Kinotopia Now #6: Remakes, Prequels & Sequels – Teil 1

Gefangen in der Zeitschleife des immer gleichen Blockbusterkinos

Beschäftigt man sich intensiver mit der Kinolandschaft, fällt einem eine Entwicklung auf, die in den letzten Jahre scheinbar immer mehr zunimmt: Statt durch neue Geschichten Begeisterung auszulösen, setzt vor allem das Mainstream-Kino auf Fortsetzungen und Neuauflagen. Ein Trend, der, betrachtet man die Filmgeschichte im Ganzen, eigentlich immer schon da war.

Doch das Filmangebot wird von Jahr zu Jahr größer und mit dem Wachstum in der Filmbranche braucht diese eben auch ihre Geschichten – mehr Geschichten, als sie sich selbst jemals ausdenken könnte. Obendrein werden Filme nicht aus reinem Selbstzweck produziert. Sie müssen lukrativ sein. Und lukrativ ist eben nur das, was ankommt und bekannt ist.

Und so geht die Branche auf Nummer sicher, setzt auf Franchise, Neuverfilmungen und Bestsellerromane. Hier ist bereits eine breite Fanbase da. Und so werden wir überschwemmt mit Prequels, Sequels und Remakes. Doch woran liegt das eigentlich?

 

Die Leiden des Autoren

Zäumen wir das Pferd zunächst von hinten auf und betrachten die Entwicklungen in der Filmbranche mal aus der Perspektive des Autoren. Der genießt in den USA durchaus mehr Ruhm als in unseren Gefilden – nebenbei bemerkt ein echtes Manko des deutschen Films – doch eine Kritik haftet an ihm. Parolen, wie „Hollywood fällt nichts mehr ein“, sind keine Seltenheit und treffen den Autoren.

Doch ist er wirklich Schuld daran? Nicht unmittelbar. Vielmehr noch genießen viele Autoren nicht mehr die Freiheiten von früher. Dies liegt vor allem an den Produzenten und Filmschmieden, die einen sicheren Pfad einschlagen (schon immer eingeschlagen haben), damit der Geldfluss in dieser riesigen Industrie nicht versiegt. Es scheint jedoch, dass heute umso mehr der Mut verloren gegangen ist. Denn es zählt nicht das Gewagte und Neue, sondern das, was sich bewährt hat.

Die Folge: eine Reproduzierung des Immergleichen. Junge Antihelden, Love Interest, klassische Konfliktsituationen und festgeschriebene Regeln, wie sich ein Film aufzubauen hat, führen zu wenig innovativen Produktionen, in denen allzu oft Action und konstruierte Schicksalsschläge einen höheren Stellenwert einnehmen, als durch mutige Experimente die Konventionen des Films (des Filmgenres) zu durchbrechen. Unaufhaltsam und unbelehrbar werden lieber Multimilliarden Dollar für große Schauspieler in unpassenden Rollen und schwachen Handlungen ausgegeben. Viel Entfaltungsspielraum für die Verwirklichung der eigenen Ideen bleiben den meisten Autoren also nicht. Beschweren darf sich der Zuschauer daher trotzdem, denn auch wenn diese Blockbuster ankommen, so befriedigen sie auf Dauer nicht unseren Konsumdrang.

 

Fehlt Hollywood die Kreativität?

Remakes sind salonfähig – und eigentlich waren sie das schon immer. Was in den letzten zehn Jahren jedoch passiert, grenzt an einem irren Wahnwitz: Betrachtet man das Blockbusterkino der vergangenen Dekade, wird man feststellen, dass die Anzahl an Remakes, Sequels und Prequels exponentiell in die Höhe gestiegen ist. Zu allem Überfluß findet heute jeder noch so kleine Romanbestseller in nur wenigen Monaten seinen Weg vom geschriebenen Wort zum bewegten Bild.

Es scheint, als ruht sich das Kino auf den Ideen Anderer aus und reproduziert oder adaptiert seine Geschichten nur noch. Auch hier können die Autoren (fast) nur verlieren. Denn sie müssen sich an einer Vorlage, an den Geschichten Anderer orientieren. Sind ihre Drehbücher zu weit vom Roman weg, erhalten sie Schellen von der Fangemeinde.

