Moderne Romanverfilmungen: Halbgare Drehbücher und der Drang nach Anspruch im Kino

Kaum wird der Roman eines ambitionierten Nachwuchsschreiberlings auf dem Markt geworfen, schmeißen sich die internationalen Filmschmieden auf das neue Futter. Ist das Buch ein Erfolg und am besten noch „Indie“ genug, reicht manchmal schon der Titel, um ein begehrtes Vorführwerk auf den internationalen Filmfestspielen zu werden. Andersherum wird jeder noch so kommerziell erfolgreiche Romanmehrteiler gleich für eine großangelegte, mehrjährige und vielteilige Filmkampagne ausgebreitet und vermarktet.

Enttäuschte Leserschaft
Allzu häufig wird vor allem der Leseaffine Romankenner von diesen Filmen enttäuscht. Dies ist ohne Frage kein neues Phänomen, sondern seit Beginn des bewegten Bildes ein bekanntes Problem. Schon Vampirfürst Dracula kämpfte jahrzehntelang um eine werksgetreue Umsetzung des Stoker-Romans in den Film – bis heute!

Zu allem Überfluss reicht heute nicht mehr, wenn ein Bestseller erst 5 bis 10 Jahre danach seine erste Filmadaption erhält. Vielmehr werden hastig halbgare Drehbücher geschrieben, in denen mehr passend gemacht wird, als wirklich passt. Kaum ist ein Jahr vergangen, kann der Film auf der Welle des Erfolgs mitschwimmen und erhielt nur allzu oft zweifelhaften Ruhm.

Wieder kann eine Filmreihe als Beispiel herangezogen werden, die das Vampirmotiv aufgreift: Stephanie Meyer’s Emo-Teenie-Vampir-Bücher, wurden fast zeitgleich zu den Romanen produziert. Mehr als sechs Jahre schienen diese Filme das Erfolgskino zu dominieren. Doch warum hatten diese mehr als stümperhaft produzierten Filme so viel Erfolg?
Keine Frage, die Effekte waren auf dem modernen Stand der Technik und konnten sich sehen lassen. Doch im Grunde passiert in der gesamten Reihe herzlich wenig. Hier eine On-Off-Beziehung, dort das Motiv der Freundschaft und eine allzu prüde Einstellung von Sexualität. Weder wirklich gruselig, noch richtig spannend zog sich die Reihe wie eine schlecht gemachte Vorabendserie in die Länge. Dennoch strömten die Massen ins Kino. Scheinbar reichen schöne Menschen, ein bisschen Herzschmerz und Filmszenen mit viel zu viel Pathos bereits aus. Würden die Filme für sich alleine stehen, wäre die Reihe bereits ab dem ersten Teil an den Kinokassen gefloppt.

Manche Romane können einfach nicht verfilmt werden, sie sind viel zu komplex und nicht für den Film ausgelegt. Und die Meisten leben von der Kraft der Suggestion der Lesers, die diesem durch eine schlechte oder lückenhafte Verfilmungen genommen wird. Damit schadet der Film nicht nur seiner eigenen Kunstform, sondern auch seinem schriftlichen Vorbild. Darüber hinaus muss gar nicht jeder Roman verfilmt werden. Oder macht diesen Roman etwa besser? Natürlich nicht. Doch die geldgeile Unterhaltungsindustrie will den oft jungen Lesen schöpfen und schafft dies mit Erfolg. Eine zweifelhafte Vorgehensweise, die sich in den letzten Jahren potenziert hat.

Statt kreative Drehbuchautoren zu beschneiden und ihnen die Grundlage für ihre eigenen Idee unter den Füßen wegzureißen, werden billige Aufträge erteilt, um 1000 Seiten Romane auf 200 Seiten Drehbuch zu bringen. Das dies nicht nur unverhältnismäßig ist, sondern auch gegen die Entfaltung der eigenen Kunstform spricht, dürfte klar sein. Und wie gut eine Serie und ein Film sein kann, wenn man dem Drehbuchautor seinen Freiraum lässt, durfte man in den letzten Jahren beispielsweise an BREAKING BAD und aktuell an BIRDMAN sieht.

