DOWNSIZING (2018)

Verschrumpfte Gesellschaftskritik mit Biss

Mit DOWNSIZING läuft derzeit eine Komödie in den Kinos, die auf süffisant-bissige Weise das aktuell größte Problem der Menschheit angeht: Die Ressourcenknappheit. Die wird kurzerhand dadurch gelöst, dass man Menschen schrumpft. Denn wir wissen ja, der kleine Mann braucht nicht so viel. Das damit aber ein Haufen neuer und eine Menge alter Konflikte vorprogrammiert sind, wurde leider nicht bedacht.

 

INHALT:

Wir sind zu viele – viel zu viele. Die Ressourcen der Erde reichen für alle Menschen einfach nicht mehr aus. Also suchen führende Wissenschaftler nach einer Lösung. Nach Jahrzehnten hat man diese endlich gefunden: Es gelingt in einer ersten Versuchsreihe Ratten zu verkleinern. Der Schritt zum Menschen war dann nicht mehr weit. Und so wurde die erste Kolonie von Miniaturmenschen gegründet. Die benötigen nicht viele Rohstoffe, sind sie schließlich nicht größer zehn Zentimeter.

Nach und nach entstehen in den folgenden Jahren immer mehr Kolonien auf der ganzen Welt. Im großen Stil wird für das kleine Leben geworben. Denn das birgt echt Vorteile für jeden. So bleibt man Teil der Weltwirtschaft, doch nun sind die eigenen Ersparnisse viel mehr wert. Denn man benötigt weniger Essen, weniger Strom und einen kleineren Lebensraum. Die Kleinen wohnen in riesigen Villen und lassen es sich gut gehen.

Von diesem Leben träumt auch der Physiotherapeut Paul Safranek (Matt Damon). Gemeinsam mit seiner Frau (Kristen Wiig) möchte er den Schritt in die Miniaturwelt wagen, ein besseres Leben beginnen und damit auch noch etwas für die Umwelt tun. Alle Vorbereitungen werden getroffen und der Prozess des Downsizing steht unmittelbar bevor. Doch dann macht seine Frau einen Rückzieher und er steht plötzlich alleine da – klein wie er nun ist.

Nach der anschließenden Scheidung wird aus seinem neuen, schönen Leben der selbe Trott, den er schon in groß hatte. Soll das wirklich seine Zukunft gewesen sein? Und hat der Menschen überhaupt noch eine Zukunft?

FAZIT:

DOWNSIZING ist eine bissige Gesellschaftssatire mit bitterem Nachgeschmack. Denn so sehr der Film auf Humor als leichtfüßig-tragende Komponente setzt, so tiefgründig argumentiert er auf der Metaebene das Fehlverhalten der Menschen von gleich mehreren Standpunkten aus.

Wir lernen einen einfach Mann aus der amerikanischen Mittelschicht kennen. Es geht ihm gut, aber nicht überragend. Er liebt seinen Job, doch sein eigentlicher Berufswunsch blieb ihm versagt. Amerika – das Land der unbegrenzt-geplatzten Träume, in dem sich die großen Konzerne immer etwas neues einfallen lassen, um Profit zu generieren. Der neuste Schrei ist das „Downsizing“. Der Mensch wird kleiner und lebt dadurch besser. So die Versprechungen. Doch die kleine Welt ist ein wilder Westen, von dem vor allem die profitieren, die diesen neuen Markt erschließen. Es stimmt, der kleine Mann kann hier wahrlich ganz groß werden. Aber der Fall ist umso tiefer.

Denn Downsizing wird nicht nur im positiven genutzt: In anderen Länder ist es ein Mittel der Bestrafung. Die Folge: Millionen kleine Menschen wandern illegal in die großen Industriestaaten ein. Eine Anspielungen auf ein brisantes Thema unserer Welt. Diese Flüchtlinge sind alle mittellos. Das süße, schöne Zwergenleben bleibt ihnen verwehrt. Und doch kommen sie genau richtig: Denn auch in Zwergenhausen möchte der große, kleine Mann jemanden haben, der ihm den Boden saugt und ihm die Wäsche wäscht.

