OKJA (2017)

Genmanipulierte Schweinerei & gefühlvolle Freundschaft

Was ist OKJA? Ein gute Frage. Denn so recht kann man diesen Netflix-Film keiner Genre-Schublade zuordnen. In jedem Fall aber ist der Film komisch, gesellschaftskritisch und er greift den Irrsinn unserer Ernährungsindustrie an. Entsprechend surreal und überzeichnet kommt er daher. Dabei ist der Film gleichzeitig Satire wie Drama. Diese Mischung kennen wir schon aus WAR MACHINE. OKJA setzt dabei auf eine Tier-Mensch-Freundschaft, die richtig ans Herz geht.

INHALT:

Ein Aufschrei zieht Kreise: Die Menschheit möchte ernährt werden und der Konsum von Fleisch ist zu einem alltäglichen Must Have geworden. Doch es findet gerade in den westlichen Ländern ein umdenken statt und der Protest gegen Massentierhaltung wird immer lauter. Große, erfolgreiche Fleischkonzerne müssen sich etwas neues einfallen lassen, um einerseits den Bedarf zu decken und andererseits ökologisch, nachhaltig und mit reinem Gewissen zu produzieren.

Das Unternehmen Mirando Corporation, an dessen Spitze die Pseudo-Idealisten Lucy Mirando (Tilda Swinton) steht, kam dabei auf eine grandiose Idee: Sie haben ein genmanipuliertes „Superschwein“ entwickelt, dass nur wenig Nahrung und noch weniger Ausscheidungen, dafür umso mehr köstliche Fleisch erzeugen. Als Image-Kampagne werden 26 dieser Tiere an Kleinbauern in aller Welt verteilt, die zehn Jahre lang die Tiere völlig natürlich aufwachsen lassen sollen. Das schönste und größte Superschwein soll vom schmierigen Tierdoku-Star Johnny Wilcox (Jake Gyllenhaal) gekrönt und dann in einer großen Parade der Welt präsentiert werden. So weit, so gut. Das der Konzern insgeheim natürlich bereits mit der Massentierhaltung der Superschweine begonnen hat, steht außer Frage.

Eines dieser Superschweine ist Okija. Das klobige, liebenswerte Tier wächst bei Mija (Seo-Hyun Ahn) und ihrem Großvater fern ab jeglicher Zivilisation auf und ist der beste Freund des Mädchens. Als die zehn Jahre um sind, wird das Schwein vom Konzern mitgenommen. Und als Mija klar wird, was aus ihrer Freundin Okija werden soll, ist sie fest entschlossen, das Schwein aus den Fängen des Unternehmens zu befreien.

Dabei erhält sie überraschende Unterstützung von einer radikalen Tierschutzorganisation (Paul Dano, Lily Collins, Stvene Yeun, Devon Bostick, Daniel Henshall). Diese hat jedoch einen riskanten Plan, der wiederum die Machenschaften des Fleischkonzerns aufdecken soll…

FAZIT:

OKJA ist in vielerlei Hinsicht ein zweischneidiges Schwert. Aber eines, dessen beide Seite scharf sind. Bisher scheint der Film auch die aufwendigste Eigenproduktion des Streamingdienstes Netflix gewesen zu sein. Und tatsächlich kann er in jeglicher Hinsicht mit jedem anderen Kinofilm mithalten: OKJA bietet eine relevante, spannende, emotionale Story mit witzigen, ungewöhnlichen und interessanten Figuren und obendrein sieht der Film auch noch richtig gut aus und holt durch seine asiatisch-amerikanische Mischung auch noch eine Menge Zuschauer ab.

