ST. VINCENT (2014)

Heilige sind eben auch nur Menschen

Stell Dir vor, Du bist der letzte Dreck: Unsozial, intolerant und unsympathisch. Dann kommt ein kleiner Junge und sieht in Dir sogar eine Person, zu der man aufblicken kann. Du wirst zur Vaterfigur – zugegeben: zu einer schlechten, aber einer mit viel Herz. Es hat nur für dich selbst aufgehört zu schlagen. Vincent ist genau so jemand und das hier ist seine Geschichte:

INHALT:
Er säuft, er spielt und ist chronisch Pleite: Doch in Vincent (Bill Murray) steckt mehr als nur ein verbitterter alter Mann. Er weiß es nur selbst noch nicht. Vielmehr hat er es in all den Jahren, in denen er allein für sich war und sich vom Leben verabschiedet hat, völlig vergessen.

Als der kleine Oliver (Jaeden Lieberher) mit seiner Mutter Maggie (Melissa McCarthy) in das Nebenhaus einzieht, sieht er in den neuen Nachbarn zunächst wieder nur einen Anlass sich über die Störung seiner kleinen Welt zu beschweren. Kein Wunder, denn kaum fährt der Umzugswagen vor, ist Vincents Vorgartenzaun hinüber. Wer Schuld hat? Ganz klar die anderen (auch wenn das nicht stimmt).

Dabei verläuft auch Maggies Leben alles andere als glatt: Vor kurzem hat sie sich von ihrem Mann getrennt und versucht nun mit ihrem Sohn ein neues Leben zu beginnen. Da sie tagsüber als sehr lange in einem Krankenhaus arbeiten muss, hat sie nur wenig Zeit, sich um Dingens zu kümmern. Er könnte jedoch gut eine Unterstützung gebrauchen. Denn gleich an seinem ersten Tag in der neuen Schule, werden ihm nach dem Sportunterricht seine Kleidung, sein Handy und sein Schlüssel geklaut.

Kaum zu Hause angekommen, steht Oliver vor verschlossener Tür. So weiß sich der Junge keinen anderen Rat, als bei seinem grimmigen Nachbarn zu klingeln. Vincent zeigt eigentlich keine Ambitionen, den Jungen bei sich aufzunehmen. Und doch lässt er ihn hinein. Aus dieser Ausnahme wird, nach einer kurzen Abmachung zwischen Vincent und Maggie, die aus der Not geboren wird und einem Pakt mit dem Teufel gleicht, die Regel und Vincent wird zum Babysitter wider Willen – Dabei passt ihm das eigentlich überhaupt nicht. Schließlich hat er Dinge zu erledigen: In der Bar mit den Kumpels abhängen, sein wöchentlicher Termin bei Stripperin Daka (Noami Watts) oder auf der Pferderennbahn noch mehr Schulden machen, zum Beispiel.

Aus Unwillen entsteht jedoch bald eine seltsame Freundschaft, die ihr Wirkung zeigt: Im Rahmen eines Schulprojekt muss Oliver einen Heiligen in seinem Umfeld vorstellen. Dass seine Entscheidung ausgerechnet auf Vincent fällt, scheint zunächst wie ein schlechter Scherz. Doch umso mehr Oliver über das Leben von Vincent erfährt, desto mehr wird klar, dass dieser alte Mann mit den schlechten Marotten wohl einer den besten Menschen auf der Welt ist…

FAZIT:
VINCENT von Regisseur und Drehbuchautor Theodore Melfi ist eine schwarze Komödie mit manchmal sehr bösen, aber auch vielen emotionalen Momenten. Der Film erzählt von der Freundschaft zwischen einem alten, verbitterten und verlotterten Mann und einem kleinen, schwachen Jungen, die zu ungleichen Weggefährten werden. Melfi ist es gelungen, punktierten, derben Witz in eine eigentlich traurige, subtil-emotionalen Geschichte zu verweben ohne dass sich beides gegen einander aufhebt.

