Kinotopia Now #2: Der Knicks des Kino-Knigges

Es sollte ein unvergesslicher Abend werden. Die Kinokarten für eines der Filmhighlights im Kinosommer 2015 waren organisiert, die Freundin saß zufrieden neben mir. Wir starrten auf eine gigantische IMAX-Leinwand und freuten uns auf ein 3D-Kino mit prähistorischen Bekannten.

Keine Frage: Ich war bereit für den vierten Teil von einer Filmreihe, die mich seit meiner Kindheit geprägt hat. Doch JURASSIC WORLD war für mich nicht nur ein Kinoplfichtbesuch, sondern eine Herzensangelegenheit. Monate der mentalen Vorbereitung und Jahre der Erwartungen bündelten sich an diesem Abend.

Doch aus der hibbeligen, kindlichen Vorfreude, die in mir wohnte, wurde bald eine ermattende Ernüchterung. Gefangen in einem Sandwich aus Störfaktoren milderte sich der Kinogenuss zu einer quengeligen Kinderveranstaltung ab: Hinter mir polterten die viel zu großen Rüpel auf ihren Sesseln. Links neben mir führte ein Schönling seine magersüchtige Freundin mit einer quietschigen nervigen Mäuselache aus. Und rechts von mir formierten sich drei Tussis zum trattischigen Smalltalk inklusive Smartphone-Dauerbeleuchtung.

Der Knicks des Kino-Knigges

Nachdem die häusliche Technik einen Standard erreicht hat, der für viele kinogleich das Erlebnis auf der großen Leinwand abgelöst hat und der Filmkonsum zur alltäglichen Beiläufigkeit geworden ist, steht das Kino in seiner Funktion als Institution auf dem Prüfstand. Der Mensch besucht das Kino selten, um sich an der großen Bühne des Films zu erfreuen, sondern vielmehr um den begehrten Spielfilm schnellstmöglich und komfortabel zu schauen.

Aus dem besonderen Moment wurde eine Massenabfertigung von cineastischen Ignoranten, die größtenteils verlernt haben, das Medium „Film“ wertzuschätzen und darüber hinaus auch ihr Benehmen in der Öffentlichkeit am Popkornstand gegen eine viel zu teure Tüte des salzig-süßem Kinoguts eingetauscht haben. Aus dem vernunftbegabten Menschen wird ein Tier auf der Jagd nach hochauflösenden Bildern mit viel Bumm Bumm.

Das Kino-Es

Komfort wird im Kino heute viel zu leichtsinnig mit häuslicher Gemütlichkeit verwechselt. Flogen schon noch vor 40 Jahren „nur“ die Popkorntüten durch die Gegend, hat sich der moderne Kinogänger gleich eine ganze Palette an Störfaktoren angeeignet, die er in seiner Ignoranz seinen Mitbesuchern gegenüber nur allzu gerne anwendet. Bei all seinem Wirken und Handeln steht er selbst und seine Bande im Vordergrund des Geschehens. Von seinen Kino-Urinstinkten geleitet wird aus dem vernunftbegabten, freien Geist ein schmatzender, kichernder und brunftiger Höhlentroll, der in der Dunkelheit des Kinosaals sein frisch erlegte Tacco- und Popkorn-Beute lauthals vertilgt, während er seine Höhle mit dem blauen Feuerschimmer seines Smartphones erhellt und seinen Platz mit zielgenauen Cola- und Bierspritzern animalisch markiert.

Die Resignation des Cineasten

Auch nach 30 Jahren meines Lebens stellt der Kinobesuch immer noch etwas magisch dar. Die große Leinwand, die gemütlichen Sessel und der Film, auf den man nicht selten Jahre gewartet hat, sowie eine technische wie inhaltliche Umsetzung, die alle Facetten menschlicher Emotionen hervorrufen – das ist Kino. Doch Kino ist eben auch ein großer Raum voller Menschen, die sich fremd sind, eigene Marotten an den Tag legen und zu einer kurzzeitigen Zweckgemeinschaft verbunden werden. Eine Gemeinschaft kann jedoch nur dann funktionieren, wenn alle an einem Strang ziehen und Kompromisse eingehen.

Unser Ziel ist klar: Der Genuss des Films. Doch der darf nicht leiden, wenn einzelne wenigstens für zwei Stunden ihre schlechten Angewohnheiten ruhen lassen können. Heute bezahlen wir viel Geld für ein paar Stunden erstklassiges Entertainment, warum müssen jedoch einzelne Störfaktoren, obwohl die Meisten von ihnen es besser wissen und sich gar kurz nach ihrem Fehler reumütig entschuldigen, immer wieder den Band der Kinogemeinschaft durchschneiden? Beweisen wir vernunftbegabte Menschen doch am Ende nur, dass auch wir manchmal nicht besser sind als die Raptoren auf der Leinwand, vor denen wir uns gerade so sehr fürchten…

Jörg Gottschling

Jörg Gottschling

Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
Jörg Gottschling

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