TWIN PEAKS – DER FILM (1992)

Fire walk with me

Die Bedeutung der Serie TWIN PEAKS braucht man nicht zu diskutieren. Es ist allgemein anerkannt, dass sie der Vorreiter des heutigen sogenannten Quality-TV ist. David Lynch revolutionierte in den 1990ern das Fernsehen mit seiner Mischung aus Mysterie-, Kriminal- und Horrorserie, Seifenoper und Kunst – und das alles auf Kino-Niveau.

TWIN PEAKS – DER FILM erschien nach dem Ende (der zweiten Staffel) der Serie und erzählt die Vorgeschichte – die letzten sieben Tage der Laura Palmer. Er wurde damals von Kritik und Publikum nicht so gut aufgenommen wie die Serie, nimmt er ihr doch viel vom Geheimnisvollen und ihrem Schrecken, indem er visuell auserzählt, was vorher noch im Kopf des Zuschauers stattfinden musste.

Doch jetzt – etwas mehr als 25 Jahre später – lohnt sich ein erneuter Blick auf den Film: denn seit 2017 ist die dritte Staffel der Kultserie in der Welt. Und traut man einigen seriösen Stimmen, dann revolutioniert Lynch, so wie er es Anfang der 1990er Jahre mit den ersten beiden Staffeln tat, heute erneut das Fernsehen mit Staffel drei. Vor allem aber verändert die dritte Staffel den Blick auf den TWIN PEAKS-Film. Denn er ist essenziell für das Verständnis der neuen Folgen. Und so gibt Lynch seinem Film nach über 25 Jahren noch einmal neue Bedeutung.

 

INHALT:

Die junge Teresa Banks wird ermordet aufgefunden. Das FBI ermittelt. Doch Special Agent Chester Desmond (Chris Isaac) und Sam Stanley (Kiefer Sutherland) stoßen bei den örtlichen Behörden nur auf Widerstand. Als Desmond den Wohnwagen der Ermordeten untersucht, verschwindet er spurlos. Auch Agent Gordon Cole (David Lynch) und Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) können weder eine Erklärung für sein Verschwinden finden noch den Mörder von Teresa Banks aufspüren.

Ein Jahr später: In dem idyllischen Örtchen Twin Peaks geht die hübsche Teenagerin Laura Palmer (Sheryl Lee) zur Schule. Sie scheint ein braver Engel zu sein, doch der Schein trügt. Sie nimmt Drogen, hat zu mehreren Jungen und Männern sexuelle Beziehungen und prostituiert sich. Sie spürt das Böse in ihrer Nähe, das von ihr Besitz ergreifen will…

FAZIT:

TWIN PEAKS – DER FILM fällt in Lynchs Schaffensphase genau zwischen seine noch recht verständlichen, nachvollziehbaren Filme wie BLUE VELVET (1986) und WILD AT HEART (1990) und seine kaum entwirrbaren Verwirrspiele LOST HIGHWAY (1997) und MULHOLLAND DRIVE (2001). Und irgendwo dazwischen bewegt sich stilistisch auch TWIN PEAKS – DER FILM. Mit vielen surrealen Momenten durchzieht er seine eigentlich geradlinige Story. Dabei schafft er vor allem eine verstörende Atmosphäre – stärker noch als es die Serie vermochte, da hier alles gebündelt und ohne Pausen zusammenkommt.

Bei seinem Erscheinen fiel die Kritik überhaupt nicht gut aus, auch an den Kinokassen floppte TWIN PEAKS – DER FILM. Man kann das nachvollziehen. Betrachtet man ihn in Hinsicht auf die ersten beiden Staffeln der Serie, hat er nicht allzu viel mehr zu bieten. Das Geheimnisumwobene der Serie gibt er auf. Ein Mord ist meistens spannender, wenn er von hinten aufgerollt wird. Vor allem, wenn viele Mysterien der Fantasie des Zuschauers überlassen werden. Was zum Beispiel in der Hütte im Wald oder im Eisenbahnwagen passiert ist – in der Serie wird man größtenteils im Unklaren gelassen, nur der Schrecken wurde betont. Die Imagination der Zuschauer kann dabei nicht übertroffen werden. TWIN PEAKS – DER FILM aber zeigt die Geschehnisse und wird sehr konkret. Das mindert das Geheimnis und den Schrecken, den die Serie lange aufgebaut hat.

Betrachtet man aber jetzt TWIN PEAKS – DER FILM mit Blick auf die dritte Staffel, erlangt der Film neuen Sinn. Manche Geheimnisse, die im Film aufkamen und nicht weitergeführt wurden (Wer ist Judy? Was ist die blaue Rose?), werden jetzt noch einmal aufgegriffen. Darum ist es unbedingt notwendig, den Film vor der dritten Staffel zu sehen. TWIN PEAKS – DER FILM ist nicht mehr nur ein Prequel zu der Serie. Er ist der Ausgangspunkt, um das gesamte TWIN PEAKS-Universum zu verstehen (soweit es sich überhaupt verstehen lässt…).

TWIN PEAKS – DER FILM ist wie die Serie mehr Gefühl und Atmosphäre als Story. TWIN PEAKS kann man nicht erzählen, beschreiben oder sonst angemessen wiedergeben: Man muss es erleben. Denn TWIN PEAKS – der Film stärker noch als die ersten beiden Staffeln der Serie – zielt nicht in erster Linie auf die Erzählung einer Story oder die Vermittlung bestimmter Gefühle. TWIN PEAKS trifft mit voller Wucht direkt ins Unbewusste. Das ist das Verstörende. Und das ist auch der Grund, weshalb einen der Film nicht loslässt, selbst wenn man mit den surrealen Experimenten von Lynch nichts anfangen kann.

TWIN PEAKS – DER FILM ist daher nur für jemanden, der etwas mit Lynchs Kunst anfangen kann. Nur für jemanden, der die Serie kennt. Nur in diesem Kontext erlangt der Film seine Berechtigung.

TWIN PEAKS – DER FILM erscheint am 19. Juli 2018 nochmal bei Studiocanal auf DVD und Blu-ray. Unter den Extras ist neben Trailern und einem Featurette vor allem ein sehens- bzw. hörenswerter Audiokommentar von Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger vorhanden.

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial StudioCanal

Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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