THE SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS (2017)

Stille Romanze im schaurigem Steam Punk-Märchen

Guillmero del Toros THE SHAPE OF WATER ist ein wundervoll-schlimmer Film, der auf Tränendrüsen drückt und mitten ins Herz sticht. Der Film gewann vier Oscars, zwei golden Globes, drei British Academy Film Awards und noch einige Auszeichnungen mehr. Das spricht für ihn, doch eigentlich spricht THE SHAPE OF WATER für sich selbst.

INHALT:

Baltimore am Anfang der 1960er Jahre: Elisa (Sally Hawkins) ist eine stumme, liebenswerte und schüchterne Putzkraft in einer Forschungseinrichtung des US-amerikanischen Militärs. Sie lebt ein recht einfaches, unscheinbares Leben. Auf der Arbeit hält sie sich an ihre Kollegin und beste Freundin Zelda (Octavia Spencer). Wenn sie zu Hause ist, sucht sie den Kontakt zu ihrem Nachbarn Giles (Richard Jenkins). Der ist ein mittelloser Künstler, der sich mit Auftragsarbeiten über Wasser hält, dem jedoch die Fotografie also neue Werbeform schwer zu schaffen macht.

Eines Tages wird ein mysteriöses, lebendes Forschungsobjekt in die Einrichtung gebracht. Es handelt sich um einen Amphibienmensch (Doug Jones), der in seiner Heimat am Amazon als Gott verehrt wurde. Dr. Robert Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) soll dem Geheimnissen dieses seltsamen Wunders der Natur auf den Grund gehen. Doch er sieht in ihm mehr als nur ein Tier. Sicherheitsinspektor Richard Strickland (Michael Shannon) hat da eine ganz andere Auffassung. Er sorgt nicht nur dafür, dass das Wesen nicht ausbricht, sondern soll auch schnelle Forschungsergebnisse erzwingen. Dies führt gleich zu Beginn zu einem unheilvollen Konflikt. Strickland wird angegriffen und verliert zwei Finger. Das wiederum bestätigt seine Meinung über den Amphibienmenschen.

In der Folge des Konflikts muss das Labor von Blut gereinigt werden. Dabei lernt Elisa das Wesen kennen und es bildet sich sofort eine enge Bindung zwischen beiden. Vielleicht liegt es daran, dass sie beide nur schwer mit ihrer Umwelt kommunizieren können. Möglicherweise liegt es daran, dass sie beide Außenseiter in einer kalten Welt sind. Ganz bestimmt liegt es jedoch daran, dass sie einfach nur das fehlende Gegenstück in ihrem Leben sind.

FAZIT:

Das fantastische Liebesmärchen wird häufig mit Jean Pierre Jeunets DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE verglichen. Der Vergleich ist nachvollziehbar. THE SHAPE OF WATER ist jedoch in vielerlei Hinsicht ein komplett eigenes Werk. Die Bildsprache ist definitiv ähnlich, die Story selbst hingegen deutlich düsterer und fantastischer. Regisseur del Toro nimmt sich zudem nicht zurück und setzt auf deutlich anzüglichere und blutigere Bilder.

Dieser düstere Erzählstil ist es auch, der das eigentlich romantische Grundthema zweier Außenseiter, die sich finden und verlieben, prägt. Sie ist eine einfache, kleine und stumme Frau und er ist ein Wesen aus einer anderen Welt. Das alleine reicht dem Film nicht, um Tragik zu erzeugen. Obendrein sind sie Gefangene in einem dunklen Leben tief in den Gewölben einer kalten Forschungseinrichtung. Eine bedrückende Atmosphäre im Zwielicht spärlicher Deckenbeleuchtung entsteht. Nein, dies ist wahrlich kein Ort, an dem romantische Gefühle aufkommen. Und doch passiert es.

