Rumpelkiste #1: Als Trick noch gezeichnet wurde…

Die Zeit ist reif. Es muss endlich ausgesprochen werden: Biene Maja, Wickie und Heidi wurden vergewaltigt. Nicht im wortwörtlich, sondern im übertragenden Sinne. Aufgestylt und schön-gerendert sind sie nur noch ein Schatten ihres sympathischen Zeichentrick-Ichs. Dabei sah ihr Ursprung im Fernsehen noch ganz anders aus:

Einst handgemalt von kleinen asiatischen Finger großer Animationskünstler flimmerten diese liebgewonnenen winzigen Helden im Nachmittagsprogramm des öffentlich-rechtlichen Senders ZDF über den Bildschirm. Wir befinden uns Mitte der 1990er Jahre. Eine Zeit, in der ALFRED J. KWAK (1989 -1991) und PINOCCHIO (1979) ein Leben voller Probleme meistern mussten und gute kleine Geschichte in einer Bilderbuchwelt präsentiert wurden. Es war genau die Zeit, in der Zeichentrick noch ein letztes Mal hoch geschätzt wurde, kleine Kunstwerke (nicht selten aus den 80er und 70er Jahren) in filigraner und zermürbender Kleinarbeit aneinandergereiht eine Folge ergaben und Zeichentrick, wirklich noch Zeichentrick war.

Diese Geschichten hatte eine unterschwellige Moral und waren noch geprägt von der Großelternerziehung. Ohne den Anspruch, im Geist der Zeit zu wandeln und den coolen Kids durch eine flippige Sprachform gefallen zu wollen, vertraten sie pädagogische Werte und vermochten es auf ihre eigene, liebevolle Art doch zu unterhalten. Ja, Figuren hatten zu dieser Zeit nicht nur Leben, sondern auch eine Seele.

Aus alt mach neu:
Seit diesen letzten Tagen, an denen Zeichentrick noch hoch geschätzt wurde, hat sich viel getan. Die Animationstechnik am Computer hat den physischen Zeichenstift fast gänzlich verdrängt. Die Folgen sind Kinderserien mit wenig Details und glatt gebügelte Zeichenstriche. Keine Falte ist in den Gesichtern der gerenderten Figuren mehr zu erkennen. Und liebevoll gemalte, detaillierte Hintergründe, die mit den Geschehnissen in Vordergrund verschmelzen, wurden durch einfache, grüne, blau, rote, schlicht unifarbene Flächen mit nur wenigen Formen ersetzt. Die gezeichnete Lebendigkeit, die einst so akribisch erschaffenen Zeichentrickwelten sind verloren gegangen. Wo ist her hin, der visuelle Wunsch nach ausdrucksstarken Bildergeschichten im Fernsehen, möchte man da fragen.

Nicht genug werden die alten Helden in neue Gewänder gepackt. Es reicht dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht mehr aus, die guten alten Originale zu zeigen. Stattdessen sucht man den Anschluss an die neue Zeit und rennt dem Trend einmal hinterher. Herausgekommen sind Remakes zu Kultserien, wie WICKI UND DIE STARKEN MÄNNER (seit 2014) oder BIENE MAJA seit 2013), die nicht mehr haben von dem Glanz des Alten, das bis heute an Gültigkeit und Relevanz nichts eingebüßt hat. Warum muss man Geschichten, die bereits perfekt erzählt wurden, noch einmal neu erzählen? Klar, die Gesellschaft hat sich verändert und der ein oder andere Wertewandel hat stattgefunden. Dies gilt aber in den seltensten Fällen für die Grundwerte des Lebens, die durch Zeichentrick seit bestehen des bewegten Comicbildes vermittelt wurden.

