Ein Zirkus auf hoher See: Der Piratenfilm

Willkommen in der wunderbaren Welt der Piraten. Eine Welt, die jeden fasziniert und so wundervoll unglaubwürdig ist, dass sie selbst der Pirat, der sie erlebt, nicht glauben kann. Denn der Filmpirat hat nicht die Absicht die Wirklichkeit darzustellen, sondern er spielt den Piraten und lädt das Publikum zu seinem Schauspiel ein.1 Ähnlich wie ein Zirkusdirektor vor dem Zelt, ruft Kapitän Vallo in THE CRIMSON PIRATE (1952) das Publikum zu sich und preist mit gefletschten Zähnen das nun folgende und unglaubwürdige Treiben an: „Kommt näher, meine Freunde, kommt näher. Ihr seid zur letzten Reise des Roten Korsaren geshanghait wurden. Er hat sie vor langer Zeit im karibischen Meer gemacht. Vergesst nicht: Auf einem Piratenschiff in Piratengewässern in einer Piratenwelt. Stellt keine Fragen, glaubt nur, was ihr seht! Nein, glaubt nicht einmal die Hälfte davon.“2

Wie in einem Märchen beginnt der Piratenfilm, denn im Grunde ist er genau das. Unterstützt durch bestimmte Effekte wird seine Welt zum Leben erweckt und somit auch die Erwartung des Publikums erfüllt.3 Das Schiff wird zur Manege4 und die Piraten machen es den Affen gleich. Sie schwingen sich von Mast zu Mast ohne abzustürzen. Das wohl berühmteste Motiv für die Artistik des Filmpiraten ist der Schnitt des Dolches in die Takelage und das Heruntergleiten am Segel. Eine irrationale Handlung, die das eigene Schiff fast fahruntüchtig werden lässt, daher wohl nie in der Seefahrt angewandt wurde und doch, von Douglas Fairbanks in THE BLACK PIRATE vorgemacht, oft kopiert wurde.5 Mindestens genauso spektakulär und oft kopiert ist die Kaperung des feindlichen Schiffes durch den Weg unter Wasser. In diesem schwimmen die Männer wie in einem Wasserballett in einer perfekten Choreographie.6 Den überspitzen Höhepunkt findet man in PIRATES OF THE CARIBBEAN (2003), in dem der Unterwassermarsch wörtlich genommen wurde.7

Der Piratenfilm lebt von der Aktion, wie kaum ein anderes Genre. Das Kanonenfeuer – die volle Breitseite – bildet dabei nicht nur den sprichwörtlichen Startschuss des Kampfes, sondern zelebriert, einem Feuerwerk, gleich den Beginn des blutigen Festes. Immer wieder ist eine typische Szene das in der Bucht liegende feindliche Schiff, das die beinahe wehrlose Siedlung oder Stadt angreift,8 in THE BLACK SWAN (1942) sogar eine paradiesische Insel in Schutt und Asche schießt.9 Greift das Piratenschiff keine Insel an, wird ein anderes Schiff, selbst mit einer zahlenmäßigen Unterlegenheit der Seeräuber ohne Probleme, aber mit viel Wortwitz, gekapert.10

Doch muss es nicht immer zwingend zu einem Kampf kommen, viel mehr erfreut sich der Held, der gute Pirat, an seinem neckischen Spiel mit dem Gegner.11 Begeistert sucht er in THE CRIMSON PIRATE nach Ärger und lässt sich durch die Gassen der halben Stadt und von Dach zu Dach jagen nur um am Ende beweisen zu können, dass er der Raffinierte, der Flinkere, der Wahnsinnigere ist.12

Die Filme des Genres versuchen sich alle zu übertreffen. Höher, schneller, besser heißt die Zauberformel. Wo die turbulente, artistische Zirkusjagd durch die Stadt in THE CRIMSON PIRATE schon beeindruckend war, setzt vierzig Jahre später CUTTHROAT ISLAND (1995) auf eine deutlich höhere Geschwindigkeit und viele Explosionen; der zugrundeliegenden Witz, das Neckische der Handlung, bleibt jedoch erhalten.13

Der Piratenfilm geht mit der Zeit. Dass an ihm die technischen Raffinessen der Entstehungszeit abzulesen ist, wurde bereits erwähnt. Da ist es kaum verwunderlich, dass der Fortschritt auch in die Filme selber eingeht. So trifft man in THE CRIMSON PIRATE plötzlich auf selbstgebaute kleine panzerähnliche Fahrzeuge, einen Heißluftballon14 und sogar ein U-Boot,15 die, von der richtigen Seite verwendet, den Sieg ermöglichen16 und damit die Zeit der Handlung im Film und die historische Genauigkeit ad absurdum führen.

Der Filmpirat hat immer ein Lied auf den Lippen,17 denn im Grunde erfreut er sich an seinem Leben18 in den unwirklichen Gewässern, die er sich erschlossen hat.19 Es sind nicht nur die unentdeckten Abenteuer, auf die er mit Vorfreude wartet, sondern er segelt auch nicht selten mit dem Wind im Rücken in seine Freiheit.20 Daher steht er jenseits jeglicher Norm und abseits der Gesellschaft: Ein Outlaw, Vagabund, Verbrecher,21 aber auch Romantiker und vor allem stereotypischer Individualist.22 Er steht auf Grund seines extremen Lebens zwischen Einsamkeit und Geselligkeit, zwischen Genie und Wahnsinn. Gerade letzteres verkörpert Kapitän Jack Sparrow in PIRATES OF THE CARIBBEAN (2003) wie kein anderer.23 In einer Szene zu Beginn des Films fährt Sparrow in einem kleinen, leckenden Boot auf offener See. Aussichtslos ist seine Bemühung das Wasser mit einem Eimer aus seinem Boot zu schütten, aber es ist seine einzige Hoffnung. Dies hält ihn trotzdem nicht davon ab einen kurzen Moment inne zu halten, seinen Dreispitz an die Brust zu legen und ehrenvoll seinen Gefallenen Kameraden zu gedenken. In der Bucht aufgehängt verwesen sie, werden zur Schau gestellt und sollen als Abschreckung dienen, doch wieder verspürt er keine Angst. Gerade noch rechtzeitig erreicht er den rettenden Steg im Hafen von Port Royal. Wie selbstverständlich ist er darüber keineswegs geschockt, sondern handelt im nächsten Augenblick souverän mit dem Hafenmeister seine Anlegegebühren aus, bestiehlt ihn am Ende sogar noch und geht sorglos seine Wege.24 Das ist das Lebensgefühl, das in den Piratenfilmen vermittelt wird, in seiner reinsten Form und zeigt noch mal wie sehr sich der Filmpirat selber ernst nimmt. Der gute Pirat ist eher ein wahnsinniger Clown als ein brutaler Halunke.

Gerade auch die Kostümierung nimmt im Piratenfilm eine ganz besondere Rolle ein. Nicht nur, dass der Pirat sich mit seiner Kleidung (Kopftuch, gestreiftes Hemd, Augenklappe) ohnehin von allen Landratten unterscheidet, sondern er schlüpft auch permanent in andere,25 nicht selten weibliche Rollen, rein.26 Das Genre spielt, so Barbara Schweizerhof, mit der „Ungezwungenheit“ und den „Überschreitungs-fantasien“27 der Männer und ist damit ein typisches Beispiel für das Ausleben der Träume des Publikums. Der Pirat schafft das, was die meisten realen Männer nicht schaffen, er gesteht sich eine empfindsame Seite ein, die weggedrängt vom Moralverständnis der Gesellschaft im Film vollkommene Akzeptanz und Toleranz findet.28

Verstärkt wurde ab den vierziger Jahren „Hohes durch Niedriges“ ersetzt.29 Wein, Weib und Gesang nehmen immer mehr Einfluss im Piratenfilm. Das Feiern als Grundbedürfnis des Piratentums führt zu skurrilen und teilweise obszönen Exzessen: der Kampf Mann gegen Bär,30 das Trinken direkt aus dem Rumfass, das vergreifen an Frauen,31 Messerwerfen32 und rhythmisch-exotische Tänze33 sprechen den Urinstinkt des Zuschauers an und lassen ihn die Sorgen des Alltags vergessen. Das Genre lebt das aus, was man selber nicht erreichen kann; so ist die Identifikation des Zuschauers mit dem Helden von zentraler Bedeutung. Burckhardt Herr schreibt dazu: „So erzeugt also das Abenteuergenre ein falsches Bewusstsein […]. Da das kapitalistische System es dem Menschen letztlich verweigert, Herr über die Verhältnisse innerhalb der gesellschaftlichen Realität zu sein, schafft sie ihm dafür eine fiktive Möglichkeit im Film.“34 Ist also die Liebe des Piratenhelden zur Gouverneurstochter ein Katalysator für sein Leben als Pirat, so ist der Film ein solches für die inneren Wünsche und Träume des Menschen. Gerade der Piratenfilm weiß diese Tatsache zu nutzen. In ihm scheint alles möglich – selbst das Unmögliche: Kapitän Jack Sparrow rettet sich auf unglaubliche Weise von einer einsamen Insel35 und der schwarze Pirat kapert sogar ein ganzes Schiff im Alleingang.36 Kaum ein anderes Genre nähert sich damit so sehr dem Ursprung der Filmvorführung – der Vorführung auf dem Jahrmarkt. Man trifft auf Artistik, das Burleske, Kostümierung und Travestie,37 welche gepaart mit Actionelementen, Intrigen und Romanzen den Piratenfilm zu einem perfekten Unterhaltungsgenre werden lässt.

