DER NACHTMAHR (2016)

Kleine Monster, laute Musik & düstere Visionen

Die Boxen laut aufdrehen – das wird vom Film gefordert. Und tatsächlich wirkt DER NACHTMAHR erst dann so richtig, wenn sich der Sound, der Bass, die unkonventionellen Töne entfalten dürfen. Doch der Film ist mehr als nur eine Herausforderung für das Mischpult. Er ist ein verstörendes Psycho-Drama und ein Statement für den modernen deutschen Film.

INHALT:

Tina (Carolyn Genzkow) steht kurz vor dem Abi, genießt ihr junges Leben in voll Zügen und macht gerade am Wochenende an abgefahrenen Orten mit lauten Technobeats die Nacht zum Tag. Doch bei einer Party in einem Schwimmbad erlebt sie einen Albtraum. Dort bricht sie zusammen und sieht seit dem etwas Unerklärliches: Ein Monster, das sie von da an permanent heimsucht. Zudem hat sie weitere Halluzinationen und Albträume. Auch eine Therapie bringt nicht den gewünschten Erfolg.

Niemand will ihr so recht glauben. Zwischen der Suche nach Erklärungen und der Verdrängung des Unfassbaren gefangen, wird aus dem lebenslustigen Mädchen immer mehr eine verschlossene, depressive Person, die sich mit ihren eigenen Ängsten und Sorgen alleine gelassen fühlt. Bildet sie sich alles nur ein? Oder steckt doch ein wahrer Kern in ihren Visionen?

FAZIT:

DER NACHTMAHR von Akiz ist ein deutschen Psycho-Drama, das auf authentische Art verstört. Paradox und doch in sich schlüssig eröffnet der Film eine abstruse Gedankenwelt, in der Grauzonen des Wirklichen erschlossen, jedoch nicht aufgeklärt werden. Was ist real, was ist Einbildung? Darüber werden wir den ganz Film über nicht aufgeklärt.

Der Nachtmahr ist ein mytisches Wesen, das parasitär dem Wirt die Lebensenergie raubt. Der Film nutzt dieses Wesen als eine Metapher auf psychische Störungen. Auf ein Mädchen, das Dinge sieht, die nicht real sein dürfen. Eine Fötus, eine missgebildete Kreatur ist immer in ihrer Nähe, scheint gar ein Teil von ihr zu sein. Die Einbildung wird in dem Moment Realität, in dem sich diese Kreatur verletzt, denn dann weißt auch Tina eben diese Wunde auf. Sind beide ein und das selbe Wesen, besteht zwischen ihnen gar eine Art Symbiose? So oder so, es kann nur eine Konsequenz daraus folgen: die absolute Verwandlung.

Tatsächlich erfahren wir genau das: Denn Tina ist am Anfang ein Mädchen, dass keine Sorgen hat, mit sich aber im Unreinen steht. Sie abends berauscht und nur auf die baldige Volljährigkeit wartet. Doch dann bricht ein Wesen über sie hinein, dass sie zuerst ignoriert, dann akzeptiert und schließlich sogar die volle Verantwortung dafür übernimmt. Heruntergebrochen bekommen wir in DER NACHTMAHR eine kranke Version einer Coming of Age Geschichte vorgesetzt, die innovativ und verstörend zu gleich ist.

DER NACHTMAHR verbindet dabei intelligentes und authentisches deutsches Drama mit dem verstörenden Horror eines David Lynch ohne dabei zu überzeichnen. So sind alle Figuren bodenständig und glaubhaft. Sie reagieren und interagieren miteinander in einer Art, wie sie für den Zuschauer nachvollziehbar, ja sogar alltäglich ist. Dem gegenüber steht ein Monster, das im Grund nicht böses tut, außer das es da ist und das lebenswerte Fundament eines labilen Mädchen einreißt.

Ein Gegensatz, der sich auch im Ton wiederfindet. So wird ausgerechnet die Realität, der Party-übersättigte Alltag des Mädchens als einen lauten Rauschzustand dargestellt, der sich entweder auf Neon-belichteten Tanzflächen, auf Rauchschwaden-bedeckten Couchzonen oder in heruntergekommenen Hinterhöfen stattfindet. Dem Gegenüber stehen ruhige Szenen, in denen Tina mit ihrem Mammon, einem kleinen Wesen, alleine ist oder sich für ihre Visionen vor Freunden, den Eltern oder dem Psychiater rechtfertigen muss.

Und wo wir gerade bei dem Ton sind. Es mag zwar sein, dass die elektronische Musik als Leitmotiv für einen surrealen Rauschzustand, in der sich die Hauptfigur befindet, laut und klar sein muss. Aber ihr gegenüber steht eine Dialogspur, die viel zu leise ist. Ich jedenfalls war ständig am nachjustieren, um den Dialogen folgen zu können und gleichzeitig nicht von der Musik im Wohnzimmer erschlagen zu werden. Eine schlechte Abmischung, die Methode hat und sich nicht nur durch die Vorwarnung zu Beginn des Films, in der es heißt, dass man laut aufdrehen soll, abhebt, sondern als Leitmotiv des Films zum Geniestreich für das Erzählte avanciert.

Nach etwa zwei Drittel des Films nehmen die Geschehnisse eine Wendung: Realität und Einbildung werden zu einem schwammig-diffusen Brei, der paralysiert und den Zuschauer mit vielen Unklarheiten zurücklässt, ihn sogar selbst an seinem Verstand zweifeln lässt. Der Film wird zu einem wahr gewordenen Albtraum, der sich nicht als solcher offenbaren möchte. Mit einfachen Mitteln wird so eine Unsicherheit beim Zuschauer erzeugt, die jegliche Mutmaßungen, jegliche Theorien im Kopf des Rezipienten im Keim ersticken. Selten fühlt man sich beim Zusehen so hoffnungslos alleine gelassen. Und plötzlich wird der Zuschauer in eine ähnliche Ausgangslage manövriert, in der sich auch Tina befindet.

DER NACHTMAHR ist ein leiser Horrortrip der sich langsam aufbaut und aich in einem Moment heftig entlädt, in dem man schon gar nicht mehr damit rechnet. Mit ehrlichen Figuren und einer intelligenten Geschichte, die sich in ihrer verschachtelten Erzählweise nur langsam erschließt, zeigt Akiz, welche positiven Entwicklungen das deutsche Genrekino in den letzten Jahren genommen hat.

DER NACHTMAHR ist ab dem 27.10.2016 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich. Als sehenswertes Extra findet sich auf der CD auch ein Interview mit Regisseur Akiz, das ursprünglich für Kino+ auf Rocket Beans TV produziert wurde.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Koch Media 2016

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Jörg Gottschling

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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