Auch Disney setzt, ausgerechnet bei Kleinkinder auf dieser minderwertige Form der Darstellung und des Erzählens: Die Serie MICKEY MAUS WUNDERHAUS (seit 2006) sieht nicht nur billig und schnell produziert aus, sondern sie ist es auch in jeglicher Weise. Getreu dem Motto, das wird schon geschaut, knallt eine Multimilliarden Dollar schwere Filmproduktionsschmiede einfach so eine Serie auf dem Markt. Dabei sollte es der Disney-Konzern, der beispielsweise schon mit der TINKERBELL-Reihe bewiesen hat, dass es besser geht, spätestens durch den Kauf von Pixar besser wissen, dass Animation auch richtig gut aussehen kann.

Natürlich ist das alles auch eine Frage des Marktes und der Firmenpolitik. Alte Serien von vor 20, 30 Jahren oder gar 40 Jahren lassen sich eben nicht so gut wie neue Serien verkaufen. Andererseits haben gerade diese alten Serien Kultstatus. Jeder kennt sie und so ist es nur logisch auf den Retro-Zug aufzuspringen und die alten Geschichten neu zu verpacken. Ein weiteres dieser zahllosen Beispiele stellt derzeit das Remake ALVINNN!!! UND DIE CHIPMUNSK (seit 2015) zu dar. Auch hier gab es zwischen 1983 und 1989 bereits die unterhaltsame Serie ALVIN UND DIE CHIPMUNSK, auf die in den 1990ern auch einige TV-Filme folgten. Eigentlich hätte es ausgereicht, diese Schätze nochmal hervor zu holen (SuperRTL tat dies in den letzten Monaten sogar). Doch nach dem Erfolg der Kinofilme war es nur eine Frage der Zeit, bis bald auch noch eine neue Animationsserie folgen sollte. Auch bei ALVINNN!!! UND DIE CHIPMUNSK zeigt sich die Krux, dass eigentlich schon jede Geschichte erzählt wurde, ganz deutlich. Die Handlungen der Episoden ist einfach gestrickt und wirken unbedacht. Am schlimmsten ist jedoch die Darstellung der Figuren. Eigentlich handelt es sich um Eichhörnchen, die nicht nur sprechen, sondern auch singen können. Das es sich aber bei diesen glatten, seelenlosen Figuren um Tiere handeln soll, ist auf den ersten Blick gar nicht mehr zu erkennen. Diese Entwicklung ist nicht nur erschreckend, sondern eine Ohrfeige ins Gesicht der Erfinder.

Realität, Abbild und Sündenfall
Für die einen Produzenten ist die Abkehr vom Details eine Frage der Produktionskosten, andere haben, wie etwa im Falle von SPONGEBOB SCHWAMMKOPF (seit 1999), die Art der minimalistischen Bildausmalung als einen eigenen Stil für sich entdeckt. Aus den bewegten Bilderbüchern wurde eine surrealistische Comicwelt, die ihren Anspruch, ein Abbild der Realität zu sein, gänzlich aufgegeben hat. Herausgekommen sind Figuren, die sich selbst nicht ernst nehmen und wider ihrer Natur handeln. Damit gehen sie sogar noch weiter als jede Disney-Figur:

Waren noch Disneys sprechende Tiere, die selbst Haustiere halten und in einer Art Parallelwelt (Entenhausen, Sankt Erpelsburg, Cap Suzette) hausen, eine moderne Form der klassischen Fabeln. Nun entstanden Figuren und Serien, abseits von DUCKTALES (1987 – 1990), DIE GUMMIBÄRENBANDE (1985 -1991), BONKERS (1993 – 1995) und Co., die mit Moral und Anstand nicht mehr viel gemein haben. Mit ihnen begann ein neues Zeitalter im Zeichentrickfilm: Der Zeichentrick für Erwachsene und Heranwachsende war geboren. Er bedurfte keine bildlichen Details mehr. Hier stand derbe Humor im Vordergrund.

