STAR WARS: DIE LETZTEN JEDI (2017)

Verkrampft gut, genial unlogisch & überraschend anders

Ein Film spaltet die Fangemeinde! STAR WARS: DIE LETZTEN JEDI ist ein Film, der viel richtig, aber auch einiges falsch macht. Regisseur Rian Johnson weiß zu überraschen und zu erfreuen, aber sein Film enttäuscht auch. Noch nie blieb ich mit so einem zwiespältigen Gefühl nach einem STAR WARS Film zurück…Ich muss mich erklären, ich muss ins Detail gehen und deswegen ist diese Kritik NICHT SPOILERFREI. Also bitte erst den Film anschauen und dann diese Kritik lesen.

INHALT:

Das Versteck des Widerstands ist offenbart und die Rache der ersten Ordnung folgt auf dem Fuße: Kaum wurde die Starkiller Basis zerstört, beginnt die Verfolgung auf die kleine Schar an Rebellen. Diese müssen evakuieren und werden während dessen von der ersten Ordnung erwischt. An der Flucht gehindert und mit nur noch wenig Treibstoff-Reserven fliehen sie, angeführt von Prinzessin Leia (Carrie Fisher), vor der Snokes (Andy Serkins) Armada.

Ex-Sturmtruppler Finn (John Boyega), X-Wing-Pilot Poe Dameron (Oscar Issac), Droide BB-8 und Mechanikerin Rose Tico (Kelly Marie Tran) haben einen Plan, wie sich der kleine Rest an Widerstandskämpfern der ersten Ordnung entziehen kann. Doch der Plan ist gewagt und hat nicht den Segen des Widerstand-Kommandos.

Während dessen hat Rey (Daisy Ridley), R2-D2 und Chewbacca endlich Luke Skywalker (Mark Hamill) aufgespürt. Bei ihm möchte Rey ihre Ausbildung zum Jedi beginnen. Der hat sich jedoch der Macht entsagt und muss erst davon überzeugt werden. Denn den Verrat von Ben Solo (Adam Driver) sitzt tief und Lukes Glaube an die Jedi schwindet…

FAZIT:

Herrje, wo soll man bei STAR WARS: DIE LETZTEN JEDI nur anfangen? Während der Film auf der einen Seite alles richtig macht, determiniert er seine Genialität durch einfachste Filmschnitzer, die man so nicht akzeptieren kann. Diese wurzeln in erster Linie in der unlogischen Handlung:

Das Versteck des Widerstands ist bekannt und eine Flucht ist unausweichlich. Ein Entkommen durch den Hyperraum ist nicht möglich, da neue Technologie sogar eine Verfolgung bei Lichtgeschwindigkeit möglich machen. Obendrein schwindet der Treibstoff der Widerstandsflotte. Die Flotte ist jedoch schneller und wendiger als die der ersten Ordnung und kann einen gewissen Abstand einhalten, um sich der Vernichtung zu entziehen. So weit so gut.

Doch was ist eigentlich bei der ersten Ordnung los? Ist General Hux und Kylo Ren zu blöd, mal ein paar ihrer Schiffe durch den Hyperraum zu senden und vor der Widerstandsflotte wieder auftauchen zu lassen, um ihnen den Weg abzuschneiden? Warum wird treudoof und im Schneckentempo hinter den Rebellen hinterher gewatschelt. Und warum kommt mal keiner von den „Bösen“ auf die Idee, diesen kleinen Rebellengleiter zu verfolgen, der sich da gerade abseilt, um Hilfe zu holen. Zu unwichtig? Der Widerstand ist eine eingeschworen Einheit aus Helden. Selbst in einem kleinen X-Wing könnte ein großer Jedi-Kämpfer entkommen, um sich von Yoda ausbilden zu lassen. So eine Nachlässigkeit, so eine Ignoranz darf nicht mehr passieren. Obendrein sind doch genügend Schiffe bei der ersten Ordnung vorhanden.

Auf der anderen Seite läuft es nicht besser: Finn und Rose werden wegen Falsch parken eingesperrt – ja, richtig: EINGESPERRT! Hartes Vergehen eben. Und dann ist da noch eine Vice Admiralin Holdo vom Widerstand, die ebenfalls treudoof die Zerstörung der Flotte mit anschaut, bis sie dann auf eine zugegebenermaßen eindrucksvolle tolle Idee kommt. Alles viel zu spät, alles viel zu wenig durchdacht und alles viel zu sehr konstruiert, um angespannte Situationen herzustellen. Nein Sir, hier läuft einiges nicht richtig.

Darüber hinaus ist DIE LETZTEN JEDI ein echtes Produkt von Disney geworden. Woran man das merkt? Zunächst an den süßen kleinen Tierchen, die überall herumschwirren: Clevere Kristallfüchse, milchgebende Klippenrinder, pferdeähnliche Reittiere mit langen Schlappohren und kleine Pinguinmeerschweinchen, die Chewbacca ganz schön Nerven. Das alles schreit nach Kuscheltieren, die verkauft werden wollen und nach einer falschen Zielgruppe!

Damit einhergehend erhält der Humor etwas konsequent Kindliches. Ja, das macht Spaß. Ja, auch ich habe gelacht. Und ja, das kannten wir schon aus Episode 1 und 2. Doch diesmal übertreibt der Film und geht in Slapstick über. In Anbetracht des düsteren Szenarios – der Widerstand steht kurz vor seiner Auslöschung – wirkt das mehr als unpassend.

Immerhin setzt DIE LETZTEN JEDI mit den Tieren auch ein Statement gegen Tierquälerei. Auch das mag aus dem Nichts kommen und daher etwas deplatziert wirken, aber es verdient einen ehrlich gemeinten Schulterklopfer.

Überhaupt möchte DIE LETZTEN JEDI jeden gefallen: Der Jugend (ich erwähnte den Humor und die Tiere bereits), den eingefleischten Fans, den Action-Jüngern und der breiten Mitte. Langjährige Fans dürfen sich über dutzende Referenzen und Anspielungen freuen, doch diese kommen in so einer hohen Frequenz, dass manchmal der Eindruck erweckt wird, die Filmmacher wurden dazu gezwungen. Versteht mich nicht falsch: Die Referenzen sind prima, gehören einfach hinein, aber sie sind dergleichen zu viel. Ich brauche das nicht und schon gar nicht so offensichtlich. Mehr Easter Eggs weniger Dampfwalze und mehr Raum für eine durchdachte eigene Story wäre hier deutlich zufriedenstellender gewesen.

Das mag jetzt alles sehr negativ klingen, doch STAR WARS: DIE LETZTEN JEDI hat mehr Stärken den Schwächen. Eine der größten Stärken liegt in den Frauen. Sie behalten einen kühlen Kopf, haben einen (um drei Ecken durchdachten) Plan. Mit ihnen entsteht etwas Neues, während das alte, „der Funke der Rebellion“, weitergetragen wird.

Rey ist eine Kämpferin. So haben wir sie schon in DAS ERWACHEN DER MACHT kennengelernt. In DIE LETZTEN JEDI beweist sie, wie viel wirklich in ihr steckt. Ohne mit der Wimper zu zucken, stellt sie sich souverän der dunklen Seite, schüttelt die Versuchung ab und zähmt zuvor noch ihren Meister. Mehr Power hat eigentlich nur noch Leia. Die unnahbare Grand Dame schwebt durch den Raum, zerschmettert Türen und ist Herz und Hirn des Widerstands. Keine Ahnung, wie diese Geschichte noch Enden wird, aber die neue Galaxis wird von Frauen regiert!

Es ist eine neue Ära im STAR WARS-Universum wie im gesamten Genre, das Regisseur Johnson hier einläutet: Der charismatische, hitzköpfige Held irrt sich. Seine Haudrauf-Methode hat in dieser Galaxis (auf unserer Erde) keinen Platz mehr: Poe Dameron ist eine Gewinner, doch der Preis seines Erfolges ist groß. Am Anfang wird ein Schlachtschiff der ersten Ordnung, jedoch auch die gesamte Bomber-Staffel des Widerstand zerstört. Poe ist ein Anführer, aber seine Methode ist veraltet. Finn ist ebenso überhitzt – mal mutig, mal ein Feigling, aber keinesfalls konsistent in seinen Handlungen. In der ersten Ordnung ergeht es den Führer nicht anders: Snoke ist arrogant und überheblich. Seine rechte und linke Hand Ren und Hux sind unkontrollierbare Köter. Das alles macht die männlichen Figuren zwar äußerst interessant. Und doch sind es die Frauen, die der Geschichte eine neue Wendung verleihen, ja gar die neue Trilogie prägen.

