FREEHELD (2016)

Über das Recht auf Gleichbehandlung

Das Drama FREEHELD von Regisseur Peter Sollett basiert auf einer wahren Geschichte und ist eine Adaption der gleichnamigen und 2008 Oscar-prämierten Kurzdokumentation von Cynthia Wade. Der Film handelt von einem Einzelschicksal – so scheint es zunächst. Doch in Wahrheit steht der Kampf einer homosexuellen Frau, die quasi auf dem Sterbebett die Rechte für ihr Partnerin einfordert. Ein hartes, wahres Thema verpackt in eine mitfühlende Geschichte.

INHALT:


Die erfolgreiche und angesehen Polizistin Laurel Hester (Julianne Moore) kann bereits auf eine blütenreine Karriere zurückblicken und steht kurz vor ihrer Beförderung zum ersten weiblichen Detective ihres Regierungsbezirks. Doch sie hat ein Geheimnis, von dem sie nicht mal ihren Partner (Michael Shannon), mit dem sie schon seit Jahren gemeinsam auf Streife geht, erzählt hat: sie ist homosexuell. Würde jemand davon erfahren, wäre jede weitere Aufstiegsmöglichkeit passé.

Doch als sie Stacie Andree (Allen Page) kennen lernt, verändert sich ihr Leben. Laurel verliebt sich in die deutlich Jüngere Frau. Und umgekehrt ist es genauso. Sie kaufen ein Haus (auf Raten), tragen sich offiziell als gleichgeschlechtliche Lebenspartner ein und bauen sich ein gemeinsames Leben auf. Alles scheint perfekt. Als Laurel jedoch plötzlich an Krebs erkrankt, beginnt ein Kampf um Gleichberechtigung und ihr Geheimnis wird publik: Laurel möchte durchsetzen, dass ihre Pensionsanspräche nach ihrem Tod auf Stacie übertragen wird – genauso wie es in einer normalen eben auch der Fall ist.

Die Bitte wird abgeschlagen. Es kommt zu Protesten anderer Homosexueller auf der Straße. Laurels Kollegen auf dem Revier schweigen sich hingegen aus. Nur ihr Partner hält zu ihr, kämpft an vorderster Front mit. Kann sie den Kampf gewinnen? Und wenn ja, wird sie diesen Sieg noch erleben?

FAZIT:

FREEHELD ist eine Geschichte über eine Frau, die für ihr Recht kämpft. Es ist eine Geschichte von vielen – im negativen Sinne. Nicht, weil wir schon unzählige solcher Filme gesehen haben, sondern weil so viele Frauen für ihre Gleichstellung kämpfen musste. Umso wichtiger ist es, dass auch diese Geschichte erzählt wurde und dadurch nicht vergessen wird. Diese Frau, Laurel Hester, agiert aus anderen Motiven heraus und hatte aufgrund ihres Geschlechts schon erhebliche Nachteile, die ihren beruflichen Aufstieg erschweren. Am Ende ihres Lebens kämpfte sie nicht für Recht als Frau in der Polizei, sondern für das Recht des Homosexuellen im amerikanischen Rechtssystem.

In FREEHELD spielt Julianne Moore mal wieder die Sterbenskranke. Eine Rolle, die ihr für ihre Darbietung in STILL ALICE einen Oscar einbrachte. Auch diesmal überzeugt sie wieder durch ihre stille, aber ausdrucksstarke Verkörperung eine tapferen, wie erfolgreichen Frau, die mitten aus ihrem stabilen Leben gerissen wurde. An ihrer Seite steht Allen Page, die sie als ihr jüngeres, männlicheres Gegenstück ergänzt. Als schroffe, aber mitfühlende Mechanikerin nimmt ihre Rolle, trotz des Charakters, eher einen passiven Part ein. Eine gute Entscheidung, die nicht nur der realen Person dahinter näher kommt. In Anbetracht von Pages Lebenslauf – sie verschwieg jahrelang ihre Homosexualität – hätte eine mehr ausgeprägte, tragende Rolle auch als zu aggressiv und aufgesetzt gewirkt. So finden beide Frauen den richtigen Ton.

Der eigentlich „Held“ von FREEHELD ist ein anderer: Michael Shannon spielt Moores Polizeipartner. Dieser hegt ihr gegenüber eine tiefe Zuneigung. Als er dann von der wahren sexuellen Orientierung seiner Partnerin erfährt, ist er zunächst beleidigt und verletzt. Obendrein sieht er in dem Verschweigen dieses Geheimnisses einen Vertrauensbruch. Der aufklaffende Graben wird jedoch recht bald geschlossen, als er davon erfährt, mit welcher Ungerechtigkeit sie behandelt wird. Und so setzt er sich ein und mobilisiert die Bürgerrechtsbewegung der Homosexuellen, die von einem etwas zu flippig-überspitzten Steve Carell angeführt wird. Shannon Charakter steht für den Start eines weiteren Ausbruchs aus dem konservativen Wertesystem, in dem die klaren Grenzen zwischen den Geschlechterrollen zu bröckeln begannen.

FREEHELD kratz an der Oberfläche, wirkt wie ein Provinzstreit. Story und Figuren sind – mal von Carells ungeschickter Rolle abgesehen – alles sehr geerdet, ruhig, unspektakuläre und dadurch sehr authentisch. Das passt. Denn hier geht es nur um eine Frau, irgendeine, wenn auch eine lokal bekannte, Polizistin. Eine Frau, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung eher in der Minderheit ist. Aufsehen, große Wellen der Entrüstung gab es nicht. Ihr Schicksal wird in den Annalen der Geschichte wohl nur eine Fußnote sein. Und doch ist ihr Schicksal ein Teil einer Bewegung, eines neuen Civil Rights Movement. Laurel Hester ist ein Puzzleteil von etwas Größerem – nicht für die Frauenbewegung, aber für die Gleichstellung der Homosexuellen in unserer Gesellschaft. Ein Kampf, der bis heute immer noch geführt wird. Und so gewinnt gerade diese Geschichte plötzlich an Wert – den sie ist es wert, erzählt zu werden. Sie verdient eine Plattform, einen Sitzplatz auf den vorderen Stühlen im Bus des Lebens…

FREEHELD ist ab dem 26.08.2016 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Universum Film 2016

 

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