Kinotopia Now #6: Spoiler-Wahnsinn

Warum eine Serie erst dann Thema sein sollte, wenn die Staffel zu Ende ist

Man begegnen ihnen überall und keiner ist mehr vor ihnen sicher: Spoiler gehören zum normalen Serienkonsum beinahe dazu. Eine Unart, die sich wie ein Lauffeuer verbreitet und ungefragt ganze Serien kaputt machen kann. Doch warum spielen so viele das Spiel mit und sorgen dafür, dass sich die Gefahr, gespoilert zu werden, um ein Vielfaches erhöht? Lasst uns das Problem ergründen und den Teufelskreis durchbrechen.

Streamingsucht & Spoiler-Gefahr

Der gemeine Suchti zieht heute mal gepflegt eine ganze Staffel an einem Abend durch. Kein Problem, denk er sich, schließlich sind Streamingdienste dafür auch da. Doch was ist mit den aktuellen Serien, bei denen das eben nicht geht? Solche Serien, die gerade erst laufen und ganz old school Woche um Woche auf sich warten lassen? Hier wird gerne mal die Zeit zwischen den Folgen damit überbrückt, über das unmittelbar Vergangene zu reflektieren.

Doch was für die einen eine gepflegte Unterhaltung zwischen Kennern ist, ist für die anderen eine untragbare Spoilerflut im öffentlichen Internet. Denn nicht jeder hat die Möglichkeit, eine Serie sofort zu gucken, ist auch gar nicht bereit Kosten und widrige Umwege am Rande der Illegalität zu finden, die es einem ermöglichen, sofort die neuste Folge sehen zu können. Viele lassen sich heute gar bewusst Zeit und warten drei Monate ab, bis die Staffel durch ist, nur um sie dann, wie oben erwähnt, an einem Abend durchzusuchten.

Der Kern meines Problems

Es ist eine Sache, wenn Kumpels sich am Morgen nach der Ausstrahlung der neuste Folge über ihre Lieblingsserie unterhalten. Aber warum muss daraus heute eine ausgedehnte öffentlichen Diskussion werden? Nicht jedem interessiert, was in dieser oder jener Folge einer einzelnen von tausenden Serien gerade passiert ist. Und doch steigen große Portale, wie kleine Blogger, ja sogar seriöse Nachrichtenportale auf den Zug auf und diskutieren mit. Und das, was unweigerlich damit einhergeht, ist die nähere Erläuterung des Inhalts, ein verraten von wesentlichen Elementen der Serie, der Staffel und der Folge. Mit anderen Worten: Kaum ist der nächste Morgen angebrochen, füllt sich das Internet mit Spoilern. Denen zu entkommen, ist unmöglich.

Im Zickzack durch den Alltag

Erinnert ihr euch noch an diese Tage, an denen ihr das Spiel euer Lieblingsmannschaft aufgenommen habt, weil ihr am selben Abend wegen eines Familienessens verhindert wart? Eigentlich freut ihr euch darauf, das Spiel einen Abend später anzusehen, aber leider müsst ihr vorher zur Arbeit und dort kennt bereits jeder das Ergebnis. Heute mit dem Internet ist es noch viel schlimmer geworden. An jeder Ecke sammeln sich Andeutungen und offensichtliche Spoiler, die euch den Spaß an dem nehmen, zu dem ihr noch nicht kamt. Klar: Wem die Serie nicht interessiert, den lässt das kalt. Doch jeder hat eine Serie, die er mag und die er lieber selbst gucken möchte, aber bei der er genau weiß, dass er dazu in den nächsten Tagen, ja manchmal sogar Wochen nicht kommen wird. Ein ignorieren des Internets ist heute aber nicht mehr möglich und so wandelt man im Zickzack durch den Alltag und versucht jede Spoiler-Mine – sei sie digital oder analog im Großraumbüro – zu umgehen.

