VIRGIN MOUNTAIN (2015)

Großer Außenseiter lernt zu leben…

Dicker Mann, sucht noch dickere Liebe: In Dagur Káris VIRGIN MOUNTAIN balanciert punktierter Humor zwischen emotionalen Momenten voller Freude, Trauer & Hoffnung – eine authentische Tragikomödie mit Herz, die keiner verpassen sollte. Warum, erfahrt ihr in meiner Filmkritik:

INHALT:

Fúsi (Gunnar Jónsson) ist ein kauziger, großer, dicker Mann, der mit Mitte 40 noch bei seiner Mutter wohnt und seine Freizeit damit verbringt, mit Spielzeugautos durch die Gegend zu kurven und sich mit seinem Kumpel Table Top Kämpfe zu liefern. Die Routine des eher schweigsamen Einzelgängers wird plötzlich aufgebrochen, als er sich mit dem neuen Nachbarmädchen anfreundet. Als er dann auch noch unfreiwillig bei einem Tanzkurs landet, gerät sein einfaches, introvertiertes Leben endgültig aus den Bahnen: Er lernt die attraktive, wie liebenswerte und etwas schrullige Sjörn (Ilmur Kristjánsdóttir) kennen….

FAZIT:

Regisseur Dagur Karí inszeniert mit VIRGIN MOUNTAIN (original Tiitel: FÚSI) einen gefühlvollen Film, in dem ein Außenseiter seinen schützenden, introvertierten und von der Routine bestimmten Panzer durchbricht, um eine Frau auf seine eigene, ungewöhnlich Art von sich zu überzeugen.

Fúsi, gespielt von Gunnar Jónsson, hat kein Selbstbewusstsein, wird von seinen Arbeitskollegen ausgenutzt und schikaniert, ist aber im Grund eine treue und stille Seele. Ein durch und durch guter Mensch, der die Frauen achtet und nie etwas Unrechtes tut, steckt unter der großen Körpermasse. Er scheint das stereotyp des urbanen Einzelgängers zu sein und doch hat auch er, wie alle Menschen Träume und Bedürfnisse. Er sehnt sich nach Zuneigung und Anerkennung – beides blieb ihm in seinen über 40 Jahren des Lebens verwehrt.

Als das kleine Nachbarmädchen mit ihrem Vater in sein Wohnhaus einzieht, ändert sich etwas: Das Mädchen stellt in ihrer liebevollen Naivität unangenehme Fragen, wirkt reifer als er und scheint den Kern seiner Problem in nur wenigen, einfach Worten treffen zu können. Als dann auch noch Sjörn in sein Leben trifft, wacht er auf und bricht aus seiner Lethargie aus. Er ist zum ersten Mal in seinem Leben mutig und ergreift die Initative.

Doch Sjörn hat Probleme – unangenehme Sorgen, die seine erste Beziehung komplizieren. Zudem ist er unerfahren und sie fühlt sich von ihm ein wenig überrumpelt, als er sie zu einer Reise nach Ägypten einlädt. Schließlich kennen sich beide im Grunde erst einen Abend. Sie weist ihn zurück und er verliert sich noch mehr in seiner Welt aus Spielzeugsoldaten. Er sucht Anschluss bei seinen Arbeitskollegen. Doch sie sind nicht seine Welt. An seinem tiefsten Punkt rächt sich seine Naivität: Fúsi wird verdächtig, unsittliche Dinge mit dem Nachbarmädchen getrieben zu haben.

VIRGIN MOUNTAIN ist eine ständige Suche nach der eigenen Identität, nach dem Platz im Leben. Oft ruhig, dann wieder sehr spontan und intuitiv handelt Fúsi in seinem Bestreben, die Welt zu verstehen und sich darin zu orten. Diese Suche nach dem Ich in einer Welt voller Rätsel und für ihn unlogisch-handelnder Mitmenschen wirkt glaubt. Nicht zuletzt deswegen, weil die Geschichte zwar Stereotypen zeigt, jedoch darauf verzichtet diese zu überzeichnen.

Denn obwohl alle Figuren auf ihre Art schrullige sind, bleiben sie authentisch. Allen voran Gunnar Jónsson spielt die Rolle des zotteligen Fúsis auf so zärtlich-grobe, naiv-stille Art, dass man diesen großen Klumpen Mann in jeder Minute einfach umarmen und an die Hand nehmen, ja durch seine Odyssee führen möchte. Man gönnt ihm sein Glück. Doch das es so lange bis dahin gebraucht hat, zaubert rührende Tränen ins Gesicht.

Die Musik, oft nicht mehr als ein paar Gitarren-Akkorde, nimmt sich vornehm zurück, unterstreicht die melancholische Grundstimmung und lässt den Figuren genügend Freiraum und sich selbst in seinen Gedanken zu verlieren. Sie definiert eine Atmosphäre des Schweigens, ohne das vollends geschwiegen wird und unterstreicht die Melancholie eines urbanen Trauermärchens um einen Mann, der Glück sucht und doch nur Enttäuschungen erntet.

Dieses romantische Geschichte, und tatsächlich ist sie im Grunde genau das – etwas Romantisches – ist nicht konstruiert, sondern fühlt sich echt an. Es ist eine Erzählung über einen Erwachsenen Mann, der im Kopf genau das noch lange nicht ist. VIRGIN MOUNTAIN ist unterhaltsam, lustig, aber keineswegs leichtfüßig. Dem Film obliegt eine Schwermut, ein tiefe Traurigkeit, die sich in Stillen Szenen des Wartens und Nachdenkens ausdrücken. Stille und Warten sind Stilmittel, die den Charakter von Fúsi nach außen tragen und die Kleinstadt, in der er wohnt, zu einer Metapher seiner inneren Gedankenwelt werden lässt. Oft steht oder sitzt der große Mann nur da und schaut. Dann ergreift er wieder die Initiative, wird aktiv und lebendig.

So ist der Film nicht nur ein Einblick in die stille Psyche eines Außenseiters, sondern auch ein Ausbruch aus dieser introvertierten Welt, indem Fúsi wortwörtlich einbricht: Denn Fúsi lässt fremde Menschen in seinen Leben. Vielmehr drängt er sich auf liebevolle Art in das Leben von anderen und hilft ihnen auf selbstlose, aufopfernde Weise – ein Beweis dafür, dass diese Welt keine Mitläufer, sondern mehr Außenseiter braucht.

Seid dem 01.04.2016 ist VIRGIN MOUNTAIN auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

 

Quelle: Pressematerial Alamode Filmverleih 2016

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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