VICTOR FRANKENSTEIN (2016)

Alternative Version von Marry Shellys Schauerroman

Wahnsinniger Doktor trifft auf krüppliges Genie zwecks Experimente wider der Natur: In VICTOR FRANKENSTEIN wird ein Schauerromanklassiker auf den Kopf gestellt, durchgeschüttelt und in feinster Popkornkino-Manier ordentlich durchgenudelt. Herausgekommen ist ein unterhaltsames Werk mit vielen Schwächen, aber netten Effekten und ein paar spannenden Momenten.

INHALT:


Er (Daniel Radcliffe) ist bucklig, hat eine krummen Gang, dafür aber keinen Namen und lebt Zeit seines Lebens unter der Fuchtel des bösen Zirkusdirektor. Dabei steckt in ihm mehr als nur ein krüppeliger Clown. Seine größte Leidenschaft ist die Medizin, allen voran die Anatomie des menschlichen Körpers.

Als eines Tages ein aufstrebender, ambitionierter Medizinstudent namens Victor Frankenstein (James McAvoy) im Zirkus auftaucht, erkennt dieser das Potential des Namenlosen. Kurzerhand befreit Frankenstein den Buckligen und macht ihn zu seinen Assistenten für seine unorthodoxen Experimente. Die Rettungsaktion, bei der auch ein Zirkusmitarbeiter starb, wird jedoch zum Untersuchungsgegenstand für die Polizei. Inspektor Turpin (Andrew Scott) übernimmt die Ermittlung und setzt die Aktion im Zirkus in Verbindung mit einigen Einbrüchen, bei denen Körperteile von Tieren abhanden gekommen sind.

Während die Polizei den beiden dicht auf den Fersen ist, erschaffen Frankenstein und sein neuer Schützling, den er Igor nennt, ein Wunder. Ihnen gelingt es, totes Gewebe wieder zum Leben zu erwecken. Ihre Forschung wollen sie in der Universität sofort der Öffentlichkeit präsentieren. Doch nur wenige zeigen Interesse. Das ist aber nicht das einzige Problem: Wer Gott spielt, muss mit den Konsequenzen rechnen – denn das neue Leben lässt sich nur schwer kontrollieren…

FAZIT:

VICTOR FRANKENSTEIN von Regisseur Paul McGuigan (LUCKY NUMBER SLEVIN; 2006) und Drehbuchautor Max Landis (CHRONICLE; 2012/ AMERICAN ULTRA; 2015) ist eine alternative, sehr freie Version des Marry Shelly Schauerromans. Erzählt wird aus der Perspektive des buckligen Gehilfen, der dieser Beschreibung nur am Anfang des Films gerecht wird und schon bald in seiner jugendlichen Schönheit erstrahlt. Auch steht die Erschaffung des Monsters und dessen Leidensweg nicht im Vordergrund. Vielmehr wird Frankensteins Monsters erst kurz vor Ende des Films erschaffen. VICTOR FRANKENSTEIN handelt maßgeblich von zwei Freunden, die ein gemeinsames Ziel haben, jedoch bald unterschiedliche Sichtweisen entwickeln, wie sie an ihr Ziel gelangen können. Wodurch ihre Freundschaft auf die Probe gestellt wird.

Der Film steht in Tradition moderner Hochglanz Gothic-Horrorfilme wie VAN HELSING (2004) oder die beiden SHERLOCK-Filme mit Robert Downey Jr. und Jude Law. Aufgesetzt cool, setzt auch dieser Film auf eine eher unrealistische Kulisse eines viktorianischen Settings, das durch große Actionsequenzen, rasante Kamerafahrten und CGI-Monster das verwöhnte Mainstream-Publikum erreichen möchte. Genau das gelingt VICTOR FRANKENSTEIN auch. Auf der Strecke bleibt dabei aber nicht nur die Tiefe, sondern vor allem der Respekt an ein Meisterwerk.

