The Real of Reality – ein Bericht

International Conference of Philosophy and Film

Vom 02. bis zum 06. November 2016 fand im Zentrum für Kunst und Medien (kurz: ZKM) in Karlsruhe „The Real of Reality“, eine fünftägige internationale Konferenz über Philosophie und Film, statt. Über 100 Vorträge, in den sich Kunst, Kultur und Wissenschaft vereinten, waren der morgendliche Kern der Konferenz. Große Podiumsdiskussionen und eine bescheidene, aber sehr interessante Filmauswahl bildeten das Nachmittagsprogramm. Auch Filmaffe Jörg war als Besucher vor Ort und konnte einen kleinen Einblick in die große, weite Welt der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Medien „Bild“ und „Film“ gewinnen.

Das Reale im Fiktiven

Im thematischen Zentrum der Konferenz „The Real of Reality“ stand die Realität, die Wirklichkeit und wie sie im Film vermittelt wird. Die Ebenen und Facetten des Realen sind dabei so vielschichtig, wie eine faktische Definition dessen unmöglich ist. So ist das Bild und damit auch der Film ein Abbild von Wirklichkeit – nur logisch, immerhin ist das, was wir sehen, ob dargestellt oder bloß eingefangen, irgendwann mal passiert. Doch der Film vermag noch mehr Realitäten zu kreieren: Durch seine narrative Ebene kann er Welten erschaffen, die es nicht gibt oder einen Blick auf die Vergangenheit zulassen, der uns vorher verschlossen war. Umgekehrt vermag das Medium Film auch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verzerren, zu ändern und neu zu erschaffen. Zeitreisen und Zeitschleifen sind hier beliebte Mittel der narrativen Darstellung. Das gesamte Science Fiction Genre beruht genau auf diese fiktiven Realitäten. Es ist sogar möglich gleich mehrere Wirklichkeiten in einem Film zu vereinen. Ein gutes Beispiel dafür, das auch auf der Konferenz immer wieder herangezogen wurde, ist die MATRIX-Trilogie.

So war einer der Vorträge, die ich gerne gehört hätte, aber leider verpasst habe, „The bullet-time effect in the MATRIX triology – a systemic perspective“ von Idis Hartmann. Ebenfalls interessant und leider für mich unmöglich wahrzunehmen waren Paulo Alexandre e Gastros „The limits of Zombies films are the limits of philosophy“ und Ringo Rössners „the reality of Terror in fictional movies | Nolans DARK KNIGHT-trilogy“. Aber das ist hier wirklich nur ein kleiner Auszug dessen, was an Themenvielfalt und Thementiefe aufgeboten wurde.

Bei „The Real of Reality“ begab man sich auf eine Art Bestandsanalyse des machbaren Realen im Film und näherte sich der Antwort auf die Fragen: Was ist real? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Realen und der Realität? Und wie geeignet ist Bild und Film für die Darstellung von Wirklichkeit? Das mag alles sehr verkopft klingen und das war es tatsächlich auch – aber auf eine gute Art und Weise. Immerhin kamen führende Köpfe aus Philosophie, Medienwissenschaft und Kunst zusammen. So viel geballte Brain-Power erlebt meiner einer sonst selten. Vor allem der Blick auf Filme, weg von Story, Effekte, Aussage und Darstellung, den Grundpfeilern jeder in dieser Beziehung fast irrelevant anmutenden Filmkritik, hat beeindruckt. So wurden Tiefen und Ebenen erreicht und analysiert, die den normalen Zuschauer sonst noch nicht mal tangieren.

Zeitlose Realitäten und erfasste Wirklichkeit

Am Samstag besuchte ich einen Panel, in dem die Zeit in Verbindung mit Realität im Film stand. Zunächst referierte Friederich von Petersdorff in „Reality on Film | Historical Source versus Substitue for Reality“ über die Möglichkeit, den Film als Zeitquelle heranzuziehen, aber auch über die Gefahr, dem Gezeigten leichtfertig glauben zu schenken. Katia Hey schlug hingegen einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Sigmund Freud und UND TÄGLICH GRÜßT DAS MURMELTIER. Ein Reporter, gespielt von Bill Murray, ist gefangen in der Zeit. Gleichzeitig ist er jedoch in der Lage durch die Zeitschleife zu lernen und sich dadurch selbst zu verbessern. Damit wird er nicht nur für sich ein besserer Mensch, sondern ist auch in der Lage das Leben der anderen positiv zu beeinflussen. Damit verändert auch die Realität.

THE ACT OF KILLING

Das Highlight der International Conference of Philosophy and Film war Christine Cynns (Ko-Regisseuerin; sie war sogar selbts vor Ort) und Joshua Oppenheimers THE ACT OF KILLING. In drei Ebenen wurde der dreistündige Dokumentarfilm behandelt. Zunächst gab es am Freitagnachmittag ein Screening des Films, worauf einen Tag später ein live Skype-Interview mit Oppenheimer und eine tiefgehende Analyse des Philosophen und Filmkritikers Thomas E. Wartenberg, der den Film in Verbindung mit Hanna Arendt Arbeit zum Genozid im zweiten Weltkrieg setzte.

Regisseur Joshua Oppenheimer (THE ACT OF KILLING) im Skype-Interview bei „The Real of Reality – International Conference of Philosophy and Film“.

Oppenheimers THE ACT OF KILLING erzählt von vornehmlich zwei Männern, die in den 1960er Jahren teil einer paramilitärischen Organisation in Indonesien waren, die völlig legitim vermeintliche Kommunisten töteten. Heute geht man davon aus, dass mehr als 2,5 Millionen Menschen bei diesem Massenmord starben. Die eigene Wahrnehmung des Realen erhält in diesem Film eine ganz eigene Note. Denn die Mörder, die niemals angeklagt wurden, sondern vielmehr sogar verehrt für ihre Taten werden, wissen, dass sie schreckliches getan haben, erkennen aber nicht ihre Schuld ein. Der Zuschauer lernt sie als lebenslustige, freundlich und sympathische Menschen kennen. Ihre Taten werden dabei noch nicht mal totgeschwiegen, sondern sind Teil der Erinnerungskultur von Indonesien. Jeder weiß, wer sie sind. Und genau deswegen werden sie so gefeiert und gefürchtet.

Oppenheimer begleitet diese Menschen bei einem Projekt, in dem sie in Hollywood-Manier den „Akt des Tötens“ von damals auf ungewöhnliche, aber doch sehr reale Weise nachstellen. Dieses Method Acting vor der Kamera, in der der Täter zeitweise auch selbst zum Opfer wird, löst, so suggeriert der Film, auch etwas in den Menschen aus. Ihre erdachte Realität fängt an zu schwanken. Das Besondere an dem Dokumentarfilm sind hierbei seine Ebenen, auf denen er erzählt. So gibt es einerseits klassische Elemente eines Dokumentarfilms durch Interviews, andererseits aber Making Of–Aufnahmen von einem Film, der im Film produziert wurde, sowie Aufnahmen dieses Method Acting-Films selbst und letztlich auch noch Aufnahmen, in denen die Personen sich ihren gedrehten Film anschauen und darüber reflektieren.

Das hört sich kompliziert an und offenbart sich auch beim Anschauen von THE ACT OF KILLING als eine große Hürde, da, so erwähnt es auch Thomas E. Wartenberg in seinem Vortrag, der Zuschauer zwischendurch und vor allem zu Beginn und am Ende des Films allein gelassen wird mit fast surrealen Bildern, die sich nicht selbst aufschlüsseln, jedoch weitestgehend unkommentiert bleiben.

Back to the Roots – Filmhistoriker unter sich

Das Letzte, was ich mir am Sonntag anhörte, waren drei Vorträge von Medienwissenschaftlern der Unis in Konstanz und Bayreuth. Mit ihnen näherte ich mich meinem akademischen Ursprung als Filmhistoriker, denn sie zogen eine Verbindung zwischen Film und Entstehungszeit. Alexander Zons erzählte über Reflexion von Realitäten im deutschen Film der 1930er und -40er Jahre am Beispiel von Fritz Langs Werken und erklärte, dass die Realität im Film – so surreal und fantastisch manche auch äußerlich gewesen sein mochten – immer auch ein Spiegelbild des aktuellen Zeitgeschehens darstellte. Das bestätigte schon Lotte Eisner in ihrer „Dämonischen Leindwand“ oder Siegfried Kracauer in seinem Buch „From Caligari to Hitler“ und gehört heute zu den Grundthesen moderner Filmwissenschaft.

