Affentheater

Schwarz auf weiß #34: ERASERHEAD (1977)

Als Agent Cooper in einem kleinen verschlafenen Ort nach dem Mörder von Laura Palmer fahndet, traf ich das erste Mal auf ein Werk von David Lynch. Die ersten zwei Staffeln von TWIN PEAKS sind meiner Meinung nach der beste Zugang zur Arbeit des Regisseurs. Denn in dieser Serie tastet sich der Zuschauer nur langsam an den cineastischen Wahnsinn des Ausnahmekünstlers heran. Wer sich jedoch direkt in pures Lynch werfen möchte, schaut sich einfach ERASERHEAD an.

David Lynchs erster Langspielfilm stammt aus dem Jahre 1977, ist in schwarz-weiß gehalten und heute ein Klassiker des Experimentalfilms. Entstanden ist ERASERHEAD noch zu Lynchs Zeiten am AFI in Los Angeles. Inspiriert von Kafkas „Die Verwandlung“ und Nikolai Gogols „Die Nase“ schrieb der Regisseur sein recht kurzes Drehbuch zu ERASERHEAD. An der Hochschule ging man zunächst von einem Kurzfilm aus, da nur 21 Seiten sehr untypisch für einen Langfilm waren. Denn bis heute steht eine Drehbuchseite für circa 1 Minute Film. Die Folge war, dass die kalkulierte Finanzierung nicht ausreichte, um ERASERHEAD fertigzustellen.

Den Inhalt wiederzugeben, ist eine Herausforderung für sich. Daher hier das Wesentliche: Der mittellose Drucker Henry Spencer (Jack Nance) erfährt bei einem mysteriösen und verstörenden Essen mit seinen Eltern davon, dass seine Ex-Freundin Mary (Charlotte Stewart) schwanger sei. Doch zur Welt bringt sie kein normales Baby, sondern ein entstelltes Wesen. Das treibt durch sein ununterbrochenes Schreien die Eltern an den Rande des Wahnsinns. Mary ergreift schließlich die Flucht und lässt Henry alleine mit dem Kind zurück. Auf sich alleine gestellt, steht Henry kurz vor einem Zusammenbruch. Er verliert immer mehr den Bezug zum Leben. Realität und Alptraum verschwimmen ineinander – auch für den Zuschauer.

Durch den permanenten Geldmangel, wurde ERASERHEAD über mehrere Jahren hinweg gedreht. Lynch baute sein Kulissen selbst und lebte zwischenzeitlich am Set. Obwohl sich die Fertigstellung verzögerte und die Dreharbeiten immer wieder unterbrochen wurden, wirkt der Film erstaunlich überzeugend.

Für die Produktion von ERASERHED war viel Improvisationstalent gefragt. Sein Team zeigte sich aufgrund der Geldknappheit bei den Kulissen und Requisiten sehr erfinderisch. Ich möchte jedoch gar nicht so genau wissen, was genutzt wurde, um das Baby zu verkörpern. Gerüchte besagen, es wäre ein einbalsamiertes Kalb gewesen.

Lynch erzählte, dass Philadelphia die Vorlage für die bizarre Stadt im Film war. Das ist definitiv kein Lob, spiegelt es doch die damaligen Zustände wider: Philadelphia war zu der Zeit geprägt von Gewalt und Hass und vollgestopft mit kranken Charakteren. Auch ein privates, traumatisches Erlebnis floss in den Film mit ein. Denn seine Tochter Jennifer kam mit Klumpfüßen auf die Welt. Die Fehlbildung konnte jedoch korrigiert werden.

Der Drehbuchautor und Regisseur hat mal gesagt, dass es noch keinem Kritiker gelungen ist, seinen Film richtig zu interpretieren – ich werde es nicht einmal versuchen. Zu viele Parallelrealitäten prallen hier aufeinander. Die bizarre Darstellung der Figuren und Handlungsebenen erschaffen einen traumatisierenden Film. Nur der Meisterregisseurs selbst vermag es, zu erklären, was er damit sagen und ausdrücken will.

Kein Wunder, dass die Kritiken bei all den Deutungsmöglichkeiten eher durchwachsen ausfielen. Und doch hat ERASERHEAD viele bekannte Regisseure inspiriert. Zum Beispiel zeigte Stanley Kubrick seinem SHINING Cast den Film, bevor im Hotel alles eskaliert.

Zum Schluss noch zwei Fun Fact: Jack Nance behielt die abgefahrene Frisur von Henry. Und die heruntergekommene, apokalyptische Landschaft zu Beginn des Films, ist heute der Standort der Beverly Center Mall in Los Angeles. Happy Shopping!

Ich hab was mit Medien studiert und liebe Bananen. Keine Frage also, dass ich für den Filmaffen über die Welt der Filme und Serien berichte.

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