REVENGEANCE (2016)

Kopfgeldjagd, Rache & die nackte Wahrheit

Regisseur Bill Plympton legt mit REVENGEANCE einen Animationsfilm für Erwachsene hin, der nichts für zart Besaitete ist. Mit rockigem Sound, freizügigen Frauen, harten Kerlen und einer erbarmungslosen Tour de Force durch ein zwielichtiges Redneck-Milleu zelebriert sich der Film in einem dreckigem Licht. Manche würden ihn anzüglich, vulgär und geschmacklos nennen – doch wer der Kopf hinter diesem Film kennt, der klatscht schon in der ersten Szene Beifall.

INHALT:

Rosso ist klein, hat einen Altherren-Bauchansatz, trägt unvorteilhafte, weiße Karohemden und sieht aus wie ein Buchhalter. Doch wer ihn unterstätzt, der weiß nicht, mit wem er es zu tun hat. Rosso ist Kopfgeldjäger – einer der besten seines Faches. Gemeinsam mit seiner Mutter, die sich häufig mehr Sorgen um ihre Katzen als um ihren Sohn macht, geht er einer Dienstleistung nach, die lebensgefährlich ist. Denn nicht nur die gejagdten Verbrecher teilen aus, sondern auch innerhalb des Gewerbes herrscht ein roher und erbarmungsloser Konkurrenzkampf.

Sein neuer Auftrag führt Rosso zum Governeur. Der ehemalige Wrestler und Rocker wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Das jungen Mädchen Lana sinnt auf Rache und hat bereits einen Anschlag verübt. Vier unterschiedliche Kopfgeldjäger sollen die Verfolgung aufnehmen. Wer sie zuerst findet, erhält die gesamte Belohnung.

Rosso nimmt sofort die Ermittlung auf. Doch was er herausfindet, lässt an seinem Auftrag zweifeln. Jagt er wirklich die Richtige?

FAZIT:

Was braucht ein Mann, der auf der Flucht vor dem Gesetz ist, um glücklich zu sein? Plymptons Antwort ist so einfach wie naheliegend und bedient jegliches Klischee: Zigaretten, Bier und Heftchen mit nackten Frauen. Genau damit gelingt es der Hauptfigur, dem Kopfgeldjäger Rosso, im Prolog des Films einen Fall abzuschließen. Bereits hier werden die Felder abgesteckt, in denen sich der Rest des Films aufhalten wird: Das Metier ist hart, einfach gestrickt und setzt auf das Gesetzt des Stärkeren. Gezeigt wird die weiße, amerikanische Unterschicht; der Redneck.

Ein bekanntes Metier für den Regisseur. Denn auch das letzte Mal, als ich mich mit Bill Plympton beschäftigt habe, lobte ich zwar seinen düsteren Animationsstil und das Arbeitersujet, verzweifelte aber an dem Sinn der Handlung von IDIOTS & ANGELS. Nun mit REVENGEANCE ist alles anders. Vielleicht auch deswegen, weil sich Plympton mehr auf die Optik konzentrieren konnte und die Geschichte von Jim Lujan stammt.

Gemeinsam haben sie einen Film kreiert, in dem derb-schwarzer Humor und überzeichnet-groteske Figuren mit einer wirklich skurrilen Handlung zusammenkommen. Das Ergebnis ist auf eine makabre Art unterhaltsam. Denn im Grunde kann kein Charakter von sich behaupten, sein Leben im Griff zu haben – vielmehr noch sind sie alle Gefangene ihres Strebens nach Status und ihrer teilweise sogar unerträglichen Unzulänglichkeiten.

Die Musik wurde in weiten Teilen von Drehbuchautor und Co-Regisseur Jim Lujan komponiert. Der Sound ist rockig und passt zum derben Umgangston, der in dem Film eingeschlagen wird. Sie gehört zu den Höhepunkten eines plakativen Filmes, der keine Makel besitzt, sondern eben diese ungeniert entblößt. Das harte Sound unterstützt diese Entblößung und kommt oft wie ein gemeiner Schlag ins Gesicht daher, der jener überzeichneten Szenerie noch eine bittere Kirsche aufsetzt.

Harte Rocker mit dicken Muskeln, plumpe Machos mit widerwärtigen Vorlieben, schmierige Gesellen mit ungepflegten Haaren, heiße Frauen mit viel zu langen Beinen, ein kleiner Mann mit Hornbrille als Antiheld und ein schlagfertiges Mädchen mit Pfeil und Bogen – REVENGEANCE bietet jedes Klischee, was man nur finden kann und spielt ganz bewusst mit bekannten Motiven aus der unteren weißen, amerikanischen Bevölkerungsgruppe. Es ist eine Satire, eine Karikatur einer zwielichtigen, aber auch sehr einfach gestrickten Gesellschaft, ebenso wie es eine Kritik auf den American Way of Life ist. Denn wo sonst gelingt es einem abgehalfterten Rocker, über eine ruhmreiche Wrestling-Karriere zum Gouverneur eines ganzen Bundesstaates – richtig, der aktuelle Bezug zum derzeitigen Präsidenten lässt sich kaum verleugnen. Aber wie Plympton selbst beim Trickfilm Festival in Stuttgart versicherte, war er gar nicht geplant. Das Leben ist eben manchmal die größte Satire.

Und so behandelt dieses Road Movie in all seinen skurrilen Bildern und mit all seinen kranken Geschöpfen auch echte, reale Themen: Neben dem Leitmotiv der Rache entdecken wir Mut, Ausbruch und ein Gefühl der Freiheit, dass entweder durch einen kurzen Rausch oder eben durch einen Lebenswandel erreicht werden kann. Auch die Flucht als Lebenswandel und Ausbruch spielt eine motivische Rolle. Beispielsweise eine Flucht unter Gleichgesinnte. So taucht eine Sekte auf, die sich irgendwo zwischen militantem Ku-Klux-Klan und einer fanatischen Selbstmordgruppierung einordnen lässt. Und natürlich darf in so einem „White Trash“-Film die Rockergang nicht fehlen. Sie gilt ls Hort von Ehre und Loyalität, von dem im Rockeralltag nicht mehr viel zu finden ist.

Der Betrug an seinen Kameraden wird vielmehr zur Leitkultur dieser Gesellschaft erklärt – sowohl unter Rockern als auch unter Kopfgeldjägern. Er ist es auch, der zu der Verkettung von Umständen führt, vor denen der Zuschauer steht. Und der Betrug ist es ebenso, der die Auflösung der Geschichte hervorruft. Ja, in REVENGEANCE kann niemand jemandem trauen. Und diese Aussage ist so grundehrlich, wie sie als zynischer Seitenhieb gegen eine Gesellschaft dient, in der das Land an der eigenen Haustür mit Waffengewalt verteidigt werden kann.

REVENGEANCE ist ein frecher, vulgärer Film. Ein Rockstar unter den Animationsfilmen. Und definitiv ist er ein Film nur für Erwachsene, der nicht nur aneckt, sondern bewusst darauf abzielt, manche Gesellschaftsschichten anzugreifen, bloßzustellen und in seinem makabren Spaß dabei auch kein Blatt vor dem Mund zu nehmen.

Ein Kinostart von REVENGEANCE ist in Deutschland aktuell noch nicht geplant. Wir hatten die Gelegenheit, den Animationsfilm auf dem 24. Trickfilm Festival in Stuttgart im Rahmen des Wettbewerbs „AniMovie“ zu sichten.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial 24. Internationales Trickfilm Festival Stuttgart

 

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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