Chris Paret deckt die interkulturellen Klischees auf, mit denen vornehmlich Komödie (hier am Beispiel von Ernst Lubtischs Filmen) arbeiteten. In seiner These erklärt er, dass die Wirklichkeit, die Weltanschauung, im konkreten Beispiel das was einen wahren Deutschen, Briten oder gar Amerikaner ausmacht, nie direkt angesprochen, sondern durch den Spiel mit Klischees, mit Erwartungshaltungen wie jemand sein muss, dargestellt werden. Durch diesen Kunstgriff gelang es Lubitsch niemand wirklich anzugreifen und doch die Wahrheit, die Realität zu offenbaren.

Christoph Büttner setzte seinen Fokus auf den Dokumentarfilm zwischen 1930 und 1940. In seinem Vortrag „in the midst of reality this ffilm arose. – Weimar Arbeiterfilm and its relationto Wirklichkeit“ zeigt er auf, dass es durchaus einen Anspruch und auch ein Publikum dafür gab, das reale Leben in all seiner damals vorhandenen Not darzustellen. So gingen die Filmemacher raus aus dem Studio an reale Ort – auch eine Tendenz des damaligen Spielfilms – und fingen das reale Elend ein. Durch die darauffolgende Bearbeitung wurde jedoch die Wirklichkeit geändert, wenn nicht gar verfälscht. Schon in der russischen Montage gab es ein ähnliches Experiment von Dsiga Wertow (DER MANN MIT DER KAMERA; 1929), das seine Wirkung vor allem aus dem Zusammenschnitt erzeugte. Diese filmischen Beispiele sind Zeichen eines aufkommenden, neuen Bewusstseins dafür, wie man den Film als Spiegelbild, aber auch Zerrbild für Wirklichkeit nutzen kann.

The Real of Reality

Haben wir am Ende die Wirklichkeit gefunden? Nein, natürlich nicht. Das war auch nicht das Ziel. Aber wir haben erkannt, dass es auch in Filmen, die scheinbar unsere Realität abbilden, mehrere Realitäten geben muss. So ist jede Aufnahme von realen Ereignissen immer auch ein Abbild dessen, das durch geschickte Schnitte und Kameraaufnahmen zu einen neuen Aussage und damit auch zu einer neuen Wirklichkeit umgestaltet werden kann. Der Historiker erkennt in jedem Film auch Zeichen, eine Rezeption seiner Entstehungszeit – auch dann, wenn es sich bei dem Film um ein historisches Thema handelt. Immerhin werden oft neuste Forschungsergebnisse in Filme einbezogen.

So gab es schon bei SPARTACUS in den 60er Jahren wissenschaftliche Berater, auf die damals jedoch nicht wirklich gehört wurde. Und im dritten JURASSIC PARK Film haben die Velociraptoren nur deswegen Federn, weil diese Tatsache erst kurz vor dieser Produktion wirklich bewiesen wurde. Die Wahrnehmungsebene von Wirklichkeit des Zuschauers deckt sich folglich nicht selten mit der Intentionsebene des Regisseurs. Als Dirigent leitet der Regisseur den Zuschauer in eine Richtung, die er selbst möchte. Hier kann wiederum die Gefahr von Realität im Film liegen, die sich seit je her das Genre des Propagandafilms zu nutze macht, aber wie man sehen konnte immer eine Gefahr für jeden Filmemacher darstellen kann.

Da ich nur einen Bruchteil der Konferenz wirklich gesehen habe und das Spektrum dessen, was dort besprochen wurde kaum auf vier Seiten zusammen fassen kann, wirkt auch dieser Text recht lückenhaft und ungenau. Wer sich etwas näher mit einzelnen Themen und Vorträgen beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Mitschnitte, die in kürze veröffentlicht werden sollen und in denen ihr ganze Panels nachhören könnt. Zwar ist alles auf englisch und gespickt mit Fachwörtern, aber hineinhören lohnt sich.

von Jörg Gottschling

Mehr Informationen zur Konferenz unter: zkm.de

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