UNKNOWN USER (2015)

Found-Footage Horror der modernen Generation

INHALT:

Nachdem ein sehr peinliches Partyvideo von der Schülerin Laura im Netz aufgetaucht war, begann ein heftiges Cyber-Mobbing, woraufhin die Teenagerin in der Öffentlichkeit Selbstmord beging. Genau ein Jahr später, an ihrem Todestag, führen sechs Mitschüler eine ihrer üblichen Skype-Konferenzen. Doch plötzlich schaltet sich ein Fremder in das Gespräch ein und bedroht die Teenager über den Chat. Nach kurzem Nachforschen stellen die sechs Freunde fest, dass es sich bei dem Fremden um Lauras Account handelt. Ist etwa die Tote wiedergekehrt, um sich an den Mitschülern zu rächen? Denn jeder der Jugendlichen hat ein dunkles Geheimnis. Ein tödliches Spiel beginnt…

FAZIT:

Ob verlassenes Haus (etwa SHINING, 1980, HALLOWEEN: RESURRECTION, 2002), unterirdisches Labor (RESIDENT EVIL, 2002) oder Fahrstuhl (DEVIL, 2010) – Horrorfilme suchen sich immer wieder neue, räumlich begrenzte Orte, um die Ausweglosigkeit und die Gefahr für die Protagonisten zu verdeutlichen. UNKOWN USER führt dies einen Schritt weiter in die moderne Zeit: Schauplatz ist hier die virtuelle Welt. Der Film erzählt das Geschehen aus der subjektiven Online-Perspektive: Man sieht nur den Bildschirm der Protagonistin Blaire – ihre Mausbewegungen, die Internetseiten, die sie aufruft, ihre (Video-)Chatfenster, Musikdateien und ihren Facebook-Account. Diese eingeschränkte und für den Zuschauer sehr vertraute Sicht (schließlich sitzt jeder täglich vorm PC und kennt das Nutzungsverhalten genau) ist der eigentliche Reiz und die Innovation von UNKOWN USER.

Die Vorgeschichte wird mit YouTube-Videos und Online-Zeitungsartikeln erzählt. Die Protagonisten sieht man ausschließlich während Video-Chats in kleinen Fenstern, wie sie vor der Webcam ihres PCs sitzen und auf die Geschehnisse reagieren – teilweise alle sechs gleichzeitig nebeneinander. Die Schauspieler zeigen eine für das Genre eher unübliche, intensive Qualität. Es ist nur überraschend, wie schnell die Teenager akzeptieren, dass es sich bei dem Unbekannten im Skype-Chat nicht etwa um einen Hacker, sondern um den Geist der toten Laura handelt.

Abgesehen von seiner neuen Herangehensweise folgt der Film allerdings dem gewöhnlichen Horror-Schema. Er mischt seine ICH WEIß, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST (1997)-Story mit modernem Found-Footage Horror. Viele Erzählstrategien sind aus zahlreichen anderen Horrorfilmen bekannt, etwa die aus SAW (2004) entlehnte „Ich will ein Spiel spielen“-Einstellung des Bösen. Man könnte sich außerdem fragen, warum ein Geist gerade das Internet nutzt, um seinen Racheplan durchzuführen – aber solche Fragen führen in diesem Genre zu nichts.

Wer bei UNKOWN USER Gore- oder extreme Splatter-Szenen erwartet, erkennt schon an der FSK ab 12 Freigabe, dass der Film nicht auf Gewaltszenen, sondern auf eine gruselige Atmosphäre setzt. Und in der Tat erzeugt UNKOWN USER stellenweise eine erstaunlich intensive Spannung, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass uns das Bild der Computerbedienung aus dem Alltag so extrem vertraut geworden ist. Auch trägt zu der oft fesselnden Stimmung bei, dass die sechs Freunde, wie sich rausstellt, nicht gerade gute Freunde sind: Alle haben sich schon gegenseitig betrogen, belogen und im Internet übereinander gelästert, und so sind sie auch gerne dazu bereit, in ihrer Gefahrensituation die anderen „Freunde“ zu verraten und auszuliefern. Daraus könnte man eine Kritik an den oberflächlichen und falschen Freundschaften, die durch die Kommunikation in der virtuellen Welt entstehen, herauslesen – oder man sieht es einfach als dramaturgische Taktik an, um mehr Spannung und größere Schock-Momente in den Film einzubauen.

Einen größeren Eindruck als durch den Geist, den Grusel und die Morde hinterlässt UNKOWN USER dadurch, dass er noch einmal verdeutlicht, wie ungeschützt man in der virtuellen Welt eigentlich ist, wie sehr man Hackern ausgeliefert sein kann, und wie wichtig die Kommunikation im Internet über Chat-Foren und soziale Netzwerke für Teenager heute ist. Cyber-Mobbing und die oft tragischen Folgen werden vom Film zwar thematisiert, doch dienen sie mehr als Aufhänger für die Story denn als eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem wichtigen Thema.

So ist UNKOWN USER aufgrund seines neuen, ungewöhnlichen Stils zunächst interessant und kann auch durchaus zwischendurch Gruselstimmung und Spannung erzeugen, verliert sich aber häufig in den typischen und bekannten Horrorfilm-Klischees.

Der Horrorfilm UNKOWN USER startet am 16.07.2015 in den deutschen Kinos.

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

 

 

Quelle: Pressematerial Universal Pictures 2015

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Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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