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Der obrige Text ist ein Auszug aus meiner Bachelorarbeit „Der Hollywood Priatenfilm (1926 – 2003)“ vom 30.09.2010:

1 „Im Piratenfilm darf nichts sein, es muß vorgeben, spielen zu sein. Er erzählt nicht, er erzählt, daß er erzählt.“; Bühler; Der Piratenfilm; S. 482.

2 Casper; Postwar Hollywood 1946 – 1962; S. 168. Siehe hierzu: THE CRIMSON PIRATE; Ausschnitt 01 (00:00:08 – 00:00:45).

3 „Durch seine Glasur schimmert die Welt durch Fiktion: die Miniatur einer Hafenstadt, halb Ölbild, halb Budenwunder oder ein Dreimaster im nächtlichen Wellengang, dessen Aquamarinblau nur unter den künstlichen Monden des Studios blühen kann. ‚Bristol 1176’, ‚Tortuga’, ‚Irgendwo in der Karibik’: die über das Bild gelegte Aufschrift verknappt das ‚Es war einmal in einem anderen Land’ zum Signal, erzielt, vereinigt mit dem Bild darunter den gleichen Effekt der Erwartungen.“; Tomicek; Der amerikanische Abenteuerfilm; S. 12.

4„Das Schiff ist zur Manege geworden. Sensation, Clownerie, Wundertat, Akrobatik und maßlose Übertreibung sind bereits angekündigt. Der Zuschauer kann sich zurücklehnen.“; Bühler; Der Piratenfilm; S482.

5 THE BLACK PIRATE; Ausschnitt 07 (00:27:24 – 00:27:45); AGAINST ALL FLAGS; Ausschnitt 07 (01:16:42 – 01:17:05).

6THE BLACK PIRATE; Ausschnitt 10 (01:14:55 – 01:15:20); THE CRIMSON PIRATE; Ausschnitt 09 (01:32:24 – 01:32:54).

7 PIRATES OF THE CARIBBEAN; Ausschnitt 09 (01:43:35 – 01:45:05).

8 CAPTAIN BLOOD; Ausschnitt 05 (00:45:36 – 00:46:36) und 14 (01:42:20 – 01:49:45); PIRATES OF THE CARIBBEAN; Ausschnitt 03 (00:28:28 – 00:28:54).

9THE BLACK SWAN; Ausschnitt 05 (01:11:45 – 01:12:49).

10 THE CRIMSON PIRATE; Ausschnitt 02 (00:06:46 – 00:08:48).

11„Die Kameraführung folgt dem Prinzip, die Taten des Helden stets so herauszustellen, daß er dabei in voller Aktion sichtbar bleibt, damit seine Gewandtheit und seine Fecht- und Turnkünste voll zur Geltung kommen können.“; Becker; Der Held als Pirat; S. 63.

12 THE CRIMSON PIRATE; Ausschnitt 04 (00:18:32 – 00:24:42).

13 CUTTHROAT ISLAND; Ausschnitt 04 (00:21:19 – 0:27:25).

14THE CRIMSON PIRATE; Ausschnitt 08 (01:22:25 – 01:27:31).

15 THE CRIMSON PIRATE; Ausschnitt 10 (01:39:04 – 01:39:33).

16“No Picture more extenively exploits this convention than THE CRIMSON PIRATE, incorporating ballons, bombs, firecrackers, mines, even a primitiv submarine. The genre implicitly argues that, although such weapons are simple and homemade, they are more powerful, having justice on their side.”; Taves; The Romance of Adventure; S. 105.