Ein Klick mehr als die anderen

Wer die Serie kennt, dem reicht auch nur der kleinste Hinweis, um sofort zu kapieren, was in der verpassten Folge passiert. Ein Foto, ein Begriff, ein Halbsatz – mehr bedarf es nicht, um es zu wissen. Und das wissen die Diskussionsteilnehmer auch. Trotzdem wird fröhlich und motiviert darüber ausgetauscht und geschnackt. Hier geht es jedoch schon lange nicht mehr um die Serie, hier geht es um Klicks. Über Serien, wie BREAKING BAD, GAME OF THRONES oder THE WALKING DEAD redet jeder. Man fühlt sich als Websitebetreiber geradezu dazu verpflichtet, darüber reden zu müssen und das unmittelbar nach jeder einzelnen Folge. Es ist ein Spiel, bei dem es nur darum geht, dass man mitredet, um den Leser auf seine Webseite zu lotsen. Denn solche Serien sind die Straßenfeger von heute, für die sich die Massen interessieren. Und so ist es die Pflicht des Filmportals und der Anspruch des Bloggers am Puls der Zeit zu bleiben. Doch der Puls hat einen Takt angenommen, der nicht mehr gesund ist.

Die ausgefuchsten Experten

Besonders raffinierte und gut organisierte Profis, nicht selten aus der Bloggerszene und den Online-Filmportalen, haben sich obendrein schon sehr lange ihre eigenen Wege erschlossen, um sogar noch früher die Folgen der Lieblingsserie sehen zu können. Der Erfolg, die Folge bereits vor dem offiziellen Deutschlandstart gesehen zu haben, wird mit einem ausführlichen Bericht gleich kundgetan. Dass heute glücklicherweise zwischen dem US-Start und dem Deutschlandstart – Streamingdienste sei Dank – manchmal nur ein Tag liegt, kümmert diese „Profiserienjunkies“ nicht. Sie warten nicht ab, sondern lassen noch nicht mal denen Zeit, die sogar die Möglichkeit hätten, sehr schnell die neuste Folge zu schauen. Okay, die meisten von diesen ausgefuchsten Experten mit ihren tollen Quellen meinen es nur gut mit ihren Texten. Aber das bringt mich eigentlich schon zum nächsten Kritikpunkt.

Brauchen wir Folgenkritiken?

Es gibt Serien, in der steht eine Folge für eine Geschichte (z.B.: die meisten Krimis, Sitcoms oder „Weekly Monster“-Serien a la AKTE X). Und es gibt Serien, in denen wird kontinuierlich der selbe Handlungsstrang weitererzählt und durch Rückschau-Episoden ergänzt. Ich habe bei jener letzten Serienform eine Staffel immer als ein Ganzes angesehen. Alle Folgen einer Staffel sind ein Zyklus, der zusammengehört und zum nächsten Zyklus überleitet. Bei THE WALKING DEAD kann man diese sehr leicht festmachen: Staffel eins war eine Einführung in einem Camp, Staffel zwei spielt auf einer Farm, in Staffel drei findet man ein neues Heim, dass man bis zum Beginn von Staffel vier verteidigen muss. Doch die Zuflucht geht Anfang der Staffel fünf verloren und so landet man getrennt voneinander auf der Straße bis man sich wiederfindet. In Staffel sechs entdeckt man erneut eine Zuflucht. Die scheint sogar sicherer als alle anderen zuvor. Allerdings offenbart sich spätestens zum Ende der Staffel auch die größte Bedrohung aller Zeiten. Diese gilt es derzeit in der siebten Staffel zu bestehen.

Was ich damit sagen will: So eine Serie ist wie ein einziger Film. Warum glauben jedoch viele, dass es nötig ist, aus diesem Zyklus eine einzelne Folge herauszupicken und diese besprechen zu müssen? Man kritisiert doch auch bei einem Film nicht nur die Minuten 20 bis 35 und setzt dann eine Woche später erneut mit seiner Besprechung bei Minute 36 wieder an. Eine Staffel dieser Serienart hat heute zwölf bis 20 Folgen á durchschnittlich 45 Minuten. Dass macht pro Staffel mindestens 540 Minuten und bei einer ausgedehnten Serie, wie THE WALKING DEAD oder GAME OF THRONES (beide sechs abgeschlossene Staffeln) sogar auf die ganze bisherige Serie bezogen mehr als 3240 Minuten; umgerechnet gut 54 Stunden (da einige Folgen auch länger sind). Und doch wird einer einzelnen Folge so viel Bedeutung zu gemessen, dass man diese besprechen muss. Aber reicht nicht auch die Besprechung des gesamten Zyklus aus?