Der Sender Nickelodeon veränderte mit Serien, wie DIE REN & STIMPY SHOW, CATDOG (1998 – 2004) oder ROCKOS MODERNES LEBEN, das Kinderprogramm schlagartig und zeigte, dass eine Story noch so abstrus und die Form der gezeichnete Figuren noch so einfach sein können, die Zuschauer bleiben dran und gucken hin. Diese Serien ebneten der Weg für eine weitere Welle, die vielleicht in Ansätzen bereits 1989 mit den SIMPSONS begann, definitiv aber durch SOUTH PARK (seit 1997) auf ein neues Level gehoben – oder vielleicht eher gestürzt – wurde. Das Design von SOUTH PARK war (in den ersten Staffeln) minimalistisch und geradezu steril. Die Figuren hatten nur wenige Details und der Hintergrund war oft ein schlichtes Weiß mit ein paar wenigen Bäumen und Gebäuden – wie clever war es dabei doch, die Geschichte hoch im Norden Alaskas spielen zu lassen. Eine Region, die geprägt vom weißen Schnee ist. Schließlich kam es auf das Bild schon lange nicht mehr an. Vielmehr überschritt der Pippikacka-Humor von Stan, Kyle, Kenny und Cartman die Grenzen des guten Geschmacks im Kinderfernsehen und definierte durch diese Art die Grenzen neu.

Natürlich war die Serie nicht die Erste, die diesen Weg ging. Schon BEAVIS & BUTT-HEAD (1993 – 1997) spielten mit den Grenzen. Doch sie überschritten diese selten. Denn trotz des höheren Alters der beiden Hauptfiguren, im Vergleich zu den vier Jungs aus SOUTH PARK, wirkte ihr Humor infantil und ihr Geist beschränkt. Nun kamen zwei neue Elemente zum platten Humor hinzu: Die Tiefgründigkeit und die Gabe zur Reflexion.

Politisches (Under-)Statement vs. Schöne Bilderbuchwelt
Moderne Zeichentrickserien des Abendprogramms, wie etwa FAMILY GUY (seit 1999), AMERICAN DAD (seit 2005), DRAWN TOGETHER (2004 – 2007) ARCHER (seit 2009) oder KING OF THE HILL (1997 – 2010), erzählen nicht nur Geschichten über Antihelden, die stets die falschen Entscheidungen treffen, sondern sie werden zudem politischer und klinken sich nicht selten in den aktuellen Sozi-kulturellen Diskurs ein. Am Puls schwebend determinieren sie die Norm und führen diese durch einfachste, satirische Mittel ad absurdum. Wer diese oft unausgesprochenen Referenzen an die reale Welt jedoch nicht versteht, dem bleibt oft der nur der lustige Furz und das rüffelnde Schimpfwort, um seinen Unterhaltungspegel aufrecht zu erhalten. Diesen neuen Zeichentrickserien ist es also gelungen, gleich mehrere Generation abzuholen und zu unterhalten. Die Alten Werte aus der Zeit, in der Trick noch gezeichnet wurde, sind vergessen.

 

Heute werden die Kinder durch Animationsserien mit wirren Handlungen abgefertigt. Die neuen Produktionen lehnen sich an die Formate für Erwachsene an und das kindgerechte Fernsehprogramm wird zu einem kunterbunten Comic-Drogen-Trip. Serien, wie JOHNNY TEST (seit 2005) oder COSMO & WANDA (seit 2000) flitzen in ihren Handlungen davon. Und in WINX CLUB (seit 2003) und der neuen MY LITTLE PONY-Serie (seit 2010) blinkt und glitzert es an allen Ecken und Enden. Die Dialoge sind schnell, die Bewegungen hastig. Viele Serien machen den Eindruck, vor sich selbst davon zu rennen und ihr eigenes Episodenende herbei zuschreien. Am Ende scheint die Serie nicht mehr an sich selbst zu glauben. Der Weg in die Ironie ist zum festen Stilmittel geworden. Doch wenn sich keine Serie mehr ernst nimmt, wird sie auch nach außen nicht ernst genommen werden. Die Folge ist eine zynische Kindheit voller scheiternden Helden in einer Comicwelt ohne Konsequenzen. Ist das wirklich das Bild vom Leben, dass wir unseren Kindern heute vermitteln wollen?

Jörg Gottschling

Jörg Gottschling

Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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