Und der legendäre Luke Skywalker? Mark Hamill spielt hier seine Paraderolle mit einer authentischen Souveränität und wortwörtlich augenzwinkernder Leidenschaft. So haben wir uns Luke Skywalker vorgestellt. Sein Luke macht tatsächlich alles richtig, indem er scheinbar alles falsch gemacht hat. Seine Figurenentwicklung stößt auf, indem er der Macht entsagt. Und sogar Kylo Ren sieht in der Macht keinen konkreten Weg mehr, den man einschlagen muss. Die Jedi, ein Leitmotiv der Reihe, soll in Vergessenheit geraten und keine Rolle mehr spielen? Der Aufschrei des Fan-Publikums ist nicht berechtigt, denn die Aussage des Films ist am Ende eine andere. Rey wird eine Jedi werden – und was für eine sie werden wird!

Das Frauenbild spiegelt sich auch auf der politisch-kritischen Metaebene von DIE LETZTEN JEDI wider: Denn die wahren Profiteure dieses Jahrzehnte andauernden Krieges werden erstmals offen in einem Film entlarvt. Es sind die Großindustriellen, die Waffenhändler, kurzum es sind Männer, die sich am Krieg, an den Klonkriegen, an der Machtergreifung des Imperiums, aber auch an den Rebellen bereichert haben. Denn sie verkauften beiden Seiten Waffen, versklaven Mensch und Tier und leben in Luxus, während zwei Fronten aufeinandertreffen und sich bekriegen. Dieser Vorwurf darf auf unsere Welt übertragen und muss als demokratische Kritik an die Außenpolitik der USA gewertet werden. Nach ROGUE ONE bleibt also auch der achte STAR WARS Film einer völlig neuen und absolut konsequent-guten Richtung treu. Doch es fehlt noch an Präzision, Tiefe und Worldbuilding. Das muss die Reihe in Teil neun noch besser machen.

Besser, oder vielmehr brillant geht der Film mit den Erwartungen des Zuschauers um: Zwei Jahre hatten wir Zeit, über die Eltern von Rey nachzudenken, uns in Theorie zu verstricken und wollten nun eine Auflösung. Die bekommen wir, doch sie ist anders als gedacht – ganz anders. Überhaupt weiß DIE LETZTEN JEDI an jedem Knackpunkt der Unklarheit zu rütteln und ein völlig unerwartetes Ergebnis zu kreieren.

Was haben wir uns beispielsweise für eine epische Übergabe des Lichtschwerts von Rey an Luke ausgemalt. Und dann passiert etwas, dass so unerwartet wie genial ist, dass ich in diesem Moment aufstehen und laut applaudieren wollte. Auch Kylo Ren entwickelt sich zu einem tiefschürfenden Charakter, der nicht mehr nur nervt, sondern plötzlich zur interessantesten Figur der neuen Trilogie avanciert. In WALKING DEAD-Manier geht DIE LETZTEN JEDI auch mit seinen Charakteren um.

Der Film räumt auf, beendet Handlungsstränge, die in Teil sieben erst eröffnet wurden und macht sich Luft und Platz für neue Figuren und ihre Geschichten. Dieser Raum ist ein Vorteil. Bedeutet er vordergründig vielleicht einen Status Quo, ist er hintergründig eine Möglichkeit, die Galaxie neu zu kreieren – so wie am Ende des Films die Rebellion einmal mehr an ihrem Anfang und die erste Ordnung beinahe an ihrem Ende steht. Und so hat sich plötzlich, obwohl uns der Film während seiner ganzen Laufzeit etwas anderes suggeriert, das Blatt erneut gewendet.

Die STAR WARS-Welt ist zum Spielball von Rian Johnson geworden: Erwartungen sind zerstört, liebgewonnene Charaktere wurden entfernt und die Welt ist nicht mehr das, was sie einst schien. Es wirkt wie ein Relaunch, aber es ist keiner. Und Johnsons irre Plottwists und neuen Impulse sind frech, so belebend, dass STAR WARS (entgegen mancher Behauptungen) nicht tot ist – nein! Die Filmreihe wurde reanimiert.

STAR WARS: DIE LETZTEN JEDI läuft seit dem 14.12.2017 in den deutschen Kinos.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Disney

 

Jörg Gottschling

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
Jörg Gottschling

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