Ein Hohn für die Filmanalyse

Was kommt eigentlich bei diesen „Folgenkritiken“ heraus? Oft nicht mehr als eine ausführliche Inhaltsangabe, die in den Gesamtkontext eingebettet und mit wilden Theorie über die Bedeutung von dies und das angereichert wurde. Ist das wirklich eine Kritik? Ist das wirklich nötig? Wird diese schnell getippte Simplifizierung auf den Inhalt der Folge wirklich gerecht? In keinem Fall! Schon die Entwicklung eines einzelnen Charakters kann nicht auf eine einzelne Folge zurückgeführt werden, auch wenn diese einen Schlüsselmoment darstellt. Ebenso ist es bei der Gesamtentwicklung des Inhalts. Jede Folge für sich ist nur ein Baustein im Zyklus, der alleine noch nicht vollständig aufgeschlüsselt werden kann, wenn der Gesamtzyklus noch nicht bekannt ist.

Obendrein geht es bei einer Serie eben nicht nur um die Handlung. Der arme Kameramann, der arme Cutter, der arme Tontechniker und der arme Requisiteur – und das sind nur ein paar, die an der Folge beteiligt waren und in keinster Weise Beachtung finden. Natürlich denke auch ich bei meinen Filmkritiken nicht immer an jeden einzelnen von ihnen, aber in diesen Folgenkritiken findet ihre Arbeit wirklich nicht statt. Denn in den meisten Fällen die Folge nur auf ihre Handlung reduziert. Okay: Manchmal geht es auch um die Darstellung von Gewalt und das hier und dort etwas geschnitten wurde. Aber das ist doch nicht alles, was eine Serie, eine Folge so gut macht. Unser Ben hat beispielsweise vor ein paar Wochen klar gemacht, wie wichtig die Landschaft für einen Film, aber auch eine Serie ist. Und ich wiederum liebe es, wenn eine Szene durch eine ungewöhnliche Kameraperspektive dargestellt wird und dadurch sogar den Inhalt unterstreicht.

Erinnern wir uns hier nur an die berühmte Szene mit der Pizza auf dem Dach in BREAKING BAD. Walter White ist ausgerastet und gleichzeitig hilflos. Er verliert familiär die Kontrolle und steht emotional an der Wand. Der Zuschauer blickt aus der Perspektive der Pizza auf den mit dem Auto wegfahrenden White. Die Einstellung symbolisiert seine innere Gebrochenheit, denn in diesem Moment ist er nicht der souveräne Heisenberg, sondern ein gebrochener Mann, der nun noch nicht mal mehr die Kontrolle über seine in weite Ferne gerückte Pizza hat.

Doch findet das Erwähnung in solchen Folgenkritiken? Selten. Da man sich auf einzelne Szenen nicht einlässt. Vielmehr verliert man sich in Oberflächlichkeiten, in der Masse an Folgen und der Komplexität solcher Serienplots. Ja, man stumpft gar durch den Massenkonsum ab.

Staffel vor Folge

Deswegen mein Appell an alle: Spielt das Spiel nicht mit. Keiner muss auf den Thron der Berichterstattung. Niemand muss Klicks generieren, wenn dadurch für die Meisten die Gefahr besteht, dass dadurch eine gute Serie kaputt gemacht wird. Und keiner braucht eure widrigen Theorien. Lasst die wöchentliche Berichterstattung und wartet ab. Gebt statt dessen am Ende der Staffel eine qualifizierte Bewertung an diejenigen weiter, die sich genau diese Staffel noch angucken wollen. Hört auf zu spoilern und macht euch klar, dass selbst „spoilerfreie“ Andeutungen ausreichen, um denen, die der Serie kundig sind, alles zu verraten.

Und was noch viel wichtiger ist: Entspannt euch wieder. Genießt die Serie, statt euch durch den Zwang des „Mitredenmüssen“ zu sehr stressen zu lassen. Immerhin sollen Serien doch Spaß machen. Aber leider haben das viele vergessen und verlernt.

von Jörg Gottschling

Jörg Gottschling

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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