VICOTR FRANKENSTEIN braucht lang, sehr lange, um überhaupt ins richtige Fahrwasser zu stoßen. Die Szenen im Zirkus dauern eine halbe Ewigkeit. Danach begnügt sich der Film lange damit, den Buckligen in seiner neuen Umgebung einzubetten, bevor man dann endlich zum eigentlich, spannenden Part mit den Experimenten kommt.

Sowohl der Handlungsbogen um die Polizeiermittlung als auch die Liebesgeschichte zwischen Igor und der ehemaligen Artistin Lorelei, gespielt von Jessica Brown Findlay (bekannt aus DOWNTON ABBEY), kratzen an der Oberfläche ihres Potentials. Das ist auch alles nicht sonderlich verwunderlich, denn der Film verlangt von sich selbst viel zu viel. Überall eröffnen sich Baustellen, dessen Auflösungen im Laufe des Films beiläufig und platt daherkommen. Für den Zuschauer äußerst unbefriedigend. Vor allem die Liebesgeschichte, die auch in diesem Hollywood-Film unnötigerweise nicht fehlen darf, wirkt wie ein Fremdkörper, den man auch gut hätte weglassen können und der einzig dazu dient, den verkrüppelten Gehilfen des Wahnsinnigen Mediziners menschlicher als seinen „Meister“ wirken zu lassen.

Beide Hauptdarsteller liefern eine solide, wenngleich altbekannte Leistung ab: Denn das James McAvoy einen Wahnsinnigen spielen kann, hat er bereits in den neuen X-MEN-Filmen und viel mehr noch in DRECKSAU (2013) bewiesen. Auch hier mimt er wieder den Rücksichtlosen, der sogar wortwörtlich über Leichen geht, um seine Ziele zu erreichen. Diese Rolle nimmt man McAvoy also sofort ab. Ihm gegenüber sehen wir einen eher schwachen Daniel Radcliffe, der einmal mehr den viel zu braven, wenngleich körperlich gebeutelten, Gutmenschen darstellt. Ein wenig mehr Dreck im Gesicht und im Mundwerk, so wie wir es schon in HORNS (2015) erleben durften, hätte seiner Rolle gut getan. Auch wenn diese dann nicht mehr zum Film gepasst hätte. Aber wer sagt auch, dass ein Film immer Helden braucht?

Das Ende wird schließlich recht fix abgehandelt. Statt auf die Story eines einfühlsamen Monsters auf der Suche nach Bestätigung im Leben einzugehen, wird kurzerhand noch am Ort der Schöpfung mit brutale Mittel der Kampf gegen die Kreatur aufgenommen. Eine sehr zerstückelte Version von der Vorlage ist entstanden, die dem Kern des Orignials in keinster Weise gerecht wird.

Eine Szene, die nachhaltig richtig Eindruck gemacht hat, ist ausgerechnet eine von denen, die herausgeschnitten wurde, sich aber unter den Extras der Blu-Ray finden lässt: Ein Experiment an einem verstorbenen Baby. Die Szene war aber wohl zu krass für einen Horrorfilm, der für ein breites Publikum konzipiert wurde. Und so flog ausgerechnet diese wirklich sehr sehenswerte, emotionale Szene heraus. Wer sich für den Kauf des Films entscheidet, sollte hier unbedingt mal einen Blick hinwerfen.

VICTOR FRANKENSTEIN ist kein absolut schlechter Film, aber eben auch kein besonders Guter. In solider Hollywood-Manier wurde ein effektvoller, Star-besetzter Film abgeliefert, der kurzweilig-unterhaltsam ist. Ohne viel Respekt für die Vorlage, dafür aber mit dem ein oder anderen kessen Spruch sowie den Versuchen, sich auf gruselige Horrorpfade zu begeben ohne dabei wirklich eklig zu werden, ist der Film konzipierte Konserve für den Massenmarkt. Dabei eckt er nicht an, bietet den ein oder anderen spannenden Moment und fährt entlang einer soliden Unterhaltungslinie. Wem das gefällt, der wird sehr viel Spaß haben.

VICOTR FRANKENSTEIN ist ab dem 22.09.2016 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial 20th Century Fox Home Entertainment 2016

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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