Im Vordergrund steht ein junges, aber taffen Mädchen, dass Zeit ihres Lebens in der abgeschiedenen Natur zusammen mit einem gigantischen Schwein und ihrem Großvater gelebt hat. Sie ist die Unschuld in Persona. Doch sie ist nicht auf den Kopf gefallen. Vielmehr kämpft sie verbissen darum, ihre Freundin wieder zurückzubekommen und wird dadurch in einem Kampf zwischen einem Multimilliarden-Dollar-Unternehmen und eine idealistischen Tierschutzorganisation hineingezogen. Beide Seiten dieser Konfrontation sind dabei überzeichnet und ebenso bipolar, wie der ganze Film:

Tilda Swinton ist in einer Doppelrolle mit leichtem Überbiss und strenger Kurzhaarfrisur zu sehen. Beide Rollen, die Zwillingsschwestern sind, sind sich ähnlicher als sie zugeben wollen. Während die eine gerade den Konzern leitet und sich verkrampft ein ehrliches, sympathisches Image erarbeitet, tatsächlich aber insgeheim eher Hohn und Spott erntet, zeigt sich die andere authentisch, aber skrupellos. Beide sind harte Geschäftsfrauen, denen jedes Mittel recht ist, um ihren Profit zu erhöhen.

An Swintons Seite steht Jake Gyllenhall, den man mittlerweile als Meister der Verwandlung ansehen kann. Er mimt diesmal den Clown des Films. Als abgehalfterter Tierdokumentarfilmer mit einstigen Kultstatus mag er vielleicht viel über Tiere wissen. Doch der einfühlsame Tierversteher ist er nicht. Vielmehr sind seine Star-Allüren bereits soweit ausgeprägt, dass er sich nicht ums Tier, sondern nur um sich schert. Obendrein ist er verbittert. Denn seine besten Tage sind definitiv vorbei. So entwickelt er sich zu einem Monster, der nichts gutes mehr im Sinn hat.

Auf der anderen Seite steht eine kleine, aber sehr gut organisierte Band von Aktivisten. Ihr Anführer ist ein adrett gekleideter, idealistischer Gentleman (Paul Dano), der sich ohne Gewalt und dafür mit viel Köpfchen für den Tierschutz einsetzt. Seine Mitstreiter sind so bunt, wie man sich einen Haufen Aktivisten eben vorstellt. Wir haben einen Technik-Freak, solide gespielt von THE WALKING DEAD-Star Steve Yeun, einen abgemagerten Essensverweigerer (Devon Bostick), sehr taffe Frauen mit bunten Haaren (Lily Collins) und einen bärtigen Holzfäller-Typen (Daniel Henshall). Ihnen gilt so manche Sympathie des Films. Doch auch so manche Aktion der Aktivisten wird sehr eindringlich in Frage gestellt.

In OKJA gibt es also keine wirklich gute Seite. Der Film zeigt vielmehr in schönen Bilder unverblümt, dass alle Seiten Fehler begehen. Und so ist es schon der erste Fehler, überhaupt daran zu denken, ein Lebewesen für seine Zwecke umzuformen: Ein Superschwein, dass kaum Ausscheidungen, dafür aber umso mehr delikates Fleisch produziert und ein gutes Leben hat? Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Und natürlich sieht auch die Realität im Film anders aus: Massentierhaltung bestimmt auch bei Superschweinen das Angebot. OKJIA macht ganz deutlich: Wer A will, muss auch B in Kauf nehmen. Immer! Bei der Fleischproduktion, möchte man die ganze Welt damit ernähren, kann es kein Richtig geben – außer, man verzichtet ganz darauf.

Dieser Einsicht prägt den Film bis zum Ende. Denn ist so bitter wie wunderschön. Ohne näher ins Detail zu gehen, lässt sich hier weder ein Happy noch ein Bad End klar abstecken. Die Diversität des Films zwischen ernstem Gesellschaftsdrama und Familienfilm bleiben also bis zu letzt erhalten. Das beweist einmal mehr, dass OKJIA optisch schön ist und von der Geschichte her gekonnt ausgefeilt wurde.

OKJA steht bei Netflix für Abonnenten zum Abruf bereit.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Netflix 2017

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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