Das 15. Stummfilmfestival in Karlsruhe

Auf Spuren von F. W. Murnau & japanische Seitenwege

Vom 08. bis zum 12. März 2017 fand in Karlsruhe das alljährliche Stummfilmfestival statt. Diesmal stand alles im Zeichen von Regisseur Friederich Wilhelm Murnau und dem Kino der 1920er Jahre. Jörg war vor Ort und war beeindruckt von der Leidenschaft, die man auch heute noch für diese recht alte Form des Filmgenusses haben kann.

Das 15. Stummfilmfestival Karlsruhe war eine Wanderveranstaltung von vier Orten. Gleich einem Jahrmarkt wechselte das Festival von Tag zu Tag den Veranstaltungsort. Es hatte sich ergeben, da alte Räumlichkeiten leider nicht mehr zur Verfügung standen. So wurde aus der „Not“ eine Kür. Immerhin folgte das Festivals damit dem jahrmarktlichen Ursprung des Films.

 

Das Festival beginnt mit einem Sonnenaufgang: SUNRISE (1926)

Alles begann am frühen Mittwochabend im Stephanssaal mitten im Zentrum von Karlsruhe. Ein großes Orchester stand bereit, um einen großen Film musikalisch zu untermalen. Auf dem Progamm stand Murnaus SUNRISE, der erste Spielfilm, der mit einem Oscar als „Bester Film“ bedacht wurde.

In SUNRISE wird der Bauer Anses (George O’Brien) von einer Städterin verführt und dazu gedrängt, mit ihr in die Stadt zu ziehen, seinen Hof zu verkaufen und seine Frau Indres (Janet Gaynor) im Fluss zu ertränken. Doch der Bootsausflug nimmt eine anderen Wendung: Anses bringt den heimtückischen Mord nicht übers Herz, seine Frau flüchtet und beide gelangen in die Stadt. Dort versöhnen sie sich und verbringen einen ausgelassenen Tag miteinander. Die Rückfahrt jedoch wird zur Katastrophe: Das Boot gerät in einem Sturm und droht zu kentern. Doch die Rettung folgt und beide werden wieder glücklich miteinander.

SUNRISE spielt mit den Träumen und Reizen, die die Stadt auf die einfachen Bauern zur damaligen Zeit ausübte. Wer was auf sich hält oder etwas erreichen möchte, der zieht in die Stadt. Doch dort ist auch nicht immer alles besser: Es ist hektisch, es ist teuer und die Ungleichheit ist nirgendwo offensichtlicher als dort. Aber es ist eben auch ein buntes, aufregendes Leben, das man in der Stadt führen kann. Ist es jedoch auch ein Glücklicheres? In SUNRISE kommt Murnau zu der Erkenntnis, dass das individuelle Glück woanders liegt.

Zum Auftakt des 15. Stummfilmfestival in Karlsruhe kam gleich ein ganzes Orchester, dass den Film musikalisch begleitete: Die „Capella Obscura“ unter der Leitung von Cornelia Brugger. Brugger hat eigens für diese Vorstellung die Musik konzipiert und komponiert. Manche Übergänge wurden von Matthias Vogt am Klavier improvisiert. Herausgekommen ist eine stimmige Symbiose zwischen Film und Livemusik, die zurecht unter großen Beifall am Ende gefeiert wurde.

 

Ein abwechslungsreiches Intermezzo:

Am Donnerstag wechselte man ins U-Max im Prinz-Max-Palais. Zunächst stand eine Buchbesprechung von den Plan. Vorgestellt wurde Jörg Scheinitz „Film, Kunst, Bild“, worauf die Filme DIE LIEBE DER MARIA BONDE (1918) von Emmerich Hanus und DER FRÜHLING (1909) von Louis Feuiilade folgten. Am Ende des Abends stand mit DER GANG DER NACHT ein weiterer Murnau-Film auf dem Programm.