 

Filmtrend: Alte Geschichte, neue Perspektive

Der Nachteil an vielen Filmklassikern: Auch sie altern irgendwann einmal. Ein Nachteil, der für die Filmemacher ein großer Vorteil ist. Denn nun können die alten Stoffe, die einst die Kassen haben klingeln lassen, neu aufgesetzt werden. Jede Filmschmiede hat hierfür seine eigene Strategie gefunden:

So machte sich Universal Pictures an eine neue Monsterfilmreihe und wollte die Mumie, den Werwolf und den Vampir wieder aus der Versenkung holen – ja, geplant war gar ein eigenes Universum im Stile des MCU’s (Marvel Cinematic Universe). Nach dem Flop von DIE MUMIE (2017) gilt dieses Experiment jedoch schon als gescheitert. Disney hingegen fährt mindestens zweigleisig. So kauft der Konzern munter die Rechte an erfolgreichen Franchise und hievt sie ins 21. Jahrhundert, wie beispielsweise im Falle der Muppets. Und andererseits setzt man auf Realverfilmungen von Zeichentrickklassikern. Mit MALEFICENT, CINDERELLA, DIE SCHÖNE UND DAS BIEST und THE JUNGLE BOOK sind bereits vier Filme erschienen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. So erwarten uns noch weitere Filme über Winnie Puh (CHRISTOPHER ROBIN) und Dumbo. Den Bogen überspannt hat Disney mit dem Remake zu DER KÖNIG DER LÖWEN. Auch wenn Jon Favreaus DSCHUNGELBUCH-Version recht respektabel war, so kam der Film bei weitem nicht ans Original heran. Doch soll er das überhaupt? Nein, er muss es nicht einmal. Denn Groß wie Klein hat ihn gesehen, wie der Zuschauer auch alle weiteren Realverfilmungen von Disney sehen wird. Sei es aus Nostalgie oder weil man sie wirklich sehen möchte.

 

Remakes are alright

Darüber hinaus, und das ist auch gar nicht ungewöhnlich, erscheinen jedes Jahr dutzende Filme, die eigentlich nur ein Aufwärmen alter Stoffe darstellen. Die meisten von ihnen, wie etwa RED DAWN (2012) oder POINT BREAK (2015), erreichen jedoch kaum den Ruhm des Originals. Erst recht nicht, wenn auch die Vorlage nicht sonderliche Erfolge verzeichnen konnte.

Natürlich gibt es wenige Ausnahmen, in denen das Remake das Original übertraf: So gehört beispielsweise BEN HUR (1961) – heute ein Klassiker – zu dieser Reihe. Damals hatte man jedoch noch so viel Angst vor der ersten Verfilmung aus dem Jahre 1925, dass das Filmstudio versuchte alle Kopien des Vorgängers zu vernichten. Eine Anekdote, die zeigt wie mächtig ein „Original“ auch Jahrzehnte später noch sein kann. Doch glücklicherweise ist so etwas ein Relikt aus einer vergangenen Kino-Ära.

Bei anderen Remakes möchte man hingegen darüber streiten, welche Version denn gelungener ist. Ein gutes Beispiel für so einen Fall ist TRUE GRIT. Beide Filme sind, für mich zumindest, auf einem gleichwertig hohem Level.

Andere Remakes und Originale sind hingegen so nah beieinander, dass der Vergleich im Ansatz hinkt. Hier hat sich Sony keinen großen Gefallen getan, indem man zunächst eine Trilogie mit Toby Maguire als SPIDER-MAN produzierte, in der sich jedoch einiges verzettelt. Und dann merkt man plötzlich, dass Disney im Stechschritt voranschreitet und andere Marvelhelden zum Sieg an der Kinokasse führt. Also wird, obwohl die erste Trilogie quasi gerade erst abgelaufen ist, schon an einem neuen Remake des Spinnenmannes gewerkelt. Dieser Spider-Man war anders, aber auch nicht die Antwort, die sich der Fan gehofft hat – erst recht nicht nach THE AMAZING SPIDER-MAN 2: RISE OF ELECTRO. Also: Wieder zurückspulen, sich diesmal mit Disney zusammentun und den nächsten Spider-Man in CIVIL WAR ins Feld führen und durch SPIDER-MAN: HOMECOMING ausbauen.