Der Drang nach Anspruch
Der moderne Massenfilm funktioniert schon seit Jahrzehnten nach demselben etablierten Schema und wird wie ein Baukastensystem aus stereotypischen Charakteren und überraschenden Handlungsbögen zusammengesetzt. Sid Field hat dies in seinem Buch „Drehbuch schreiben“ sehr gut beschrieben. Auch heute funktioniert diese Herangehensweise noch. Aber nicht mehr jeder Zuschauer möchte dies sehen. Auch der Film braucht seine Innovationen. In den letzten Jahrzehnten erreichte er diese durch technische Verbesserungen. Nun sieht jeder Dino real aus und die Grenzen zum Fantastischen sind aufgebrochen. Der Film muss sich wieder etwas Neues suchen, um erfrischend neu zu wirken. Der Blick der Filmemacher richtet sich nun wieder auf die Handlung. Skurrile, nicht alltägliche Storys, verstrickte Erzählpfade und Handlungsbögen, interessante Charaktere und ein ungewöhnlicher Erzählstil sind die aktuellen Erfolgsgaranten. Die Romane („Der 100-järhige der aus dem Fenster stieg und verschwand“, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, „A Long Way Down“, „Die Karte meiner Träume“, etc.) sind voll von genau diesen Komponenten. Sie bieten einen idealen Nährboden für Filmadaption mit Anspruch und Erfolgsgarantie.

„Aber wir retten damit das Kino!“ werden manche Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten jetzt rufen. Doch macht ihr das wirklich? Fakt ist doch: Ihr sorgt dafür, dass das Kino seine Daseinsberechtigung als Kunstform immer weiter verliert. Dabei ist diese Methode der Romanverfilmung recht gemütlich, müssen sich keine neuen, eigenen Geschichte ausgedacht werden, übernimmt man doch einfach das Wort und adaptiert es ins Bild. Aber lebt nicht jede Kunst von seiner eigenen Fantasie?

Der falsche Feind
Zu allem Überfluss sind es wir Filmkritiker, die am Pranger stehen und falsch verstanden mit verbalen Steinen beworfen werden. Wir hätten das Buch nicht verstanden und nicht kapiert, worum es eigentlich geht, ja sogar den Film verunglimpft, weil er die Essenz der Romanvorlage nicht widerspiegeln zu vermag. Merkt ihr was? Ganz genau! Natürlich können wir nicht jeden Roman bei dieser Massen an Verfilmungen gelesen haben. Aber uns erreicht der Film zum Buch. Und wenn dieser als Vermittler nicht dazu im Stande ist, die Intention des Romans auf die Leinwand zu bringen, dann liegt dies nicht an uns.

Wenn wir die Vorlage nicht kennen, dann betrachten wir den Film als einzelnes, filmisches Werk – also getrennt vom Buch. Und wenn der Film unlogisch wird, Erklärungen bedürfen und ein Wissen voraussetzen, dass nur die wenigen haben, die den Roman kennen, dann hat er seine Aufgabe nicht erfüllt. So mag das Buch zwar funktionieren haben, der Film als solcher jedoch manchmal nicht. Genau das prangern wir an, so wie die enttäuschten Leser dies bei der Verfilmung ihrer geliebten Romanreihen für sich auch anprangern würden. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir an sich etwas gegen das Erzählte haben.

Fazit:
Der moderne Film kann nur noch Filmadaptionen oder greift auf Remakes alter Klassiker zurück. Scheinbar ist alles gesagt und das Medium hat sich selbst für tot erklärt. Als lebende Leiche wandelt es torkelnd auf dem Ruhm anderer und begreift nicht, wie sehr es sich damit selber im Weg steht. Das Geld fließt schließlich weiter, sogar mehr als zuvor, doch die Kunst stirbt – und alle gucken dabei zu…

Jörg Gottschling

Jörg Gottschling

Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
Jörg Gottschling

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