Der Film trägt einen melancholischen Unterton. Eigentlich ist jeder einzelne Charakter am Boden (Vincent hat Schulden; Oliver wird gemobbt; Maggie hat sich geschieden; Daka ist schwanger), doch trotz dieser niedergeschlagenen Ausgangssituation gelingt immer wieder durch Ignoranz, aber auch durch Akzeptanz und Überwindung ein Ausbruch aus der persönlichen Misere. Die bunt zusammengewürfelte Gemeinschaft stärkt dabei jeden einzelnen von ihnen und wird begleitet von einem zynischen Galgenhumor und der Verkehrung eines miesen Menschen zu einem christlichen Heiligen. Die größte Stärke des Films.

Damit einhergehend karikiert ST. VINCENT auch den Glauben und die urbanen Klosterschulen, in denen schon lange nicht mehr nur Christen die Schulbank drücken dürfen, sondern auch Buddhisten, Muslime oder eben, wie in Olivers Fall, Juden willkommen sind. Kein Kind bleibt dabei jedoch verschont die Lehre von den katholischen Heiligen einer Gehirnwäsche gleich aufnehmen zu müssen – Bildung ist eben das, was man selbst darunter versteht.
Diese Devise hat auch Vincent, der mit seinen unorthodoxen Mitteln den kleinen Oliver für das Leben fit macht, indem er ihm das Kämpfen beibringt und mit auf die Pferderennbahn nimmt. So wie das Leben immer gute und schlechte Zeiten hat, hat auch die Erziehung eines Kindes immer zwei Seiten. Und keine davon ist die Perfekte.

Bill Murray (MONUMENTS MEN; 2014) brilliert als Hauptfigur: Kaum ein anderer Schauspieler schafft es mit so viel süffisanten, trockenen Witz in Gestik und Mimik verpackt, den verbitterten Zyniker heraushängen zu lassen. Trotz seiner moralisch zweifelhaften Aktionen bleibt er vom Anfang bis zum Ende die tragende Sympathiefigur in dieser Komödie. Melissa McCarthy (TAFFE MÄDELS; 2013/ VOLL ABGEZOCKT; 2013) zeigt sich hingegen in ST. VINCENT von einer eher ungewohnt stillen Art. Als alleinerziehende Mutter und Vollzeitarbeitnehmer befindet sie sich mitten in einem Scheidungs- und Sorgerechtskampf. Viel Platz für Spaß bleibt da nicht mehr. McCarthy beweist jedoch, dass sie auch diese zurückhaltenden Rollen meistern kann ohne dabei im Hintergrund des Films zu versenken.

Die Story ist durchdacht und bietet viel Platz für gute Handlungsbögen und Überraschungen. Leider offenbaren sich in der Geschichte jedoch auch einige Lücken, die glücklicherweise durch die Extras in der Heimkinoversion geschlossen werden. So erfährt der Zuschauer beispielsweise erst im Nachhinein durch die „Deleted Scenes“, wie Vincent sein Schuldenproblem gelöst hat. Im Film werden sie schlichtweg totgeschwiegen. Ein unlogisches Unding für jeden aufmerksamen Zuschauer! Und auch die Beziehung zwischen Vincent und der schwangeren Stripperin Daka wird durch die geschnittenen Szenen etwas mehr ausgemalt, wenngleich nicht völlig geklärt. Dieser Einschnitt ist wirklich bedauerlich, denn die herausgeschnittenen Szenen hätten keine neuen Fässer geöffnet, sondern vielmehr essenzielle Lücken im Film geschlossen. Ein klares Manko der finalen Version von ST. VINCENT.

Mal ruhig, mal zynisch, mal ironisch, immer wieder traurig und im Ganzen wundervoll komisch: ST. VINCENT ist, trotz einiger Abstriche, eine liebevolle, schwarze Komödie, die auf vielen Ebenen – vor allem auf der Menschlichen – überzeugt. Der Film mag kein Popkornkino sein, aber er ist amerikanisches Autorenkinos von der feineren Sorte.

Die Tragikomödie ST. VINCENT ist seit dem 29.05.2015 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich. Zusätzlich zum Film werden eine Menge Extravideos (geschnittene Szenen, Making-Of, Interviews) mit nach Hause geliefert.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Polyband 2015

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
Jörg Gottschling

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Ein Gedanke zu „ST. VINCENT (2014)

  1. Das mit den Schulden ist mir auch aufgefallen. Hätte man wirklich besser lösen können. Aber der Rest reicht für einen guten Film. 3,5 von 5 Punkten

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