WINTERSCHLAF (2014)

Nur ein Steinwurf vom Leben entfernt

 

Gegensätze ziehen sich nicht nur an, sie bedingen sich. In WINTERSCHLAF manifestieren sie sich im Ort der Handlung und in den Personen, die darin wohnen: Eine felsige, verträumte Landschaft trifft auf Menschen, die ruhelos auf der Suche sind, ohne zu merken, dass sie ihr Ziel schon erreicht haben – auch wenn sie darin völlig gefangen sind.

INHALT:

In den Bergen Kappadokiens betreibt der ehemalige Schauspieler Aydin (Haluk Bilginer) ein Hotel. Gemeinsam mit seiner deutlich jüngeren Frau Nihal (Melisa Sözen) und seiner gerade geschiedenen Schwester Necla (Demet Akbag) lebt er ein abgeschiedenes, ruhiges Dorfleben. Und eigentlich könnte es keinen besseren Ort zum Leben geben.

Mit dem herannahenden, eiskalten Winter, verfällt die Region in einen Winterschlaf. Im Hotel spitzt sich hingegen die Lage zunehmen zu. Die schlafenden Spannungen in der kleinen Familie erwachen und es kommt zu heftigen, verbalen Auseinandersetzungen. Dabei beginnt alles vergleichsweise harmlos mit einem Steinwurf des Jungen Ilyas (Emirhan Doruktutan) auf Aydins Auto…

 

 

FAZIT:

Der Ort ist ein Paradies auf Erden. Doch das Paradies, in dem die Menschen in ihrer eigenen Geschwindigkeiten Leben und Wirken, zeigt sich als erdrückendes Gefängnis. Denn jeder ist dort auf seine Weise ein Gestrandeter, der sich nach dem Festland, nach einem Anker im Leben sucht. Regisseur Nuri Bilge Ceylan (ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA; 2011/ DREI AFFEN; 2008) inszenierte einen melancholischen Film, der zwischen Lebensfreude und Resignation wandelt und einem Kammerspiel gleich thematisch erdrückt. Das drei-stündige Drama WINTERSCHLAF ist eine Charakterstudie türkischer Intellektueller, aber auch ein Abbild der Schönheit seiner Heimat.

Ein drei-Stunden Film ist immer eine klare Aussage: WINTERSCHLAF will nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern Aussagen treffen – diese bedürfen Zeit. Der Film lässt sich diese und vertieft sich immer wieder im Dialog. So wird er zu einer offenen Kritik am Leben in der Türkei, wie er auch ein Loblied darauf ist. Ausgerechnet in der abgeschiedenen Schönheit der türkischen Natur offenbaren sich die gesellschaftlichen Probleme in mitten des öffentlichen Lebens. So sind die Menschen in WINTERSCHLAF in ihrer Abgeschiedenheit geistig doch nur einen Steinwurf vom Leben entfernt. Sie diskutieren über das Leben, die Liebe, Meinungsfreiheit, Entfaltungsmöglichkeiten und die Gefängnisse, die man sich selbst geschaffen hat. Der Dualismus von Freiheit (in Natur und Geiste) und Gefängnis (durch Lebensentscheidungen und Staat) sind allgegenwärtig und definieren die scharfzüngigen, intelligenten Dialoge des Films.

In WINTERSCHLAF dreht sich dabei die Handlung um den verkopften Eigenbrötler Aydin – eindrucksvoll besetzt von Haluk Bilginer, der es verstand, mit wenig Gestik viel auszudrücken. Aydin ist ein Freigeist in einem Land, in dem die Meinungsfreiheit noch immer eingeschränkt ist. Er schreibt Kolumnen für eine kleine, regionale Zeitung. Kaum einer nimmt davon Resonanz und nur die Wenigsten vermögen zu verstehen, was er darin Aussagen möchte. Nebenbei versucht er sich nach seiner Karriere als Schauspieler, in der er zu viel Geld gekommen ist, als Autor. Doch die Arbeit an seinem Buch kommt nur schwer voran. Er lässt sich treiben, verliert sich in seinem verkappten Menschenhass und begnügt sich mit seinem Dasein als Herbergsvater einer schlecht besuchten Pension.

Seine Schwester Necla kämpft noch immer damit, die Trennung von ihrem Mann zu verarbeiten und bereut es, in ihre ruhige Heimat zu ihrem Bruder zurückkehrt zu sein. Denn sie ist der Meinung, dass es an diesem Orte keine Aufgabe für gibt. Stattdessen offenbaren sich immer häufiger die Diskrepanzen zwischen ihr und ihrem Bruder Aydin: „Wir sind so unterschiedlich. Unsere Seele sind so absolut verschieden, dass ich manchmal wirklich kaum glauben kann, dass wir Geschwister sind.“ (Necla)

Immer wieder verharren sie in endlose, philosophische Diskussionen über die Welt und das Leben. Es ist nicht selten ein intellektueller Schlagabtausch auf Augenhöhe, den sich Aydin niemals eingestehen möchte und der ehrlich, fundiert und fassbar tief berührt. Doch ihr Zwiegespräch mit Gegensätze hat eine gemeinsame, verbundene Mitte: Die Familie. Die Loyalität zur Familie überwiegt den eigenen Wünschen. Das ist die Krux des Einzelnen, aber auch die unterschwellige Stärke der drei Familienmitglieder.

Obendrein kriselt die Ehe zwischen der jungen Nihal und dem verbitterten Aydin. Sie will nicht mehr ausgehalten werden. Beide Frauen leben von Aydins Geld, das er nur allzu gerne mit seiner Familie teilt. Alle drei Leben zu zunehmend an einander vorbei. Aydin zeigt sich ohnehin sehr großzügig und lässt allen die Freiheit, die sie brauchen. Aber in seiner Güte versteckt sich ein verkappter Menschenhass. Unbewusste erniedrigt er seine Mitmenschen durch seine Weisheit und Güte. So wird das sorgenfreie Leben auf dem Land zu einem Leben im Ketten das mental belastet – nicht nur für die Frauen, sondern auch für Aydin.

Gegensätze definieren in WINTERSCHLAF die Figurenkonstellation und sorgen unweigerlich für Spannungen, die aus jahrelangem Schweigen und Ignorieren entstanden sind: Es ist ein Konflikt zwischen Mann und Frau, Bruder und Schwester, Jung und Alt, Einsamkeit und Gesellschaft, aber auch zwischen Lebensträumen und der resignierenden Aufgabe dessen.

Seit dem 26. Juni 2015 ist WINTERSCHLAF auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

 

Quelle: Pressematerial Weltkino 2015

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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