Noch viel schlimmer erging es dann den FANTASTIC FOUR, dessen erste beiden Filme wirklich nicht berauschend waren. Da half auch nicht eine Jessica Alba als Invisible Woman. Doch das war alles nichts im Vergleich zum Remake von 2015. Hier war sich die Presse einig: Totalversagen!

 

Remakes als US-amerikanische Notwendigkeit

Eine weitere, notgedrungene Form von Remakes sind diese, die bedingt durch die Kinolandschaft in den Vereinigten Staaten entstehen. So steht der US-Amerikaner an sich nicht auf Synchronisation. Die Folge: Jeder international erfolgreiche Film, der nicht auf englisch produziert wurde, wird kurzerhand einfach nochmal gedreht – am liebsten mit Hollywoodstars. Daraus entstanden, ist unter anderen DIE GLORREICHEN SIEBEN, dessen Vorlagen der japanische Klassiker DIE SIEBEN SAMURAI war. Jenes Remake stellt dabei eine Ausnahme dar. Denn tatsächlich wurde in diesem Fall das Remake international bekannter und erfolgreicher, als das japanische Original. Dies lag wohl auch daran, dass hier Westernhelden statt Samurai vor der Kamera ein Dorf retteten. Die Regel sieht, wie wir an anderen Beispielen sehen werden, ganz anders aus. Im Übrigen bekamen die „glorreichen Sieben“ vor kurzem ebenfalls ein Remake. Die Spirale dreht sich eben immer weiter – und auch Remakes erhalten Remakes.

Ein anderes Beispiel ist VERBLENDUNG. Natürlich eine Romanverfilmung, aber im eigentlich Sinne auch ein Remake eines Films. Wohl gemerkt EINES. Denn die Romanreihe umfasst drei Bücher, die in Schweden bereits alle schon erfolgreich verfilmt und europaweit lukrativ verkauft wurden. Ganz nebenbei waren sich Experten einig: Dieses schwedische Fimlreihe ist großartig. Grund genug für Hollywood, ganz in der eigenen Tradition, auch hiervon eine eigene Version zu zimmern. Mit Daniel „007“ Craig in der Hauptrolle und David Fincher auf dem Regiestuhl fand man auch zwei der ganz Großen für die Vermarktung. Doch was passierte? Statt eine Filmreihe zu produzieren, blieb es bei einem Film und der fiel auch noch brachial durch.

 

Zwischenfazit:

Dies ist natürlich nur eine sehr oberflächliche Sicht. Das sollte klar sein. Das Thema ist zu komplex. Zu vielschichtig, wie das Beispiel der Autoren gezeigt hat. Und natürlich gibt es sie noch: die eigenen Ideen. Sie finden jedoch nach wie vor tendenziell eher in sogenannten Arthouse- oder Indiefilmen statt. Das ist kein Geheimnis und für den Cineasten, der sich auch links und rechts neben dem Hollywood-Kino umschaut, völlig okay. Dem Gelegenheitskonsumenten wird hingegen immer die selbe Suppe vorgesetzt: Noch eine Comicverfilmung, noch ein Horrorremake, noch eine seichte Komödie und noch ein putzig-witziger Animationsfilm.

Im zweiten Teil möchte ich mich noch mehr mit neuen Perspektiven in Remakes beschäftigen. Hier spielt vor allem die Frau eine wichtige Rolle. Ebenso werden wir sehen, dass der Film als Einzelwerk nicht mehr genügt und alte Stoffe in neuen Serien verarbeitet werden. Dadurch treten viele neue Probleme auf. Und doch entstehen auch neue Reize, die dem alten Schinken plötzlich ungeahnte Potentiale entlocken.

Jörg Gottschling

Jörg Gottschling

Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
Jörg Gottschling

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