17 CAPTAIN BLOOD 06 (00:58:40 – 00:59:38); THE CRIMSON PIRATE; Ausschnitt 03 (00:12:32 – 00:14:11).

18„Die Filmpiraten sind glücklich, und dem Publikum, das vielleicht über derart simple, d.h. völlig fehlende Begründung für das gut und böse lächeln mag, wird immerhin das erfolgreiche Ergebnis eines Appells an das Opfer für den Staat vor die Seele geführt.“; Becker; Der Held als Pirat; S. 71.

19„Er ist heimatlos gewesen, drum hat er sich die See zur Heimat gemacht. Er ist der einzige am Board, der das geschafft hat.“; Bühler; Der Piratenfilm; S. 477.

20 “The hero is searching for personal and social freedom, a quest that may lead to such remote areas as the outpost of empire.“; Taves; The Romance of Adventure; S. 160.

21„Vagant, Glücksritter, Räuber, Rebell, was wirklich dabei bleibt, ist die Verweigerung der Norm, die Resistenz gegen den Virus der Gewöhnlichkeit, die Potenz des Vergnügens, der spielerische Genuß an der Freiheit.“; Tomicek; Der amerikanische Abenteuerfilm; S. 4.

22Becker; Der Held als Pirat; S. 74.

23 “In seiner einmaligen Art zwischen Genialität und Wahnsinn stellt Jack das Konzept des Abenteurers in nahezu idealer, wenn auch überspitzer Weise dar.“; Von Holzen; A Pirates Life for Me!; S. 256.

24PIRATES OF THE CARIBBEAN; Ausschnitt 01 (00:08:31 – 00:10:16).

25 Die Tarnung als Soldat ist ebenfalls ein beliebtes Motiv: THE CRIMSON PIRATE; Ausschnitt 06 (00:37:02- 00:37:30).

26 THE CRIMSON PIRATE; Ausschnitt 08 (01:22:25 – 01:27:31); PIRATES; Ausschnitt 08 (01:06:35 – 01:09:54); PIRATES OF THE CARIBBEAN; Ausschnitt 09 (01:43:35 – 01:45:05).

27 Schweizerhof; Frei zum Kapern: Glücksversprechen, Rollenspiele und Erotik im Piratenfilm; S. 224f.

28„Den Piraten wird also viel Weiblichkeit zugesprochen – exzentrische Verkleidung, Sexualisierung des eigenen Körpers, trickreich Verstellung und heftige Gefühlsausbrüche.“; Schweizerhof; Frei zum Kapern: Glücksversprechen, Rollenspiele und Erotik im Piratenfilm; S. 232.

29 Bühler; Der Piratenfilm; S. 460.

30 ANNE OF THE INDIES; Ausschnitt 04 (00:10:12 – 00:11:50). Siehe auch: PRIATES OF TORTUGA (00:45:03 – 00:47:20).

31THE BLACK SWAN; Ausschnitt 01 (00:03:48 – 00:05:14). Siehe auch: PRIATES OF TORTUGA (01:15:56 – 01:18:30).

32 AGAINST ALL FLAGS; Ausschnitt 01; (00:04:31 – 00:05:30).

33 THE BLACK SWAN; Ausschnitt 04 (01:04:04 – 01:05:00).

34 Herr; Der Abenteuerfilm; S.73. Siehe auch: Taves; The Romance of Adventure; S. 93.

35 PIRATES OF THE CARIBBEAN; Ausschnitt 06 (01:03:04 – 01:04:59).

36THE BLACK PIRATE; Ausschnitt 06 (00:25:30 – 00:30:00).

37„Fairbanks, so genial er war zu erkennen, daß die wohlhabenden, bürgerlichen Schichten, wenn man sie mit ihren eigenen Tugenden, Träumen und Gebrechen konfrontierte, sollte sich dabei letztlich als wenig radikal erweisen: Sein Jahrmarktslachen, seine Zirkusakrobatik, seine Gaukelkunststücke, Zaubertricks und Märchenerzählungen erinnerten das prüde bürgerliche Publikum, das er zunächst als erster in die Kinos hatte locken können, sehr bald wieder, in den Plüschsesseln der Filmpaläste und Lichtspieltheater, daran, woher das Kino eigentlich gekommen war: aus dem Panoptikum, dem proletarischen Nickelodeon.“; Bühler; Der Piratenfilm; S. 457.

Jörg Gottschling

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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