THE WOLFPACK – MITTEN IN MANHATTAN (2015)

Eingesperrt in der eigenen Fantasie

Stell dir vor, du lebst in New York – einem der Zentren der Welt. Doch alles, was du über diese Stadt weißt, alles, was du vom Leben auf einem Planeten voller Menschen weißt, stammt aus dem flimmernden Kasten vor dir. Bhagavan geht es genau so. Denn sein Leben fand über ein Jahrzehnt auf wenigen Quadratmetern ab, in denen er sich mit seinen Brüdern zusammen eine ganz eigene Welt aufgebaut hat.

INHALT:

Sieben Kinder leben in einer Hochhaus mitten in Manhattan gemeinsam mit ihrem Vater und ihrer Mutter in einer Wohnung. Das klingt in erster Linie nach einer Großfamilie, in der das Privatleben zu einer organisatorischen Herausforderungen für alle Beteiligten wird: Klavierunterricht, Sportverein, Tanzkurs, Verabredungen in der Mall mit Freunden – all das kennen diese sieben Kinder jedoch nicht.

Denn sie haben, bis auf einige wenige Tage, ihr Leben in dieser einen Wohnung verbracht – gemeinsam, vor dem Fernseher und abgeschottet von der Stadt, die niemals schläft, in dessen Zentrum sie jedoch seit ihrer Geburt leben.

FAZIT:

Der Dokumentarfilm THE WOLFPACK – MITTEN IN MANHATTAN erzählt von einer kuriosen Geschichte über eine Familie, die sich mitten in New York von der Welt abschottet, um den Gefahren, die unmittelbar vor der eigenen Haustür lauern, zu entkommen. Ihr Vater, ein Althippie und Hari Krishna-Verehrer hatte die Idee, seine eigene kleine Gesellschaft aufzubauen und schloss seine Familie über Jahre hinweg ein. Nicht aus Bosheit, nicht aus dem Verlangen heraus, seiner Familie Schaden zuzufügen, sondern einzig und allein zum Schutz. Denn für ihn ist die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr zu retten und er möchte nicht, dass seine Kinder ein Teil dieser durch und durch verkommenden Gesellschaft werden.

Trotz ihrer Abschottung, sind sie ein Teil von unserer Gesellschaft. Der Film wird hier zum Vermittler und hat einen großen Anteil daran, dass die Kindern einen Bezug zu unserer Lebensart haben. Mehr als 5000 Filme hat die Familie. Von großen Klassikern bis zum hin zum blutigen B-Movie und zur seichten Komödie ist alles vorhanden. Die Welt der Filme wurde zur Inspirationsquelle für die sechs Brüder. Sie entwickelten eine Leidenschaft, bauten sie täuschend-echte Requisiten, schrieben sich über Stunden und Tage hinweg jede einzelne Szene aus den Filmen auf und spielten die Filme vor ihrer Heimkamera Szene für Szene nach. Ihre Paraderolle: Das Wolfpack aus Quentin Tarantinos RESOVOIR DOGS.

Dabei sind sie tatsächlich Wölfe im doppelten Sinne. Denn ihre Haare wurden nie geschnitten, gehen ihnen teilweise bis zu den Hüften. Sie selbst sind sozial teilweise völlig verunsichert und verklemmt. Ein Gespräch mit Fremden fiel ihnen gerade am Anfang sehr schwer. Und die Welt, mit all ihren Großstädten, Menschen und der Natur kennen sie nur aus Filmen. Sie müssen erst noch lernen, wie die Realität wirklich aussieht, wie sie sich anfühlt und wie man auf die Mitmenschen zugeht, ohne den Schutz einer Verkleidung am Leib zu tragen.

Der Stil des Films passt sich dem Hobby des Wolfpacks an. Denn Zeit ihres Lebens wurden Home Videos (im wortwörtlichen Sinne) gemacht und Filmklassiker nachgedreht. Filmschnipsel dieses privaten Videoarchivs werde immer wieder in den Dokumentarfilm THE WOLFPACK verwoben und gleichzeitig durch wacklige Kameraführungen in den engen Räumen der Wohnungen aufgegriffen. Der Zuschauer wird so tatsächlich für 90-minuten zum Teil einer etwas anderen Familie.

