DIE LETZTEN TAGE DES PARVIS K. (2017)

Eine hoffnungsvolle Reise durch Europa

DIE LETZTEN TAGE DES PARVIS K. ist eine Geschichte, über einen Flüchtling aus dem Iran, der sterbenskrank ist und seine Tochter sucht – das alles klingt sehr tragisch, trägt aber eine Menge Hoffnung mit sich.

Das Drama von Henrik Peschel ist ein gefeierter Festivalfilm mit zehn Auszeichnung. Unter anderen erhielt er den „Grand Prize“ auf dem Arizona International Filmfestival und gewann in der Kategorie „Best Cinemathography“ auf dem Harlem Filmfestival. Hierzulande ist der Film bisher wenig bekannt, wenngleich er in einigen Kinos lief. Nun ist DIE LETZTEN TAGE DES PARVIS K. für das Heimkino erschienen. Jörg hat sich den Film mal angeschaut und ist beeindruckt.

INHALT:

Parvis Karimpour (Ramin Yazdani) sitzt am Lagerfeuer, gemeinsam mit anderen, ihm offensichtlich Fremden Männern. Doch sie verbindet etwas: Die Flucht aus der Heimat. Parvis erhält ein Stück Brot. Dann bekommt er einen Hustenreiz. Er spuckt Blut. Eine chronische Bronchitis belastet ihn, ja sie bedroht gar sein Leben. Und doch hat er ein Ziel. Geflohen aus seiner Heimat, dem Iran, sucht er sucht seine Tochter Nasrin. Mit ihr hat er vor Jahren gebrochen und das Letzt, was er über sie weiß, ist, dass sie in Madrid studiert hat.

Er nimmt eine Reise, eine lebensgefährliche Tortur übers stürmische Wasser und über die Seitenwege des europäischen Festlandes auf sich. Dabei gegegnet er dem gescheiterten Pianist Fabrizio (Christian Concilio) und der verwöhnten jungen Deutschen Almut (Pheline Roggan). Parvis erzählt ihnen seine Geschichte und erfährt mehr über deren Leben. Es ist ein gegenseitiger Austausch und doch nur ein kleiner Augenblick im Leben des Einzelnen, der seine kleinen Spuren hinterlässt.

FAZIT:

DIE LETZTE TAGE DES PARVIS K. beginnen mit Fakten: „Jedes Jahr verlassen über 40 Millionen Menschen als Flüchtlinge ihre Heimat“ heißt es dort. Eine erschreckend große Zahl und so unüberschaubar, dass es wie eine unbestimmbare Masse scheint. Der Einzelne bleibt dabei (wohl wortwörtlich) auf der Strecke. In dieser Flüchtlingsodyssee von Regisseur Henrik Peschel bekommt er jedoch einen Namen: Parvis Karimpour.

Parvis ist ein stolzer Mann. Wir erfahren, dass er Hausmeister in einer deutschen Schule in Teheran war. 30 Jahre hat er diesen Beruf ausgeübt. Dann kam er mit der Regierung in Konflikt, wurde festgenommen. Nun ist er wieder frei und möchte dort weg, sich mit seiner Tochter versöhnen.

Es geht ihm nicht gut. Er hat nichts mehr. Doch er gibt nicht auf. Denn er hat eine Menge Hoffnung. Sein Credo: „Wer dir Zähne gibt, gibt dir auch Brot.“ Mit anderen Worten: Das Leben geht weiter.

Diese Hoffnung gibt er aufopferungsvoll weiter: Parvis spendet seinen Bekanntschaften auf der Reise Mut und hört Ihnen zu. Ja, er nimmt ihnen gar für kurze Zeit ihren Kummer. Parivs wird einem Ratgeber, einem Wegweiser ja wortwörtlich zu einem Dirigenten für seine neuen Freunde. In DIE LETZTEN TAGE DES PARVIS K. durchlebt jede Figur ihre eigenen kleinen und großen Lebenskrisen. Mit Parvis altruistischen Verhalten verschwimmen die Grenzen zwischen Leid und Hoffnung. Wer ist hier wirklich derjenige der Hilfe benötigt? Der arbeitslose Künstler? Die verträumte Deutsche, die mit in einer verfahrenen Beziehung steckt? Oder doch der sterbenskranke Flüchtling? Die Antwort ist: Alle. Doch nicht jeder kann wirklich gerettet werden. Das ist die tragische wirklich tragische Wendung des Films.

DIE LETZTEN TAGE DES PARVIS K. erzählt emotional und menschlich bewegend über drei Schicksale. Aber das Drama ist auch politisch. So ist Parvis ein Gegner des politischen Systems im Iran – nicht von Anfang an, aber letztendlich mit viel überzeugend stellte er sich gegen die Regierung und landete im Gefängnis. Widerstand wird totgeschwiegen, ruhig gestellt oder aus dem Land vertrieben. Eine einfache, wie wahre Formel und nicht zu Letzt auch ein typischer Grund für die Flucht aus der Heimat.

Doch eine Flucht hat ihre Nutznießer: Schleuser und Schlepper führen Parvis Etappe um Etappe nach Europa. Das kostet Parvis sein ganzen Geld. Wir kennen diese schrecklichen Geschichten aus den Medien. Und doch sind sie oft so weit entfernt, dass sie einem kaum betrifft. Das Drama rüttelt auf ohne mit dem erhobenen Zeigefinger zu argumentieren. Vielmehr zeigt er, wie wenig nötig ist, um sich gegenseitig zu unterstützen. Und er beweist, wie wertvoll ein Austausch der Kulturen sein kann: Im hoffnungsvollen Europa angekommen, ist es aber nicht der EU, die Parvis hilft, sondern es sind ausgerechnet die Menschen, denen es selbst nicht gut geht. Parvis revanchiert sich doppelt und dreifach. So helfen Menschen Menschen – eine fast verklärtes Bild und eine eigentlich sehr einfach Formel zum Glück. In DIE LETZTEN TAGE DES PARVIS K. entsteht durch diese besondere Konstellation der drei Figuren einer authentische, wenngleich nicht ganz klischeebefreiten Geschichte.

Es gelingt DIE LETZTEN TAGE DES PARVIS K. den Zuschauer auf eine Reise zu Menschen mitzunehmen, die alle sind, weit weg vom eigenen Leben scheinen und doch mitten unter uns Leben. Es ist ein Einblick in die Welt der düsteren Gassen und dreckigen Hinterhöfe. Hier ist nicht viel, außer eine namenlose Verbundenheit im individuellen Leid und ein Funke Hoffnung, wenn man nur bereit dazu ist, wieder andere Menschen in seinem Leben zu begrüßen.

DIE LETZTEN TAGE DES PARVIS K. ist seit dem 09. Juni 2017 auf DVD im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Five Seven Films 2017

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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