DAS BELKO EXPERIMENT (2016)

1 Hochhaus, 80 Menschen, 1 Regel: Töten!

2005 erschien ein australischer Film, der das Kinopublikum schockierte: Der Backwood-Horrorerfolg WOLF CREEK erschauerte die Massen durch seine plötzliche und heftige Gewalt. Der Regisseur Greg McLean zeigte damit und auch mit dem Sequel WOLF CREEK 2 (2013), dass er das Horrorgenre, hier als klassischer Slasherfilm, beherrscht. Man darf also aufhorchen, wenn nun ein neuer Horrorfilm von Greg McLean in die Kinos kommt. Und so viel kann man verraten: Gewalt bleibt auch hier Thema – in einer simplen „Story“, die nicht ganz neu ist.

INHALT:

In der Firma „Belko“ in Kolumbien arbeiten viele Amerikaner. Eines Tages, als alle friedlich im Büro sitzen, werden alle Ausgänge und Fenster von außen mit Stahlkonstruktionen verbarrikadiert: Kein Entkommen mehr. Draußen patrouilliert das Militär. Eine Durchsage leitet das mörderische Spiel ein: Wenn nicht in einer halben Stunde mehrere Mitarbeiter getötet werden, gibt es böse Konsequenzen.

Natürlich wird niemand getötet und die Konsequenzen kommen: Die Chips, die den Mitarbeitern bei der Einstellung in die Firma in den Schädel operiert wurden, können detonieren. Und als Konsequenz tun das dann mehrere Chips. Nun ist allen klar, dass es sich hier um keinen schlechten Scherz handelt. Die nächste Durchsage kommt: In zwei Stunden müssen 30 weitere Mitarbeiter tot sein, sonst werden 60 explodieren. Eine Gruppe Männer formiert sich, die entscheiden wollen, wer sterben muss und wer überleben darf. Doch es regt sich Widerstand…

FAZIT:

Seien wir mal ehrlich: Bei einem Plot wie hier beim BELKO EXPERIMENT geht es nicht um die Story. Vielmehr ist er eine Ausrede, um zu zeigen, wie sich die Figuren gegenseitig umbringen. Es geht also um die Darstellung vom Morden und Töten. Und das wollen dann wahrscheinlich die meisten Zuschauer auch sehen. Deswegen ist es bei einem solchen Film am besten, dass er sich auch nur auf diese wesentliche Absicht konzentriert – möglichst selbstironisch und mit Abstand – und nicht versucht, den Film mit überflüssigen Plot-Elementen zu rechtfertigen. THE RAID (2012) beispielsweise hat das damals geschafft.

DAS BELKO EXPERIMENT schafft es nicht so recht. Er versucht, die Story zu rechtfertigen. Aber die Ausgangssituation ist einfach zu absurd, um die Gespräche der Leute, die einen Sinn des Ganzen suggerieren sollen, ernstzunehmen. Außerdem ist dem Zuschauer sehr schnell klar, dass es hier nicht um Realismus geht. Trotzdem versucht McLean streckenweise, eine psychologische Studie aus dem Film zu machen – über den Wert von Menschenleben oder das Wesen des Menschen an sich: „So sind Menschen. Wenn es hart auf hart kommt, kümmert sich jeder nur um sich selbst“, erklärt eine Frau im Film. Dieser Satz würde wunderbar in einen Film Noir passen. In der Metzelei vom BELKO EXPERIMENT wirkt er irgendwie deplatziert und heuchlerisch.

Diese „psychologisierten“ Szenen sind nicht unproblematisch – wie der Film an sich nicht immer unproblematisch ist: In seinem narrativen Kontext mit einem gewissen Realismusanspruch, den der Film aufzubauen versucht, dann eine regelrecht feierliche Orgie des Mordens und der Gewalt zu präsentieren, ist doch oft hart an der Grenze – auch für Freunde des nicht immer guten Geschmacks. So etwa in der Mitte des Films, als das Explodieren von 31 Köpfen unschuldiger Menschen zu Tschaikowskis 1. Klavierkonzert zelebrierend zum Mordrausch der folgenden Szenen überleitet (ob diese Szene zynisch gemeint war? Es ist nicht ganz stimmig).

Man ringt bei diesem Übergang vom ersten Teil des Films, der die „Story“ voranbringt, zum zweiten Teil des Films, der das Fest des Tötens zeigt, mit seinen moralischen, ethischen und humanistischen Bedenken. Etwas Ironie hätte die Gewalt des Films relativiert, doch Humor fehlt dem BELKO EXPERIMENT, abgesehen von einer Kiffer-Figur, die wohl für humorige Passagen zuständig sein soll. Ist man dann allerdings einmal in dem Horrorfilm-Slasher-Gore-Kontext ohne Bezug zur Realität drin, erwartet ein gutes Stück Genrekino.

DAS BELKO EXPERIMENT startet am 15.06.2017 in den deutschen Kinos.

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Kinostar Filmverleih 2016

 

Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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