Die Filmemacherin Crystal Moselle begleiten die Familie über einige Wochen hinweg, erfährt sehr eingängig, was es heißt, Teil dieser Familie zu sein und wie die Kinder ihre Einschränkung zu einer Kür gemacht haben. Doch die Familie steht hier auch vor einem Unbruch, denn Bhagavan, die Hauptperson in THE WOLFPACK, widersetzte sich an einem Tag den Regeln des Vaters und verließ alleine, aber in einem Michael Myers Kostüm (aus eigenem Schutz), die Wohnung und spazierte durch die Straßen in der Umgebung. Durch diesen Vorfall wurde die Geschichte der Familie bekannt.

Gleichzeitig war es auch der Startschuss für den Ausbruch der Kinder auf ihrem „häuslichen Gefängnis“. Der erste Ausflug ohne die Eltern, der erste Abend unter Menschen und (man möchte es kaum glauben) der erste Kinobesuch, sind nur einige emotionale Momente des Dokumentarfilms, in denen Freude und Fassungslosigkeit darüber, dass sowas mitten in Manhattan überhaupt möglich war, sich beim zusehen einander abwechseln.

Es ist kaum zu glauben, was man in THE WOLFPACK zu hören bekommt. Und es sich selbst vorzustellen, sich in die Lage der Kinder hineinzuversetzen, ist nahezu unmöglich. Wir erhalten einen Einblick in eine verkorkste Familie mit verschüchterten und doch selbstbewussten Kindern. Es sind wohl die friedlichsten, friedliebenden Menschen in New York. Und dass trotz der Tatsache, dass sie schon in sehr jungen Jahren selbst die blutigsten und brutalsten Filme verschlungen und nachgespielt haben. Sie leben in einer Fantasiewelt, eine Welt der Extreme, eine Welt mit coole Spüchen, schweren Waffen und großen Momenten. Doch auch wenn sie von dem Leben da draussen nichts mitbekommen haben und ihnen ihr Leben im Film nach gelebt, sind sie selbst auf dem Boden geblieben, geradezu realistisch und rational ohne dabei ihre Träume zu verlieren.

Rechtlich haben die Eltern dabei gegen nichts verstoßen: Die Kinder bekamen von ihrer Mutter Heimunterricht und auch sonst hat man den Kindern viele Freiheiten gelassen, sie umsorgt und versorgt. Doch moralisch gesehen ist diese Entscheidung, seine Kinder von der Außenwelt abzuschneiden, sehr fragwürdig gewesen. Selbst der Vater hat erkannt, dass seine Idee nicht die Lösung gewesen ist. Doch wahrscheinlich würde er es wieder tun – erschreckend und gleichzeitig sogar irgendwie nachvollziehbar. So hegt man keinen richtigen Groll gegen das Familienoberhaupt und lernt im Laufe des Films auch die Einstellung, die Entscheidung der Familie zu verstehen.

Dieser Zwiespalt, die lebenden Gegensätze, die sich in dieser Familie vereinen und in die der Zuschauer unweigerlich hinein manövriert wird, sind gerade zu aufregend und bestimmen die Faszination für das Wolfsrudel. So kommt man selbst ins Grübeln und arbeitet an einer Verfeinerung der Idee des Vaters. Wünscht sich als Zuschauer eine bessere und gleichzeitig ähnliche Lösung. Denn Nur logisch, denn die Familie ist uns allen das Wichtigste auf der Welt. Und wäre es nicht schön, wenn es irgendwo ein wirklich sicheren Ort für seine Liebsten gibt?

Der Dokumentarfilm THE WOLFPACK – MITTEN IN MANHATTAN ist seit dem 12.02.2016 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Universum Film 2016

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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