STILL ALICE (2014)

Wenn Erinnerungen zu grauen Schatten werden

 

Was ist schlimmer als der Tod? Müsste ich die Frage ernsthaft beantworten, würde ich wohl damit antworten, dass ein Leben ohne Erinnerungen an dieses wahrscheinlich sogar noch schlimmer wäre. Denn was nützt es, am Leben zu sein, wenn man nicht mehr in der Lage ist, auf das zurückzublicken, was einem in all seinen Jahre des Lebens widerfahren ist, was einen geprägt und ausgemacht hat. Julianne Moore erleidet in STILL ALICE genau dieses Schicksal und brilliert in ihrer Ambivalenz aus starker Karrierefrau und gebrochener Alzheimerpatientin.

INHALT:

Alice Howland (Julianne Moore) ist eine der führenden Sprachwissenschaftlerin der Welt. Als Professorin an der Uni füllt allein ihr Name Kurse und Seminare. Sie ist eine gefragte Rednerin auf Kongressen und ihr Buch gilt als Standardwerk in der Wissenschaft. Als Mutter von drei Kindern ist es ihr obendrein gelungen, ihre erfolgreiche Karriere mit ihrem Familienleben im Einklang zu bringen.

Während ihre jüngste Tochter Lydia (Kirsten Stewart) von einer Schauspielkarriere träumt, plant ihre Älteste Anna (Kate Bosworth) ein Baby. Ihr Sohn Tom (Hunter Parrish) scheint hingegen noch auf der Suche zu nach seinem Platz im Leben zu sein und wechselt in regelmäßigen Abständen seinen Freundinnen. Typische Familienkonflikte sind bei all dem vorprogrammiert. All die kleinen Streitigkeiten, all der Zwist tritt jedoch ab dem Zeitpunkt in den Hintergrund, als bei Alice ein Frühstadium von vererbten Alzheimer diagnostiziert wird.

Was sich zunächst in dem Vergessen einzelner Wörter und Termine sowie einer Orientierungslosigkeit äußert, wird im Laufe der Zeit zu einem undurchdringlichen Schleier. Die intelligente Professorin verschwindet nach und nach und eine gebrochene, verzweifelte Frau bleibt, die im Leben so viel erreicht hat und sich daran nur noch schemenhaft erinnern kann. Eine Herausforderung für die ganze Familie, bei der jeder Einzelne über sich hinaus wächst.

FAZIT:

STILL ALICE ist ein emotional packendes Drama, das mit dem Zuschauer die Stadien einer Alzheimerpatientin durchläuft und in einfühlsamem Bilder eingebettet kein Blatt vor dem Mund nimmt. So ist die Diagnose und der Ausbruch dieser Krankheit nicht nur ein folgenschwerer Einbruch in das Leben des Kranken, sondern auch eine Herausforderung für die gesamte Familie. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit liegen in diesem Drama oft nahe beieinander und wird durch ein hin und her gerissenes Verhalten aller Figuren deutlich. STILL ALICE zeigt auf, dass eine so schwerwiegende Krankheit alle Betrifft und es doch noch lange nicht das Ende bedeutet muss.

Hauptdarstellerin Julianne Moore erhielt für ihr Rolle am Anfang dieses Jahres einen Oscar. Diesen hat sie mehr als verdient, denn der Wandel von einen starken, intelligenten Frau zu einer hilflosen Patientin ist ihr überzeugend gelungen. So zeigt sich das Fortschreiten der Krankheit anfangs nur in kleinen Symptomen, die sich wiederum in ebenso kleinen Gesten bei Moore abzeichnen. Gegen Ende ist ihr das Elend und die Orientierungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Ihre Dialoge werden kürzer, doch sie muss auch nichts mehr sagen, denn man sieht ihr am Gesicht an, dass sie sich nur noch schemenhaft an ein aufwühlendes, bereicherndes Leben erinnern kann. Umso schlimmer wiegt hier die metaphorische Tatsache, dass ausgerechnet einer intelligenten Frau, die sich Zeit ihres Lebens mit der Kommunikation zwischen Menschen beschäftigt hat, plötzlich die Wörter ausgehen.

Kirsten Stewart, sonst eher bekannt für ihre eintönig-melancholische Schauspielkunst, versucht hier als verlorene Tochter aufzublühen. Sie erhielt in STILL ALICE die dankbare Rolle eines Freigeistes, der von einer Schauspielkarriere träumt und als schwarzes unverantwortungsvolles Schaf abgeschrieben wird, am Ende jedoch die Initiative ergreift und in der Stunde der Not für ihre Mutter da ist. Leider blieb ihre Rolle hinter dem Potential – Stewart, die sich wahrlich bemüht, kann man hier jedoch keine Schuld geben, denn wenn ein Drehbuch vorsieht, dass die Hälfte ihrer Spielzeit vor einem Laptop-Rechner stattfindet und sie selbst physisch nicht anwesend ist, kann sich auch keine Rolle vollends entfalten.

Mehr Raum bekam dafür Alec Baldwin als Ehemann John Howland, der sich als Alice Mann vornehm zurücknahm. Seine Figur fungiert einerseits als rationaler Ruhepol, der sich fürsorglich um seine Frau kümmert. Andererseits eckt die Figur auch an, da sich ausgerechnet der Ehemann überfordert mit der Situation in seine beruflichen Verpflichtungen verliert. Nur eine weitere der Ambivalenzen im Verhalten der Familienmitglieder, die STILL ALICE gut tun und zu einer authentischen, lebensnahen Geschichte machen.

STILL ALICE ist seit dem 31.07.2015 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Polyband 2015

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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