WALKER (1987)

Neuauflage eines untergegangenen Polit-Westerns

Mit WALKER präsentiert Koch Media einen sehr umstrittenen, hierzulande nur wenig bekannten Film aus dem Jahr 1987 in einem ansprechenden Mediabook. Ob die Mischung aus Abenteuer, Western und Politdrama solch einer Umsetzung würdig ist, besprechen wir in dieser Kritik.

INHALT:

Der Abenteurer William Walker (Ed Harris) lebt in der Mitte des 19. Jahrhunderts und betätigt sich als Arzt, Jurist und Journalist. Auf eigene Faust führt Walker mit einer Handvoll Gefolgsleuten einen Kleinkrieg gegen Mexiko.

Vermögende Sponsoren – darunter Cornelius Vanderbilt (Peter Boyle) – beauftragen den Abenteuer schließlich mit der Organisation eines Staatsstreiches in Nicaragua, wovon sie sich bessere Geschäftsmöglichkeiten versprechen. Das Unternehmen gelingt und Walker schwingt sich bis zum Präsidenten auf – der Anfang vom Ende. Zunehmend zum größenwahnsinnigen Faschisten mutiert, bringt er nicht nur die Bevölkerung, sondern auch seinen ehemaligen Geldgeber gegen sich auf…

FAZIT:

Als WALKER im Jahr 1987 anlief und nur 257.000 US-Dollar bei Produktionskosten von 5,8 Millionen Dollar einspielte, galt der Film bereits als tot. Aber nicht nur dieser katastrophale Ertrag sorgte für den Untergang von Alex Cox’s vermeintlich bester Arbeit, sondern auch der Zeitpunkt seiner Veröffentlichung – in einer von US-Präsident Ronald Reagan geprägten Ära, die voll von patriotischen und actiongetränkten Filmen war (auch Rambogate genannt), gab es keinen Platz für das ambitionierte Projekt, dass die reaktionäre Außenpolitik der Vereinigten Staaten offen kritisierte und sogar mit Anachronismus spielte.

Wäre WALKER heute veröffentlicht worden, hätte es ganz anders aussehen können. Dass es nun, gerade nach den turbulenten Wochen unter Donald Trumps umstrittenen Amtsantritt zur Neuauflage kommt, passt wie die Faust aufs Auge. Der von Ed Harris (POLLOCK; 2000/ A HISTORY OF VIOLENCE; 2005) gespielte William Walker ist intelligent, charismatisch und scharfsinnig. Mit ihm finden die Industriellen um Cornelius Vanderbilt, gespielt von Peter Boyle (TAXI DRIVER; 1976/ ALLE LIEBEN RAYMOND; 1996 – 2005) den perfekten Mann, um ihre Handelsroute zu sichern und einen Staat in Zentralamerika aufzubauen, der ihre Macht zusätzlich sichert. Jedoch verliert Walker seine Verlobte Ellen (Marlee Matlin) und somit seinen letzten Funken Moral, der dafür sorgt, dass aus dem jungen Abenteurer schließlich ein tyrannischer Diktator wird.

Selten konnte ein Film eine missratene Außenpolitik derart gekonnt demaskieren, wie WALKER es geschafft hat. Dabei griff Alex Cox auf ein Stilmittel zurück, dass ihn seinen Job als Hollywood- Regisseur kostete: Er setzt metaphorisch Anachronismen ein. So lässt er einen Helikopter in Nicaragua einfliegen, der die letzten US-Bürger evakuieren soll – zeitgleich schießen die Marines auf die Einheimischen, die sich ebenfalls vor dem Diktator retten wollen. Wohl gemerkt: WALKER spielt Mitte des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der Helikopter nur als Skizzen existierten. Jedoch ist diese Darstellung nichts anderes als Realität. Und genau diese Darstellung war Schuld daran, dass der Film derart floppte, wobei er lediglich die Ergebnisse der Politik offen aufzeigte und auch anprangerte.

Passend dazu erwähnte Alex Cox in einem Interview aus dem Jahr 2008: „In den letzten 20 Jahren setzte man mich auf die schwarze Liste. Meine Filme haben in den USA nur begrenztes Verleihrecht und werden kaum gesehen.“

Zugegeben, WALKER ist in vielen Szenen sehr absurd, hat einen merkwürdigen Soundtrack und einen ziemlich hohen Blutzoll. Und ja, er mischt vieles wild durcheinander und wirkt sehr banal. Schaut man sich das ganze aber etwas detaillierter an, ergeben viele Szenen Sinn. Es geht nicht nur um die komplette Handlung, sondern vereinzelte Passagen. Ziemlich am Anfang empfängt Walkers Verlobte Besuch und lässt hierzu eine kleine Kapelle einlaufen, die derart schiefe Musik spielt, dass es in den Ohren wehtut – allerdings wird erst kurze Zeit später gezeigt, dass die Gastgeberin taubstumm ist. Die Dialoge zwischen Walker und seiner Verlobten sind dann entsprechend untertitelt. Sein Monolog an ihrem Sarg, den er in Gebärdensprache hält, allerdings nicht. So können wir als Zuschauer nur erahnen, was in Walker vorgeht, der vom engagierten Entdecker zum faschistoiden Politiker mutiert.

Es ist absolut angemessen, dass WALKER jetzt eine Neuauflage erhält, die sich auch wirklich so nennen darf. So kommen gleich drei Discs – eine BluRay und zwei DVDs – im Mediabook, die neben einer sehr guten Qualität auch einige Extras bieten, die das verkannte Werk entsprechen würdigen und auch den gescheiterten Regisseur Alex Cox zu Wort kommen lassen.

Wenn man sich von Vorneherein bewusst ist, auf was man sich einlässt, dann erlebt man mit WALKER einen wirklich schrägen Geschichtsunterricht, der auch heute noch brandaktuell ist.

WALKER erscheint am 23.02.2017 auf Blu-Ray und DVD.

von Salih Yayar

Bewertung:

 

Quelle: Pressematerial Koch Media 2017

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Salih Yayar

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Hey, ich bin Salih, 28 Jahre alt, kinosüchtig und Serienfreund. Große Epen, Sci-Fi und Independent sind mein Ding - also eigentlich alles. Und wenn ich nicht gerade über Multimedia oder Politik diskutiere, versuche ich selber mal etwas auf die Leinwand zu zaubern. Meistens kläglich.
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