Aus der Lösung eines globalen Problems wird ein Abbild der großen Welt. Wer hätte schon geglaubt, dass man mit der Körpergröße auch den Menschen verändern könnte. Nein, die Ausbeutung geht weiter. Obendrein rebellieren die Großen gegen die Kleinen. Neue Konflikte tun sich auf und das kurz vor einem Ereignis, das ohnehin alles ändern wird. Ja, die Menschheit hat noch nicht begriffen, dass sie sich ihrem Ende zuneigt – und dass in einer Rekordzeit. Die Krone der Schöpfung hat versagt.

Dieser Erkenntnis erliegen wir resignierend und belustigt, indem wir Matt Damon zusehen. Sein Charakter hat sich aus egoistischen Motiven zum Kleinsein entschieden – wie so viele andere auch. Unter dem eingeredeten Deckmantel, etwas gutes zu tun, findet er sich in einer Welt wieder, die eben doch nicht besser ist. Doch er ist Teil von etwas Größerem. Er kann etwas ändern: Sich selbst! Das tut er auch, was wohl das stärkste Statement in DOWNSIZING ist.

Wichtig dabei ist, dass der Hauptcharakter ein Joe Sixpack ist. Der einfache Mann kann wortwörtlich im Kleinen etwas bewirken, wenn auch nichts groß verändern. Sein Werdegang als Zwerg ist ein Prozess des steten Scheiterns. Wie eine Rückspurtaste des American Way of Lifes lernt Paul das Leben von einer neuen Seite kennen. Zunächst wird er durch seinem lauten, Party-hungrigen Nachbar Dusan Mirkovic (Christoph Waltz) und dessen Kumpel Konrad (Udo Kier) in eine verheißungsvolle Welt hin eingesogen, nur um dann durch eine Asiatin geläutert zu werden.

Hong Chau als asiatische Zwergenputzfrau Ngoc ist einfach köstlich. Ihre ruppige Art, die stets mit einem Kommandoton einhergeht, verleiht Matt Damons Charakter etwas machtloses, unterwürfiges. Der Kontrast zwischen dem durchaus gebildetem Mann und der geflüchteten Chinesin sorgt für die meisten Lacher. Das Männerduo Udo Kier und Christoph Waltz komplettiert das Vierergespann. Kier, als eher ernster zurückhaltender Charakter und Waltz als bunter Papagei im permanenten Partyrausch ergänzen sich dabei ebenso wie Damon und Chau. Waltz spielt hier einmal mehr den komischen Lebemann, der mit einer Mischung aus schmierigem Charme und aufgesetzter Heiterkeit die Welt der kleinen Leute mit seinen durchtriebenen Machenschaften unterwandert und sich wahrlich einer Welt nach seinem Vorstellungen erschafft.

DOWNSIZING macht klar, dass der Topf Gold auch als Zwerg nicht für jeden zu haben ist. Im Gegenteil: Selbst mit neuen Lösungen für die Probleme der Menschheit, ändert sich dadurch nicht der Mensch selbst. Es bedarf eine gemeinsamen Linie. Und die braucht Ideale, an die man sich hält. Laut Film hat der Norden sie erkannt – doch die westliche Welt lebt weiter einen Traum.

Dieser Prozess des Scheiterns im gesellschaftskritischen Kontext ist so komisch, wie bitter und trifft dadurch genau die richtigen Synapsen beim Publikum, um sich mit den Themen auseinanderzusetzen, aber nicht durch einen erhobenen Zeigefinger auf das nahende Ende der Welt vorbereitet und durch die eigene Schuldfrage bedroht zu werden. Nein, DOWNSIZING ist immer noch eine Komödie, sogar mit Happy End – jedenfalls von einem gewissen Standpunkt aus.

DOWNSIZING von Alexander Payne läuft seit dem 18.01.2018 in den deutschen Kinos.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Paramount Pictures

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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