THE SHAPE OF WATER bescheibt einen Ausbruch aus einem Mikrokosmos: Sie steht auf, geht baden, „vergnügt“ sich, zieht sich an und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Die gleichen Abläufe, immer und immer wieder. Die Routine der zerbrechlich Elisa ist das Fundament dieses festgeschriebenen, aber zufriedenen Lebens. Und doch fehlt ihr etwas. Es ist eine wortwörtlich stille Verbundenheit zwischen einer kleinen Frau und einem einzigartigem Wesen, die diese Lücke in Elisas Leben zu schließen vermag. Sie freundet sich mit ihm an. Sofort spürt man in all der Stille, dass hier mehr ist, als nur der erste Kontakt zweier Fremder. Er beginnt mit einer ungewöhnlichen Kommunikation: Eier werden verschenkt. So einen hoffnungsvollen, aber wortkargen Dialog hat man in dieser Form noch nie gesehen. Gleichfalls darf diese Tat als eine sexuelle Anspielung betrachtet werden, bedenkt man den weiteren Verlauf der Handlung. Für beide ist die Kommunikation über Hände, über Taten wichtig. Denn Elisa ist stumm und das Wesen kommuniziert auf eine Weise, die dem Menschen fremd ist.

Die Wendungen, der Erzählstil von THE SHAPE OF WATER ist ähnlich wie die stummen Dialoge seiner Hauptprotagonisten verworren, überraschend und voller Wendungen. Erzählt wird gleich zu Beginn von einem Monster. Dass es sich dabei aber nicht um den Amphibienmenschen handelt, liegt schnell auf der Hand. Der Kontrahent in diesem grausamen Albtraum von einer Liebesgeschichte ist Michael Shannon.

Shannon mimt einen Sicherheitsinspektor ohne Skrupel, aber mit offensichtlichen Minderwertigkeitskomplexen. Auch seine Rolle ist so stark wie sie schwach ist. So kennt man Shannon schon aus BROADWALK EMPIRE. Wortwörtlich erleben wir diesmal den Verfall seines Charakters Richard Strickland an dem Verfaulen seiner Finger. Vom Stolz geleitet und von seinen Komplexen verfolgt, zwingt ihn vor allem sein Verstand zu Taten, die so unnötig wie brutal sind. Eine Gewaltspirale, die erdrückt, aber nicht schockiert. Mit ihm werden typische Konflikt der Zeit angesprochen: Unterdrückung der Frauen, Fremdenhass und der kalte Krieg gegen den kommunistisch-sowjetischen Feind.

THE SHAPE OF WATER ist ein poetisches-schreckliches Werk, in dem sich die Romantik ihren Platz sucht, sich aber nie vollends entfalten darf. Untermalt von wird diese bedrückend-schöne Geschichte von der Klängen des französisch-stämmigen Komponisten Alexandre Desplat. Dieser ist vertraut mit dem skurril-fantastischen Film. Unter anderen komponierte er die Melodien zu GRAND BUDABEST HOTEL, DAS SELTSAME LEBEN DES BENJAMIN BUTTON, DER FANTASTISCHE MR. FOX, THE DANISH GIRL und ISLE OF DOGS.

THE SHAPE OF WATER ist kein gradliniger Film. Er entspringt der Fantasie und verzerrt die Realität, wirkt gar häufig mehr wie ein Traum den ein verzaubert-düsteres Märchen – und so wundert man sich auch nicht, dass plötzlich aus dem Nichts gesungen wird. Erwartet das Unerwartete.

Eine Szene, die den Film zu Meisterwerk emporsteigen lässt, ist ausgerechnet eine, die wieder gegen Natur scheint. Es mag ein blasphemischer Akt sein, doch Sally Hawkins und Doug Jones sind in einer der wohl berührendsten und ehrlichsten Sexszenen der Filmgeschichte zu sehen. Dass heißt, der Akt selbst wird angedeutet und nachbesprochen. Umso tiefer bleibt jedoch seine Einleitung dessen im Gedächtnis.

THE SHAPE OF WATER ist ein grandioser Film in beeindruckenden Bilder, mit einer tiefen, emotionalen und manchmal schwer verdaulich-ehrlichen Story. Seit dem 19.07.2018 ist der Film auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial 20th Century Fox Home Entertainment

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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