MADAME CHRISTINE UND IHRE UNERWARTETEN GÄSTE (2017)

Seichter Culture-Clash zwischen Doppelmoral und Chaos

In MADAME CHRISTINE UND IHRE UNERWARTETEN GÄSTE wird dank Wohnungsnot aus Reich und Arm eine Zweckgemeinschaft wider Willen. Die französische Komödie von Alexandra Leclère ist eine von vielen Komödien dieser Art und setzt sich darin auch nicht ab. Das macht den Film nicht schlecht, aber eben auch nicht besonders.

 

INHALT:

Es herrscht Wohnungsnot und der Winter hat Paris im Würgegriff. So kalt, wie dieses Jahr war es noch nie. Und so beschließt die soziale Regierung ein Gesetz, dass die Pariser Oberschicht im Kern trifft: Bevor die arme Bevölkerung den Kältetod stirbt, sollen Familien mit großen Wohnung andere aufnehmen.

Für Christine Dubreuil (Karin Viard) und ihren Mann Pierre (Didier Bourdon) bricht damit die heile Upper Class Welt zusammen. Ohnehin haben die beiden Eheprobleme und nun sollen auch noch Schmarotzer bei Ihnen einziehen. Das muss verhindert werden – erfolglos!

Auch bei der in intellektuellen Nachbarsfamilie Bretzel (Valérie Bonneton und Michel Vuillermoz) herrscht eine Sinnkrise. Beide verstehen sich als „Linke“. Doch sie haben sich in ihrem künstlerisch-akademischen Haushalt eingerichtet. Ihre reaktionären Tagen liegen hinter ihnen. Und dann wäre da noch der wohlhabende Gentleman, der sich in seiner Samariterrolle gefällt, ja ganz neue Seiten an sich entdeckt – der homosexuelle Untermieter hat es ihn angetan.

In all dem neuen Chaos wachen die Bewohner des Hauses aus ihrem Trott auf und erkennen, wie schön es sein kann, fremden Menschen zu helfen und diese in ihr Leben zu lassen…

FAZIT:

Mit MADAME CHRISTINE UND IHRE UNERWARTETEN GÄSTE schwimmt eine neue französische Komödie auf dem Fahrwasser gesellschaftspolitischer Unterhaltungskomödien. Tatsächlich könnte man nach HEUTE BIN ICH SAMBA, MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER, NUR EINE STUNDE RUHE, HEREINSPAZIERT, EIN DORF SIEHT SCHWARZ und wie diese Filme alle heißen, meinen, dass Frankreichs Filmindustrie nichts mehr anderes kann. Inflationär werden auch in diesem Film die Motive des Culture Clash, der Doppelmoral und des Alltagsrassismus humorvoll aufgegriffen.

Dabei bedient sich der Film jedweden Klischees, die man über die Oberschicht hat: Allen voran Karin Viard in ihrer Titel-gebenden Rolle als Madame Christine lebt das Wonneleben einer wohlhabenden Unternehmerfrau, deren einzige Daseinsberechtigung in sinnlosen, extravaganten Sportaktivitäten besteht und sich als Schmuck des Mannes herzeigen lassen muss. Ihr zur Seite steht ein erfolgreicher, aber resignierter Bauunternehmer, der sich von seiner Frau entfremdet hat und, trotz der sozial engagierten Vergangenheit seiner Familie, in seiner Rolle als reicher Geldsack begnügt. Auf der anderen Seite steht ein typisches, intellektuelles Paar der 68er Bewegung, die nun, ohne es sich selbst eingestehen zu wollen, Teil der Gesellschaft geworden sind und es sich darin richtig gut gehen lassen – linkes Gedankengut alleine reicht eben nicht mehr aus, um authentisch sein.

Während jedoch die „Reichen“ wenn gleich überspitzt, aber durchaus realistisch dargestellt werden, ist die Seite der „Armen“ sehr beschönigt. Richtig nach Elend sehen sie nicht aus, selbst wenn ihnen teilweise übel mitgespielt wird. Ohnehin sind diese nur die Nebenfiguren, Katalysatoren für das neue Choas im Leben der Upper Class.

In einer unterhaltsamen Komödie darf Kritik geäußert werden, schockieren wollte man auch hier nicht. Tabus werden keine gebrochen, höchstens angekitzelt. Für das Genre reicht es aus. Und doch hätte man sich mehr trauen dürfen. So fällt MADAME CHRISTINE UND IHRE UNERWARTETEN GÄSTE sehr seicht aus und verfehlt den gesellschaftskritischen Ansatz.

Nichtsdestotrotz machen die unterschiedlichen Figuren und ihre Entwicklungen Spaß. Jeder einzelne Bewohner entdeckt sich neu: Ein alter Gentleman wird schwul. Eine meckernde, durchtriebene Hausmeisterin wird geläutert, eine Unternehmer findet zurück zu seinen Wurzeln und eine Frau der Oberschicht springt über ihren Schatten. Die Schauspieler liefern hier in ihren Rollen überzeugende Leistung ab, ja füllen den Charakter liebevoll und passend-überspitzt aus. Neben Viard bleibt vor allem Valérie Bonnetons Figur hängen: In ihrem roten Skieinteiler, dem dicken Schal und der viel zu großen Mütze fällt sie schon optisch in vielen Szenen auf. Der doppelmoralische Zwiespalt (Ja, den armen muss geholfen werden, aber nicht von uns) ihrer Figur, eine linken Professorin, bildet ein großartiges Gleichgewicht zur Madame Christine. Und es zeigt auch: Wie nah sich Linke und Konservative doch sein können, haben sie erst einmal einen gewissen gesellschaftlichen Status erreicht.

Erwartet keine große Handlung, keine erhobenen Zeigefinger, sondern nur eine erfrischende Komödie. Damit ist MADAME CHRISTINE UND IHRE UNERWARTETEN GÄSTE perfekt für einen Sonntagnachmittag auf der Couch. Denn der Culture Clash Film tut niemanden weh – nicht mal sich selbst.

MADAME CHRISTINE UND IHRE UNERWARTETEN GÄSTE ist ab dem 08.09.2017 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich. Neben dem Hauptfilm finden noch vier zusätzliche Szenen sowie die übliche Trailer Show auf der Scheibe.

von Jörg Gottschling

Bewertung: 

Quelle: Pressematerial Universum Film

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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