 

Zurück ins Kino: DER BRENNENDE ACKER (1921) & DER GOLEM (1922)

Der Freitag wurde dramatisch und fantastisch. Als Kulisse diente diesmal die Kinemathek in der Karlsruher Kaiserpassage. Das Filmfestival war also im Kino angekommen. Und zu sehen gab es gleich zwei Meilensteine der Filmgeschichte. Um 19:00 Uhr startete der Festivalabend mit Murnuas DER BRENNENDE ACKER. Es ist ein bäuerliches Drama, in dem einmal mehr ein einfach Mann von dem Traum, etwas „Besseres“ sein zu wollen, übermannt wurde. Nach dem Tod des Vaters verlässt Johannes (Wladimir Gaidarow) den familiären Bauernhof. Sein Ziel ist das Anwesen von Graf Rudenburg (Eduard von Winterstein), bei dem er als Sekretär anfangen kann. Als der Graf stirbt, heiratet er dessen Frau Helga (Stella Arbenina) – dabei ist doch deren Tochter Gerda (Lya de Putti) unsterblich in ihn verliebt. Doch seine Liebe zu Helga täuscht er ohnehin nur vor, denn in Wahrheit hat er es auf Geld und Macht ausgesehen. Und was keiner weiß: Das als „Teufelsacker“ bekannte Feld, auf dem nichts zu wachsen scheint und das im Besitz der Rudenburgs ist, verbirgt in seiner Erde ein Petroleumfeld– und unschätzbare Geldquelle. Doch Johannes ist sein Glück im Wohlstand nicht vergönnt. Helga erfährt die Wahrheit über ihren neuen Mann und das kostbare Feld geht in Flammen auf. Geläutert kehrt Johannes zurück zum elterlichen Hof und sucht Vergebung bei seinem Bruder Peter (Eugen Klöpfer). Für ihn völlig unerwartet, bekommt er diese auch: Denn sein altes Bett stand jahrelang immer für ihn bereit.

Genau wie in SUNRISE erkennt auch hier der einfache Mann vom Land, wo er sein Glück wirklich zu finden hat. Andererseits ist es aus der retrospektive betrachtet natürlich ein sehr desillusioniertes Bild, in dem die Aussage im Raum stehen bleibt, dass man über seinen Stand nicht hinauswachsen kann. Der Film wurde von Eunice Martin am Klavier begleitet.

Der zweite Film des Abends ist ein Meilenstein des Fantastischen Films: In Paul Wegeners DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM erschafft Rabbi Löw (Albert Steinrück) eine Lehmfigur, die er mithilfe eines Uralten Wortes zum Leben erweckt. Der Golem rettet die Juden des Prager Ghettos vor der Vertreibung, indem er vorab Kaiser Rudolf II., der das Ghetto auflösen möchte, von Unheil bewahrt. Als jedoch Löws Gehilfe Fammulus (Ernst Deutsch) den Golem dafür verwenden möchte, einen Rivalen zu beseitigen, läuft der Golem Amok. Erst ein kleines Mädchen kann den Spuk beenden.

Regisseur Wegener übernahm im Film höchsteselbst die Rolle des fantastischen Monsters. Der Film basiert auf einem alten Mythos, der unter anderen auch in „Faust, der Tragödie zweiter Teil“ aufgegriffen wird. Das Szenenbild des Films ist ein Spiegelbild der damals modernen, expressionistischen Kunst. Vor allem die schiefe und krumme Architektur des Ghettos symbolisiert eine unwirkliche Welt, wie man sie auch in Robert Wienes DAS KABINETT DES DR. CALIGARI (1920) zu sehen bekommt. Diese Verknüpfung von fantastischen Elementen und Kunst macht deutlich, warum die damalige Strömung des deutschen Films „deutscher Expressionismus“ genannt wird. Musikalisch wurde die Aufführung von Günther A. Buchwald am Klavier untermalt.

 

Blutsauger im ZKM: NOSFERATU – EINE SYMPHONIE DES GRAUENS (1921)

Ab dem Samstag fand der Rest des Wochenendes und der zweite Teil des Festivals im ZKM statt. Nun wurde das Festival auch auf den Nachmittag ausgedehnt. Um 15:00 Uhr begann der Samstag mit dem Ernst Lubtisch Film DAS FIDELE GEFÄNGNIS (1917) und dem Kurzfilm DAS MÄDCHEN OHNE VATERLAND (1912) von Urban Gad. Am Ende des Tages wurde Murnaus einzige Komödie DIE FINANZEN DES GROßHERZOGS (1923) gezeigt, die vorab von einem 13-minütigen Fragment (mehr ist leider nicht erhalten) von MARRIZA, GENANNT DIE SCHMUGGLER-MADONNA, ebenfalls von Friederich Wilhelm Murnau, eingeleitet wurde.

