ZWEITE CHANCE (2015)

Packendes Drama aus Skandinavien

 

INHALT:

Die beiden Polizisten Andreas (Nikolaj Coster-Waldau) und Simon (Ulrich Thomsen) finden bei einem Einsatz in der verwahrlosten Wohnung eines Junkie-Pärchens ein verdrecktes Baby, das in seinen eigenen Exkrementen schreiend vor sich hin vegetiert. Der Vater (Nikolaj Lie Kaas) ist ein gewalttätiger und aggressiver Psychopath, die Mutter (Lykke May Andersen) liebt ihr Kind, wird aber vom Vater mit Gewalt unterdrückt. Da das Baby gesund ist, gibt es keine rechtliche Grundlage, auf der die Polizisten dem Pärchen das Kind wegnehmen könnten.

Andreas ist selbst erst vor Kurzem Vater geworden und lebt mit seiner psychisch labilen Frau (Maria Bonnevie) in einer kleinen, vermeintlichen Idylle. Eines Nachts stirbt ihr Baby einen plötzlichen Kindstod. Als seine Frau daraufhin zusammenbricht und mit Selbstmord droht, begeht Andreas eine so verzweifelte wie abwegige Tat: Er vertauscht heimlich sein totes Baby mit dem verwahrlosten Kind der Junkies.

FAZIT:

Der zentrale Plan des Protagonisten Andreas, die beiden Babys zu vertauschen, sieht zunächst – ganz pragmatisch betrachtet – nach einem guten Plan mit vielen Vorteilen aus: Das verwahrloste Baby bekommt eine Familie, die sich um es kümmert und dessen Überleben sichert; die psychisch labile Frau von Andreas bekommt ein Kind, das ihr eine psychische Stütze gibt; und die gewalttätigen Junkies kommen wegen Kindesmord hinter Gittern und können anderen Menschen kein Leid mehr antun. Schön, wenn es so einfach wäre…

ZWEITE CHANCE belässt es nicht bei einer solch einfachen Schwarz-Weiß-Malerei, sondern verwischt die Grenzen der Moral, wo es nur geht. Er wirft viele ethische Fragen auf. Ist es moralisch vertretbar, die beiden Babys auszutauschen. Hat jemand das Recht, einer Mutter das Kind wegzunehmen? Es ist bei ZWEITE CHANCE nicht so einfach, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Es ist nicht so einfach, über die einzelnen Figuren und Taten zu urteilen.

ZWEITE CHANCE lässt sich viel Zeit, um die zentrale Situation (den Tausch der Babys) zu entwerfen. Und das ist auch gut so. Die Handlungen der Figuren werden so nämlich allesamt verständlich, das Geschehen folgt logischen Konsequenzen und es wird auch der erst mal etwas abwegig klingende Plot glaubwürdig und nachvollziehbar aufgebaut. Das Drama ist mit viel Ruhe inszeniert, die packende Story und die existenziellen Probleme der Protagonisten lassen den Zuschauer aber trotzdem unruhig auf seinen Sitz hin und her rutschen.

Obwohl ZWEITE CHANCE hauptsächlich ein ruhiges Drama ist, kommt in der Mitte des Films eine dichte Thrilleratmosphäre auf. Kleinigkeiten lassen den Zuschauer aufschrecken, weil er das Auffliegen von Andreas‘ Tat befürchtet. So ist der Standartsatz zum Baby „Der ist aber groß geworden“ plötzlich nicht mehr eine typische Floskel, sondern wird zum Spannungselement, da man Misstrauen heraushört. Man glaubt, der Tausch der Babys sei offensichtlich, und so lauscht man auf jeden Satz, der eine Andersartigkeit des Babys vermuten könnte. Daher ist ZWEITE CHANCE nicht nur ein packendes Drama, sondern auch ein spannungsgeladener Thriller.

Allein das merkwürdig versöhnliche Ende will nicht ganz zum Rest des Films passen. Wo vorher glaubhaft die Ausweglosigkeit und die Verzweiflung regierten, wirkt der Schluss wie ein geradezu überzogenes Happy End. Ansonsten ist ZWEITE CHANCE aber ein ernster und spannender Film, der bis zum Schluss zu fesseln versteht.

Ab dem ist ab dem 17.09.2015 auf Blu-Ray und DVD im Handel erhältlich.

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Prokino Home Entertainment 2015

Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

Letzte Artikel von Benjamin Wirtz (Alle anzeigen)

Comments

comments

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: