MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI (2017)

Gemüsenamen & verlorene Kinder

Ungeschönt und doch kindgerecht verpackt ist MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI ein bunter Stop Motion Film von Claude Barras über eine Schar von gezeichneten Kindern, die großen Unglück erlitten haben. Gemeinsam bauen sie sich eine neues Leben auf, dessen freundschaftlicher Zusammenhalt beeindruckt. Optisch ist der Film so knallbunt, wie er in seiner Erzählebene düster ist. So holt MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI sowohl Kinder als auch Erwachsene ab.

INHALT:

Zucchini ist ein ungewöhnlicher Name für einen kleinen, neunjährigen Jungen. Und eigentlich heißt er auch anders, doch seine Mutter nannte ihn immer so. Warum? Wohl aus einer Mischung von Zuneigung und Ignoranz. Denn Zucchinis Mutter ist alkoholsüchtig, sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher und bekommt nicht viel vom Leben mit. Als seine Mutter unter unglücklichen Umständen stirbt, gelangt Zucchini in das kleines Waisenhaus von Madame Papineau.

Dort ist er der Neue und zunächst das Ziel von Hohn und Spott durch Simon. Dieser ist so was wie der Anführer der Kinder. Doch Zucchini setzt sich durch und findet neue Freunde. Zucchini findet zudem Unterstützung bei einem Polizisten, der zu einer Art Ersatzvater für ihn wird.

Eines Tages taucht Camille im Waisenhaus auf. Sofort ist es um Zucchini geschehen: Zum ersten Mal ist er verliebt. Doch sein Glück währt nicht lange, denn Camilles Tante möchte das Mädchen zu sich nehmen. Die jedoch ist alles andere als ein guter Mensch. Und so bedarf es eines ausgefeilten Plans, damit die Kinder beisammen bleiben…

FAZIT:

MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI ist ein Werk, das unterhält und belastet. Direkt im Prolog des Films erleben wir ein großen Schrecken: Die Mutter der Hauptfigur stirbt. Man sieht es nicht, aber man kennt den Schuldigen. Es ist eine traumatische Erfahrung, die wir gemeinsam mit dem erstarrten Zucchini erfahren.

Der Stop Motion Film deutet an, versteckt seine ernsten Momente hinter kindlicher Naivität. Denn die verlorenen Kinder erklären sich ihre Welt selbst. So grübeln sie darüber, welche schrecklichen Erlebnisse dazu geführt haben, dass jeder einzelne von ihnen nun in diesem Waisenhaus ist, oder sie sehen in Polizisten nur Menschen, die Kinder von ihren Eltern trennen und glauben, dass es beim Geschlechtsverkehr zu Explosionen kommt. Diese naive Denkweise verschleiert für den kleinen Zuschauer die Schicksale der Charaktere, gleichzeitig ist es jedoch genau die Erzählebene und Denkweise, die Kinder verstehen. Dadurch wirkt die eigentlich bittere Handlung aber auch putzig und liebenswürdig. Und genau dieser Spagat macht MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI so sehenswert.

Aus anfänglicher Feindschaft wird eine innige Freundschaft: Im Vordergrund des Films steht neben dem weichen, verletzlichen aber mutige Zucchini, der den Tod seiner Mutter verarbeiten muss und in ein neues Umfeld geworfen wird, auch der Rüpel Simon. Dieser hört Heavy Metal, lässt niemanden an sich heran und versucht durch sich durch einen dicken Panzer aus Frechheiten und Ungehorsam vor der Welt zu schützen. Doch in ihm steckt, wie in jedem der anderen Kinder auch, ein Mensch, der sich nach einem Halt im Leben sehnt.

MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI möchte keine seichte, leichte Geschichte erzählen, vielmehr thematisiert er die Schrecken des Alltags: Alkoholsucht, Missbrauch, Armut und Tod. Optisch ist der Film jedoch genau das Gegenteil. Pastellig-knalligen Farben und witzig-überzeichneten Figuren. Während der Schrecken nur angedeutet wird, sind es jedoch gerade die fröhlichen Momente, die ausgemalten werden: Das Spielen der Kinder im Hof, der Ausflug in die Schneebedeckten Berge, die wachsenden Freundschaften und das kleine Gefühlschaos der ersten liebe.

So ist MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI ein Feel-Good-Kinderfilm mit Herz und Mut. Denn selten wurden so direkt ernste Themen angesprochen und noch seltener wurde mit so viel Liebe zum Detail eine kleine Geschichte über kleinen Menschen erzählt, die alles verloren haben und doch in ihrem Verlust eine Chance für einen Neuanfang bekommen. Freut euch also auf ein Happy End aus der Bilderbuch – aber eben auch auf eines, das einen dicken Kloß im Hals zurücklässt.

MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI ist seit dem 25.08.2017 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Quelle: Pressematerial Polyband 2017

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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