Diese Erheiterung war auch bitter nötig, denn vorab wurde der Horrorfilmklassiker NOSFERATU – EINE SYMPHONIE DES GRAUENS gezeigt. Der Andrang war bei so einem berühmten Werk entsprechend groß und das Medientheater daher auf beinahe bis zum letzten Platz besetzt.

Der Film lehnt sich in weiten Teilen an Bram Stokers Schauerroman „Dracula“ an, hatte jedoch nicht die Rechte an der Verfilmung des Werks. Und so sollte NOSFERATU eigentlich verboten und zerstört werden. Zum Glück haben sich daran bei weiten nicht alle gehalten, wodurch noch heute Kopien des Films existieren. Für diese Aufführung sorgte Frieder Alexander Egri und sein Ensemble für die musikalisch-atmosphärische Begleitung des Films.

 

Japanische Seitenwege: TAKI NO SHIRAITO (1933)

Der Sonntagnachmittag begann zunächst mit einem bunten Kinderprogramm aus kurzen, kolorierten Märchenfilmen, die vom Kinderensemble KONS begleitet wurden.

Ein ganz besonderes Highlight war die Vorführung des japanischen Stummfilms DIE WEIßEN FÄDEN DES WASSERFALLS (im Original: TAKI NO SHIRAITO) aus dem Jahre 1933. Das ca. 100-minütige Drama von Regisseur Kenji Mizoguchi basiert auf einem Roman und erzählt die Geschichte von einer berühmten jungen Künstlerin Taki) (Takako Irie), die einen talentierten, aber mittellosen Mann Kinya (Tokihiko Okada) dabei unterstützt, ein Studium aufzunehmen. Allerdings ergeht es ihr und die Wandergruppe, die sie angehört, bald nicht mehr gut und sie kann die finanziellen Mittel nicht mehr aufbringen. Ein Kredit soll helfen, doch sie wird betrogen und zu einer schrecklichen Tat getrieben. Ausgerechnet ihr einstiger Schützling ist es, der nun Anklage erheben muss.

Es ist ein Film voller Wendung, der von hingebungsvoller Aufopferung, ja gar einer krankhaften Selbstopferung erzählt. Gleichzeitig ist der Film auch ein Spiegelbild japanischer Mentalitäten und Lebensbilder: Die starke Frau treibt sich für den schwachen Mann in den Ruin und zeigt altruistische Werte, die noch heute in der westlichen Welt eher gegensätzlich geprägt wären.

Die einmalige Aufführung von DIE WEIßEN FÄDEN DES WASSERFALLS wurden musikalisch von der in Karlsruhe lebenden Reiko Emura am Klavier und von Shinichi Minami an den Perkussion begleitet. Darüber hinaus, und das ist wirklich ungewöhnlich, wurde die Geschichte von einem Benshi (einem japanischen Erzähler) erzählt: Ichiro Katakoka hat sein Handwerk von dem Altmeister Midori Sawato gelernt und übernahm bei dem Film die Dialoge aller Figuren, gab jedem jedoch seine eigene Stimmfarbe und Eigenarten. Ein wirklich außerordentliches Filmerlebnis.

Das Ende des Festivals wurde von George Méliès Kurzfilm VIERHUNDERT TEUFLISCHE STREICHE eingeläutet und fand mit dem Murnau-Klassiker FAUST, der wieder von Emura und Minami begleitet wurde, seinen finalen Abschluss.

 

Fazit:

Zwar habe ich leider nicht das komplette Festival begleiten können, aber bei den Aufführung, zu denen ich zugegen war, habe ich die fast familiäre Atmosphäre genossen. Die Teilnehmerzahl mag nicht sehr groß gewesen sein, aber der Austausch untereinander über die Filmära und das Medium Stummfilm war dafür umso ausgeprägter. Veranstalter Josef Jünger zeigte sich zu jedem Besucher als ein aufgeschlossener, gesprächsbereiter und hingebungsvoller Veranstalter, der sich nicht scheute, in die Menge einzutauchen und Teil der Diskussion zu werden. So viel Nähe, so viel Leidenschaft findet man wohl nur bei den kleinen Filmfestivals. Schon deswegen ist auch im nächsten Jahr das 16. Stummfilmfestival in Karlsruhe ein Besuch wert – und sei es auch nur für eine Filmvorführung.

von Jörg Gottschling

Merken

Merken

Merken

Jörg Gottschling

Jörg Gottschling

Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
Jörg Gottschling

Letzte Artikel von Jörg Gottschling (Alle anzeigen)

Comments

comments

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: