubt er innerhalb von sechs Monaten 64 Banken aus. Die Polizei ist ihm auf der Spur, doch Eddie ist vorsichtig und den Ermittlern immer eine Hutbreite voraus…

FAZIT:

ELECTRIC SLIDE von Tristan Patterson ist ein Gangsterfilm, der inhaltlich in den 1980er Jahren angesiedelt ist und auf einer wahren Geschichte beruht. Der Film setzt auf viel Ästhetik und einem satten Soundtrack voller elektronisch-rockiger Rhythmen. Leider verliert er dabei das Wesentlich aus dem Augen und verschenkt Chancen.

Pulsierend und berauschend – so könnte man die Stimmung in ELECTRIC SLIDE beschreiben. Selten dauert eine Szene länger als vier Minuten. Ständig befindet sich Eddie, charismatisch gespielt von Jim Sturgess (21; 2008/ ACROSS THE UNIVERSE; 2007), in Bewegung. Das muss er auch bleiben, denn die Polizei ist hinter ihm her. Doch so dynamisch das Bild und der Sound ist, so unausgereift und flach bleiben die Charakter des Films. Sie bleiben angerissene, ja eher noch abgerissene Figuren mit stereotypischen Verhaltensmustern – und manchmal noch nicht mal das. Nebenrollen werden zu Statisten degradiert, die kaum Zeit bekommen, sich anständig vorzustellen. Eine tiefe Charakterstudie ist ELECTRIC SLIDE nicht. Nicht mal die Hauptfigur erhält eine Ebene, die der wahren Persönlichkeit dahinter gerecht werden würde. Ein großes Defizit des Films, der sich einzig darauf ausruht, die Geschichte einer gescheiterten Existenz, die zum erfolgreichen Bankräuber wird, möglichst cool zu erzählen.

Eine verschenkte Chance, denn blicken wir beispielsweise auf CATCH ME IF YOU CAN, zeigte der Film doch, wie viel Spaß es machen kann, einen Gangster möglichst cool und witzig zu präsentieren, aber auch gleichzeitig ein herrliches „Katz und Maus“-Spiel zu stricken, in dem sich Verbrecher und Ermittler gleichwertig entwickeln und von einander als Charaktere profitieren, ja sogar der Story erst so richtig ihre Würze verleihen. ELECTRIC SLIDE hingegen setzt auf einem Dackleblick und einem smarten Lächeln, dass weibliche Bankangestellte reihenweise verzückt. Die Polizisten auf der Gegenseite wirken hingegen wie Stümper, die ihr Handwerk nicht verstanden haben. Obendrein tauchen sie viel zu spät auf. Dass dann auch noch ein weitere Verbrecher, blaß personifiziert von Christopher Lambert (HAIL, CAESAR!; 2016), hinter Eddie her ist, wirkt überladen für einem Film mit gerade mal gut 90 Minuten Spiellänge.

Einverstanden: ELECTRIC SLIDE sieht wirklich gut aus. Aber dem Film fehlt Charakter und Tiefe – da nützt es auch nicht, eine wahre Geschichte für die Story des Films heranzuziehen. Die Schauspieler bleiben hinter ihren Möglichkeiten. Vor allem Partica Arquette (BOYHOOD; 2014) wird als kleine, lüsterne Nebenrolle verheizt. Alles sehr schade, denn man muss eingestehen, dass der Film Stil hat und es Regisseur Patterson durchaus verstanden hat, wie so ein Film funktioniert. Nur leider ging es ihm nicht, dieses Wissen für seinen Gangsterfilm vollends zu adaptieren.

ELECTRIC SLIDE ist ab dem 04.05.2016 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Euro Video 2016

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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