SCHWARZ AUF WEIß #3:

Als der Film sprechen lernte, gab es nicht nur Gewinner

Im Jahr 1927 veröffentlichte Warner Brother’s einen Film, der die neueste technische Entwicklung nutzte und ein riesiger Erfolg wurde: THE JAZZ SINGER. Es war der erste Langfilm, der Ton beinhaltete und vielsagend mit den Worten „You ain’t heard nothin‘ yet” ausgestattet war.

Heute ist Ton nicht mehr aus der Filmwelt wegzudenken. Damals jedoch hatte der Tonfilm viele Gegner. Er wurde als der Tod der Künstler bezeichnet. Grund dafür war unter anderem auch, dass so gut wie alle Musiker, die die Filme im Kino begleiteten, auf einmal arbeitslos wurden.

Und natürlich waren zahlreiche Schauspieler, die mit ihrer überzeichneten Gestik im Stummfilm noch gefragt waren, ebenfalls plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Viele Schattenseiten dieser Entwicklung wurden damals nicht sehr publik gemacht und die Öffentlichkeit hatte die Verlierer schnell vergessen. Jedoch thematisierte ausgerechnet Hollywood selbst die Entwicklung mehr als einmal.

Ein Film, der die dunkle Seite Hollywoods schamlos offenlegt, ist Billy Wilders SUNSET BLVD. Hier klaue ich jetzt einfach mal schamlos aus der Billy Wilder TOP 5, aber immerhin hab ich sie ja auch geschrieben. SUNSET BLVD behandelt das Thema des schnell vergänglichen Ruhms in Hollywood. Wilder gab dem ehemaligen Stummfilmstar Gloria Swanson die Rolle der Norma Desmond. Swanson wurde früh von Paramount unter Vertrag genommen und stieg so rasant zu einem Star und Stilikone auf. Die Figur der Norma Desmond ist ebenfalls ein Stummfilmstar, an den sich aber kaum noch jemand erinnert. Sie glaubt verzweifelt an ein Comeback. Nicht ganz unschuldig daran, ist ihr Exmann und Butler, der ihr vermeintliche Fanpost schreibt und vorgibt mit dem Studio zu telefonieren. Durch Zufall trifft sie auf den jungen Drehbuchautor Joe Gillis und verliebt sich. Die beiden versinken in ein Abhängigkeitsverhältnis, welches Desmonds Wahnvorstellungen verschlimmert und schließlich für alle Beteiligten tragisch endet.

Wilder wollte von Anfang an die Rolle mit einer tatsächlichen vergangenen Stummfilmschauspielerin besetzen. Die Tatsache, dass dabei doch eine recht ansehnliche Anzahl an Schauspielerinnen in Frage kam, beweist schon, wie viele Menschen damals ihren Job verloren hatten und in Vergessenheit geraten sind. Mae Murray zum Beispiel war ein großer Star der Ära, später wurde sie wohl einsam und verarmt auf einer Parkbank gefunden.

Meine persönliche Lieblingsszene aus SUNSET BLVD zeigt Gäste, die zum Kartenspielen da sind. Dazu zählen andere Stars, die Ruhm einbüßen mussten und hier sich nun selbst spielten. Zum Beispiel Buster Keaton, Anna Q. Nilsson und H. B. Warner.

Keatons vergangener Ruhm lag aber nicht nur an der Einführung des Tonfilms, sondern auch daran, dass er mit Studiobossen kollidierte. Aber auch er war nun mal ein Mann weniger Worte, schon in der Stummfilmzeit. Während Filme im Durchschnitt an die 240 Zwischentitel nutzten, gab es bei Keaton maximal 56. Nicht ohne Grund wurde er „The Great Stoneface“ genannt, der selbst in den verrücktesten Momenten keine Miene verzog und daher natürlich auch nicht spricht in dem Moment.

Keaton war aber in bester Gesellschaft, denn auch andere Komiker wie Charlie Chaplin mochten die Entwicklung hin zum Tonfilm gar nicht. Er drehte 1931 nochmal einen Stummfilm, LICHTER DER GROßSTADT, der trotz allem noch ein großer Erfolg wurde.

Nicht nur viele, die eigentlich ohne Worte auskommen wollte, hatten im Tonfilm weniger Erfolg. Zahlreichen internationalen Schauspielern, die in Hollywood arbeiteten, scheiterten aufgrund ihrer schlechten Englischkenntnisse. Dazu gehörte zum Beispiel der deutsche Schauspieler Emil Jannings. Diese tragischen Entwicklungen gerieten im schnelllebigen Hollywood sofort in Vergessenheit und neue Stars erschienen am Horizont. Über die Jahre kamen und gingen so viele Talente, dass sich Menschen unserer Generation kaum noch darüber im Klaren waren, was damals so vor sich ging. Dieser Umstand änderte sich im Jahr 2011, als ein schwarz-weißer Stummfilm zum Überraschungserfolg wurde und mehr als 30 internationale Filmpreise erhielt. Ich spreche natürlich von THE ARTIST. Wer hätte gedacht, das Regisseur und Drehbuchautor Michel Hazanavicius einfach nur sozusagen Back to the Roots musste, um den Oscar für den Besten Film abzuholen. Für mich, die wenig für die Franchises unserer Zeit übrig hat, war das eine äußerst positive Abwechslung.

THE ARTIST behandelt ähnliche Themen wie SUNSET BLVD. Der Stummfilmschauspieler George Valentin, gespielt von Jean Dujardin, ist ein riesiger Star. Alle lieben ihn, außer vielleicht seine Ehefrau. Durch Zufall trifft er auf einen weiblichen Fan, die es wenig später schafft, selbst zum Star zu avancieren. Jedoch schafft Valentin nicht den Sprung in den Tonfilm und wird Alkoholiker, der einsam in einer kleinen Wohnung versinkt. Damit ist er aber nicht ganz alleine auf der Welt. Er hat seinen ehemaligen Fahrer an seiner Seite und auch der ehemalige Fan Peppy Miller hat ihn nicht vergessen und so hat THE ARTIST das Potential für ein Happy End.

Man kann natürlich argumentieren, dass jede technische Entwicklung immer Verlierer mit sich bringt. So hat der Sprung von Zeichentrick zu Animation vermutlich auch einigen Künstlern den Job gekostet. Ich habe selbst mal in einem kleinen Programmkino gearbeitet und sah zu, wie der Beruf des Vorführers mit Einführung der digitalen Filmprojektion verschwand. Dieser kleine Text ist dafür da, dass man nicht immer nur nach vorne schauen sollte, sondern sich im Klaren darüber ist, dass man auch etwas zurück lässt. Das heißt nicht, dass man sich nicht auf das was noch kommt, freuen kann.

Nächsten Monat komme ich zurück zu einem meiner Lieblingskomiker, der auch hier schon erwähnt wurde: Buster Keaton.

PS: Für den Fall, dass sich jemand wundert. Mir ist sehr bewusst, dass SINGING IN THE RAIN erwähnt werden muss, wenn man über die Thematik der scheiternde Stummfilmstars in Filmhandlungen spricht, aber das ist nun einmal ein Farbfilm und passt daher nicht in unsere Kategorie.

Sarah Binder

Sarah Binder

Ich hab was mit Medien studiert und liebe Bananen. Keine Frage also, dass ich für den Filmaffen über die Welt der Filme und Serien berichte.
Sarah Binder

Comments

comments

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: