PREACHER (2016) – Staffel 1

If God’s words go wrong…

„Treffen sich ein Cowboy, ein Priester und ein Vampir in der Bar…“ – Wenn PREACHER ein Witz wäre, würde er wahrscheinlich mit diesen Worten beginnen. Humor hat diese sonderbare Serie eine Menge. Aber in ihr steckt noch viel mehr: Sie ist dreckig, sie ist blutig und sie spielt mit Filmmotiven, die eigentlich nicht zusammen zu passen scheinen – das alles erinnert irgendwie an Tarantino und Rodgriuez und geht doch seinen eigenen Weg.

INHALT:
Jesse Custers (Dominic Cooper) bisheriger Lebensweg war so ziemlich das Gegenteil von dem, was ihm sein konservativer Vater vorgelebt hat. Als Kleinganove und Herumtreiber verfiel er dem Alkohol und scheute keine Prügelei. Nach einem letzten Coup, der ordentlich in die Hose ging, entschied er geläutert in seine Heimstadt zurückzukehren und das Erbe seinen Vaters anzutreten: Jesse wird Priester und will seine Gemeinde, die der Sünde verfallen ist, zurück zu Gott führen. Gar nicht so einfach, wenn man selbst einen nicht gerade reinen und ehrenvollen Lebenslauf vorweisen kann.

Als dann eines Tages eine Präsenz in ihn hineinfährt und eine göttliche Gabe verleiht, dank der er die Menschen kontrollieren und umorientieren kann, sieht er sich in seiner Aufgabe bestätigt. Doch die Wunder, die er vollbringt, haben ein ungeahntes, böses Nachspiel – ist Jesse seiner Gabe wirklich gewachsen?

Zu allem Überfluss nistet sich auch noch der Vampir Cassidy (Joe Gilgun) als neuer Kumpel in seiner Kirche ein. Und dann ist da noch Tulip (Ruth Negga), seine Ex-Freundin, die noch etwas zu erledigen hat. Das kann sie nur mit Jesses Hilfe. Der hat aber ganz andere Probleme. Denn zwei Fremde kommen in die Stadt, um Jagd auf ihn zu machen. Dessen Ziel: Sie wollen die Macht, die Jesse in sich trägt.

Und in einer ganz anderen Zeitachse wäre da noch ein Cowboy, der eigentlich nur seine Tochter retten wollte, aber in einen Konflikt herein gerät, aus dem er sich nur noch mit Gewalt befreien kann. In welcher Verbindung steht er zu den Ereignissen in der Gegenwart? Und welche Machenschaften war Jesses Vater verstrickt? Liegt der Sündenfall der Stadt gar weiter zurück als man bisher annahm?

FAZIT:
Die Serie ist eine Comicadaption des gleichnamigen Graphic Novel von Garth Ennis und Steve Dillon. Doch es handelt sich hierbei nicht um eine Geschichte über Helden und Schurken in einer Großstadt. Vielmehr ist PREACHER ein moderner Western, der jedoch komplett anders als alles sonstige daherkommt. Die Serie ist sehr gewöhnungsbedürftig und braucht ein paar Folgen, um ihren wahren Wert erkennen zu lassen. Dabei beginnt sie zunächst recht aufgesetzt, viel zu cool, ja geradezu wie ein Wannabe-Ableger von ähnlichen Serie, wie etwa der TV-Adaption des Kultfilms FROM DUSK TILL DAWN.

Doch hinter der Geschichte von einem geläuterten Verbrecher, der nun Priester ist und dank einer mysteriösen Gabe eine ganze Stadt retten will, steckt mehr – weit mehr. Es baut sich nach und nach ein Konstrukt auf, dass sich über mehrere Zeitepochen zieht und Himmel und Hölle auf der Erde vereint. Dabei geht es nicht nur um Custer und die Entität, die in ihm ruht. PREACHER erzählt auch von einem Cowboy in den späten 1880er Jahren, von zwei Gottesboten, die in ihrem Auftrag komplett versagt haben und von einem dreckigen kleinen Ort namens Ratwater, in dem Extreme aufeinanderprallen:

Unterschiedliche Charaktere, Einzelschicksale voller Sünden, bündeln sich dort und frönen ihrer verlorenen Seelen. Gottes-abtrünnig sind sie der Pädophile, der Unzucht, der Kriminalität, ungesundem Konservatismus und falscher Frömmigkeit verfallen. Bei den meisten schlummert ihr wahres Dasein noch heimlich in ihnen, andere hingegen leben es hemmungslos aus. Diese Symbolik mag plakativ sein, doch PREACHER gibt den Figuren Zeit, sich zu offenbaren – und sich zu läutern.

Allen voran Jesse Custers verzwickte und keinesfalls blumige Vergangenheit erschließt sich von Folge zu Folge. Ein prägender Faktor für seinen Charakter war die ambivalente Beziehung zu seinem Vater, dem er einst ein Versprechen gab, das er schon früh nach dessen Mord brach. Man mag ihm einen Vaterkomplex andichten und würde damit nur bedingt einem Unrecht unterliegen. Aber Custer hat mehr als nur diese Facette: Dominic Cooper als Jesse Custer aka Preacher gibt sich als markig-verschlossener Mann, der seine Vergangenheit nie überwunden hat, seine Blessuren jedoch unter einer dicken Mauer aus Muskeln und Bartstoppeln versteckt hält. Manchmal sind seine Reaktionen, ist sein Handeln nicht immer schlüssig und so ganz mag man ihm die Läuterung seiner Taten nicht so recht glauben schenken. Aber seine Entschlossenheit ist das Benzin für den Motor seines Daseins: Er will, denn er glaubt, obwohl er selbst keine Erlösung erhalten wird. Und genau das ist seine Stärke.

Sein emotionaler Gegenpol ist Cassidy, gespielt von Joe Gilgun. Als drogensüchtiger Vampir mit Hang zu Wein, Weib und Gesang genießt er sein untotes Leben. Was anderes bleibt ihm auch nicht übrig, denn nach all den Jahrzehnten der Unsterblichkeit ist er ein des Lebens überdrüssiger Vagabund geworden, dem Gelegenheit und Spontanität näher sind als Beständigkeit eines geordneten Lebens.

Engel als „Bundesagenten“, Cowboys als Rächer, grenzdebil-wilde Rednecks, arschgesichtige Selbstmörder, aufsässige Afroamerikanerinnen, unterwürfige Frauen und jähzornige Männer – Getränkt von bitter-schöner Blasphemie und herrlich-ehrlichem Political Uncorrectness setzt PREACHER auf Schadenfreude und die große Provokation. Die Serie lässt dabei keine Gelegenheit aus, jegliche Klischees des Joe Sixpack-Amerikaners einer zukunftlosen Kleinstadt in Texas im Mark zu treffen und verpackt die Unzulänglichkeiten ihrer Figuren in tiefschwarzen Humor. Darum verstrickt sich eine komplexe Handlung, die wiederum eine tiefe Kerbe in das Werk Gottes keilt. Gesellschaftskritik ist das nicht und für eine symbolische Metaebene reicht die Serie auch nicht. Wer also eine tiefgehende Story erwartet, der wird nur bedingt bedient. Aber nach der ersten Staffel von PREACHER ist ohnehin klar, dass man gar nicht tief bohren muss…um die Hölle zu erreichen.

Die komplette erste Staffel (10 Folgen) von PREACHER kann seit dem 30. Mai 2016 auf Amazon Video angeschaut werden. Eine zweite Staffel ist bereits in der Umsetzung.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Amazon Video 2016

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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